PUBLICATIONS
Peters, Florian; Hakim, Negar (2026): „Trotz Unauffälligkeit entdeckt: Die Wiener Laimgrubenkirche“. In: kunst und kirche. Magazin für Kritik, Ästhetik und Religion, 3/2026, S. 61–62.
ESSAY LIST
MASTER URBAN PLANNING (M.Sc.)
113 Architectural and urban planning guidelines in high-rise construction: the urban planning context
114 Paradigm Shift in Urban Development Planning: The Case of MesseCity Cologne
115 Shaping Transformation The Deutz Harbor in Cologne
116 The Library as a Third Place - From Theory and Practice
117 Diploma: What‘s Cologne Made of? The development of an architectural identity in the context of local character, using Cologne-Raderthal as an example
MASTER ARCHITECTURE (DI)
205 The Everyday Life of the French Architectural Scene
206 The Practice of the French Architectural Scene
207 Returning the Built Environment to the Natural Cycle: Biodegradable Building Materials
208 Returning the Built Environment to the Natural Cycle: Technology through Architecture
209 Open Oproep: A Flemish Opportunity for Building Culture in German-Speaking Countries?
210 Inconspicuous Sacred Buildings? The Church of St. Josef ob der Laimgrube: A Brief Analysis
211 Art Space: The FRAC by Lacaton & Vassal in an Ecological Consideration using the methodology of the artist Martha Rosler
212 Reception of Antiquity in the Architecture of Vienna‘s Schottenkirche
213 Diploma: Inconspicuous Sacred Buildings? - The Significance of the Laimgruben Church in the context of urban, design and social developments
214 Materiality and construction in the historic preservation: On the difficulties of component reuse - A report on experiences
207 Returning the Built Environment to the Natural Cycle: Biodegradable Building Materials
Rückführen der gebauten Umwelt in den natürlichen Kreislauf: Biologisch abbaubare Baustoffe
Im Zuge der Lehrveranstaltung [...] wurde vermehrt die Thematik der Rezyklierbarkeit erörtert und insbesondere in Bezug auf den Leichtbau positiv konnotiert. Speziell die additiven Bauweisen der technischen Möglichkeiten des Leichtbaus, bei dem die Potenziale des Stahlbaus fokussiert hervorgehoben wurden, begünstigen einen schnellen Rückbau, bzw. Austausch obsolet gewordener Gebäudestrukturen und Bauteile. Als ein nicht unerheblicher Vorteil zum Massivbau kann so bei Bedarf ein entsprechendes Bauteil ausgetauscht werden, ohne dass die generelle Gebäudestruktur schwerwiegend beeinflusst wird. Auf diese Weise wird eine Reparierbarkeit eines Gebäudes gewährleistet zu Gunsten einer reellen nachhaltigen Nutzbarkeit über mehrere Generationen hinweg. Doch was geschieht mit den Baumaterialien am Ende ihrer Lebenszeit? Zumeist werden diese auf Sondermülldeponien und Schuttlagern gesammelt oder/und unter nicht unerheblichen Energieaufwand zu anderen Materialien weiterverarbeitet. Neben dem hohen Primärenergiebedarf bei der Produktion von Baumaterialien ergibt sich so ein zusätzlich hoher Endenergiebedarf für die fachgerechte Entsorgung der Materialien. Mit Bedacht auf die Problematik der Entsorgung von Baustoffen soll sich der Inhalt der folgenden Ausarbeitung nicht damit beschäftigen, was in den Lehrveranstaltungen übermittelt wurde, sondern bewusst damit, was nicht unmittelbar übermittelt wurde. Bei aller Erläuterung der Rezyklierung ist die Rückführung der Baustoffe am Ende ihrer Nutzbarkeit in den natürlichen biologischen Kreislauf nur rudimentär besprochen worden. Möchte man hingegen eine Veränderung der Baugesellschaft hervorbringen, ist es unerlässlich sich mit den natürlichen Eigenschaften unser gängigen Materialitäten und Bauweisen zu beschäftigen.
So soll sich das Thema dieser Arbeit mit der „Renaturierbarkeit“ von einzelnen Baustoffen als Materialien und in der konstruktiven Verarbeitung beschäftigen. Zudem wird eine Betrachtung der Aspekte der Nachhaltigkeit vorgenommen und fokussiert mit dem Aspekt der Entsorgung untersucht. Es soll dabei kein Vergleich zwischen Ist-Situation und Perspektive gemacht werden, sondern anhand der vergleichenden Analyse aufgezeigt werden, dass das Bauwesen noch weiterdenken muss als dies in den bisherigen Diskussionen der Fall ist.
Eine kurze Bestandsaufnahme der Lage/1
Unser zeitlicher Horizont von 50, 100 oder gar 200 Jahren reicht nicht aus! Wir verschieben unsere Probleme auch weiterhin auf folgende Generationen und belasten diese mit unseren aktuellen Anliegen; der wahre Gedanke der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit besteht noch immer in einer Entlastung zukünftiger Gesellschaften von den Beschwerlichkeiten heutiger Probleme. Häufig wird der Gedanke der Nachhaltigkeit, im wahrsten Sinne des Wortes, zu kurz gedacht. Ein Baustoff ist nur dann ganzheitlich ökologisch, wenn wir diesen einfach der Natur überlassen können, ohne die bestehende Flora und Fauna negativ zu beeinträchtigen, wenn die Natur den Baustoff ohne weiteres als Teil der ihrigen akzeptiert. Wie sehr das Bauwesen die Klimaveränderung beeinflusst und wie stark wir als Planende daran beteiligt sind, ist uns allen nur zu gut bekannt. Unzählige Statistiken und (Klima)Berichte erörtern dies immerzu: 40% der CO2-Ausstöße und 60% der weltweiten Abfälle werden durch die Baubranche produziert; die gebaute Umwelt bedingt erhebliche Eingriffe in die lokalen und globalen ökologischen Systeme; die zu schnelle Erhitzung der durchschnittlichen Temperatur auf der Erde um jetzt schon über 1,0 °C, die dadurch folgende Schmelzung der Gletscher und Eiskappen und der damit einhergehenden Anstieg des Meeresspiegels gefährden ganze Landstriche menschlicher Zivilisationen; Wetterextreme treten immer häufiger auf mit schwerwiegenden Folgen für die dort lebenden Gesellschaften.[1] In erster Linie hat dies für uns Menschen beträchtliche Konsequenzen, da wir durch solche Beeinträchtigungen jäh aus unserem gewohnten Umfeld gerissen werden und versuchen müssen uns neuen Bedingungen anzupassen, durch Flucht in neue, noch bewohnbare Gegenden. Der Natur sind wir Menschen egal; der menschengemachte Klimawandel ist ein auf die Menschen projiziertes Problem und hat dennoch weitreichende Folgenden für Flora und Fauna. Wollen wir uns selbst helfen, sind wir es der Natur und ihrer Lebewesen schuldig unser Verhalten zu verändern. Aus diesem Grund ist das Überdenken unserer benutzten Baustoffe für das Produzieren von Gebäuden oder Waren und der Vermeidung von umweltschädlichen Abfällen unumgänglich. Um diese zunächst pathetische Utopie zu erläutern, sollen zwei tendenziell extreme, jedoch realistische, tagesaktuelle Beispiele aufzeigen unter welchem Vorwand mit solch nötigen baumateriellen Anpassungen zu rechnen wäre:
Der Krieg in der Ukraine bietet uns täglich ein Bild zerstörter und verlassener Städte. Ausgebombte, nur noch teilweise stehende Gebäude zieren das mediale Bild und geben uns einen Einblick in eine schreckliche Realität. Aber nicht nur der Krieg bringt Visionen der Leere. Auch Naturkatastrophen, wie jüngst das Erdbeben in der Türkei und Syrien im Frühjahr 2023 zeugen von diesen Orten des Verlassenen und Zerstörten. Es kann, leider, jederzeit geschehen, dass unsere bebaute Umwelt fluchtartig verlassen werden muss und leerstehende Ortschaften auf ungewisse Zeit sich selbst und der Natur überlassen werden. Mit unseren Städten und Bauwerken hinterlassen wir dabei nicht nur eine gänzlich andere, künstlich geschaffene Umwelt, sondern auch erhebliche Schadstoffe, welche wir in unseren Gebäuden verbaut haben. Diese Schadstoffe gelangen früher oder später in den Kreislauf der Natur und richten enorme Schäden an. Wir beschleunigen mit der Wahl der Baustoffe nicht nur die, für uns Menschen gefährliche Klimaveränderung, sondern bringen zudem noch das Übel in die natürlichen biologischen Systeme mit ein. Der Klimawandel fördert des Weiteren das Verlassen von existierenden Orten durch eine neue Welle nomadischen Verhaltens durch Abwanderungen akut betroffener Regionen in klimaverträglichere Gegenden der Erde.
Neben den Auswirkungen des Verlassens von Städten und Orten produziert die Bauindustrie noch immer die weltweit größten Abfälle. Diese Abfälle führen zu den gleichen Schädigungen an der Umwelt, wie die unfreiwillige Emigration und ihrer Rückstände hinterlassender Ortschaften. Würden Bauwerke jedoch so gebaut werden, dass sie ökologisch abbaubar sind, entfällt die große Sorge der bewussten Abfallproduktion. Ohne ein menschliches Erhalten der Substanz werden Gebäudebestände der natürlichen Umwelt nach und nach zurückgeführt. Zusätzlich fördert die Verwendung natürlicher Baustoffe die Bekämpfung der menschengemachten Klimaveränderung und reduziert deren Auswirkungen. Positive Nebeneffekte dienen der allgemeinen menschlichen Gesundheit in physischer wie psychischer Form.
Wiederverwendbarkeit und Entsorgung
Als biologisch abbaubare Baustoffe sind Materialien definiert, welche sich unter natürlichen Bedingungen durch Mikroorganismen, Enzyme oder andere biologische Prozesse zersetzen können und so ein gefahrenloses Zurückführen in den natürlichen Kreislauf ermöglichen. Sie gelten als eine umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichen nicht abbaubaren Materialien und verursachen weniger bzw. keine schädliche Auswirkungen auf die Umwelt. Dabei ist jedoch zu beachten, dass im Vergleich zur energiearmen/-losen Entsorgung der Baustoffe die Gewinnung der Rohstoffe oder die Produktion der Baustoffe ebenfalls einen erhöhten Energieaufwand aufweisen können. Das ressourcenarme und emissionsfreie Herstellen von Baustoffen durch erneuerbare Energien versteht sich als eine Grundvoraussetzung für zukünftige Produktionsmechanismen unabhängig von der Branche. Für einen Vergleich konventioneller Baumaterialien mit denen der Natur rückführbaren Materialien braucht es zunächst die Übersicht der Entsorgungsmethoden. Die gängigsten Baustoffe sind in der heutigen Zeit Mauerwerksziegel, Beton, Stahl und vermehrt wieder Holz. Zu behaupten diese „normalen“ Baustoffe wären in Gänze unökologisch ist dagegen ebenso falsch, wie die Behauptung, dass jene als vollwertig nachhaltig gelten können.
„Wer nachhaltig Bauen möchte, sollte Baustoffe wählen, die aus nachwachsenden, gut recyclebaren und lange verfügbaren Rohstoffen bestehen. Bereits bei der Herstellung des Baustoffs oder -produktes dürfen nur sehr geringe Umweltbelastungen auftreten.“[6] Die Betrachtung von „ökologischen“ Baustoffen bezieht sich indes oftmals auf die Aspekte der Produktion, der Effizienz, der Langlebigkeit und der Wiederverwendbarkeit. Erstaunlicherweise findet der Aspekt der Entsorgung kaum Beachtung. Wird dieser thematisiert, dann nur als Verweis auf nicht ökologische Baustoffe und ihrer linearen Produktion hin zur Deponie. Das Cradle-to-Cradle-Prinzip ist in seiner Methodik auf einen endlosen Zyklus der ewigen Wiederverwendung ausgelegt und berücksichtigt in seiner idealisierten Verbildlichung das Zerfallen von Gebrauchsteilen durch biologisch abbaubare Materialien und einer erneuten Wiederverwendung, um daraus neue Rohstoffe zu gewinnen.[5] Das Bauwesen wiederum versteht unter dem „Zerfallen des Gebrauchsgegenstand, um es dem natürlichen Kreislauf zurückzuführen“ noch die gesamte Gebäudestruktur aus dessen einzelnen Bauteilen wieder neue Gebäude errichtet werden können. Die Entsorgung der Einzelteile wird schlichtweg übergangen und in das illusorisch Unendliche verschoben, ohne eine mögliche und erwartbare Beseitigung jener zu beachten. Es wird davon ausgegangen, dass jedes Bauteil unbestimmt lange seine Funktion erfüllen und natürlichen Verfalls- und Erosionsprozessen entgehen kann. Dieses Ausblenden der Müllproduktion verschiebt die Probleme unserer Zeit somit nur in eine ungewisse Zukunft kommender Generationen.
Es gibt bereits Baustoffe, welche die Eigenschaften der Kreislaufwirtschaft wie auch der „Renaturierbarkeit“ aufweisen. Es handelt sich indessen nicht um neue Erfindungen der modernen Wissenschaft, sondern um seit Jahrtausende verwendete, lang etablierte und durch die Entwicklungen der Industrialisierung ins Abseits geratene Werkselemente: Lehm und Holz. Es gibt wohl keinen Werksstoff, welcher sich so problemlos dem natürlichen Kreislauf zurückführen lässt, wie Lehm, wenn dieser in seiner Sortenreinheit belassen wird. Lehm ist im Grunde genommen nichts weiter als modifizierte und in Form gebrachte Erde, sei es als Stampflehm, Lehmstein oder Lehmziegel. Hat der Baustoff seine Phase des End-of-Life erreicht kann er einfach wieder zu der Erde verfallen, aus welcher er, im Optimalfall vor Ort, gewonnen wurde. Auf ähnliche Weise verhält es sich mit Holz. Hier sind die Modifikationen im Allgemeinen zwar etwas ausgeprägter (Abholzung, Transport, Zuschnitt, ggfs. Nachbehandlung mit natürlichen Harzen o.ä.), aber prinzipiell wird auch das verarbeitete Bau- und Nutzholz bei fehlender langfristiger Pflege wieder von der Natur zurückgewonnen. Da bei der Errichtung von Gebäuden im Generellen 80% der Stoffströme beim Erd- und Rohbau anfallen, besteht ein besonderes Potenzial im Holz- und Lehmbau und dem direkten Nutzen vor Ort anfallender Baustoffe.[2] Neben den oben genannten Baustoffen sind hier auch Naturstein und Ziegel zu nennen. Naturstein hat jedoch den Nachteil, dass ein größerer Heizbedarf erforderlich ist, so wie eine stärkere Beachtung der Feuchteeinwirkungen. Eine rein monolithische Bauweise ist in Naturstein dahingehend nur schwierig umzusetzen und Bedarf den Verbund mit anderen Materialien, um auch die bauphysikalischen Anforderungen zu erfüllen. Ziegel wiederum weist einen (noch) erheblichen Nachteil in seiner Herstellung auf, da er bei sehr hohen Temperaturen und unter entsprechend hohem Energieaufwand im Ofen gebrannt werden muss. Kann der Prozess der Herstellung mittels ressourcenschonender oder erneuerbaren Energien emissionsärmer erfolgen, zeigt sich auch im Ziegel ein großes Ökologisches Potenzial, welches ebenfalls seit Jahrhunderten Gebrauch findet. Am Lebensende vererden die Baustoffe und werden so dem natürlichen Kreislauf zurückgeführt. Metallische Baustoffe wie Kupfer oder Stahl bieten ein enormes Recycling-Potenzial und können theoretisch unendlich oft wiederverwendet werden. Zudem verfügen sie über ein besonders effizientes Materialverbrauch-zu-Tragfähigkeit-System und können im Vergleich zu anderen Baustoffen, auch im Leichtbau, äußerts ressourceneffizient konstruiert werden und benötigen bei gleicher statischer Stabilität weniger Materialaufwand als andere Baumethoden. Am Lebenszyklusende und keiner weiteren Rezyklierung vererden auch metallische Stoffe und fügen sich dem natürlichen Kreislauf wieder ein. Jedoch besitzt Stahl ein besonders hohen primären Energieaufwand und kann in seiner Förderung nur mittels erheblicher naturräumlicher Eingriffe gewonnen werden.[2]
Während die oben genannten Baustoffe besonders gut geeignet sind für die Errichtung tragender Strukturen gibt es eine Vielzahl an weiteren Roh- und Baustoffen für Dämm-, Abdeckungs- und Innenausbaueigenschaften. Holz kann für all diese den Hochbau betreffenden Gewerke genutzt werden und stellt eine besonders weite Bandbreite dar. Lehm kann des Weiteren für Wandputze und Bodenbeläge und -aufschüttungen gebrauch finden. Andere natürlich vorkommende Baustoff sind vielfältig. Stroh und Schilfrohr kann Verwendung finden als Witterungsbedeckung für Dächer und Fassaden, sowie für Bodenbeläge oder als dämmende Ausfachung genutzt werden. Hanf eignet sich als Abdichtungsmaterial, für Dämmstoffe und Putz oder als Verbundfasern. Ergänzende Verbundfaserwerkstoffe sind Naturfasern wie Kokosnuss, Jute, Sisal oder Flachs. Mit Kork gibt es einen weiteren Dämmstoff, welcher besonders Druckbeständig ist und ebenso als Bodenbelag genutzt werden kann. Kalk kann in Form von Kalkmörtel und Kalkputz als Bindemittel für Mauerwerk oder als Wandputz dienen.[2]
Auch im Bereich von künstlich hergestellten Materialien, wie Kunststoffen, gibt es bereits biotisch basierende Rohstoffe. Formteile, Verpackungen oder Dämmstoffe können dadurch erstellt werden. Als besonders ertragreich zeigt sich die Verwendung von Algen für natürlich hergestellte Kunststoffe. Linoleum als Tisch- und Bodenbelag ist ein bereits bekannter Baustoff und kann durch seine Beständigkeit und klare Optik punkten. Am Lebenszyklusende kann es einfach kompostiert werden. Es gibt zudem wasserlösliche Stoffe aus Polyvinylalkohol (PVOH) deren Haupteinsatzgebiet im Bereich der Verpackungsindustrie liegt, bei welchen die Frage der Eignung für das Bauwesen zu untersuchen wäre.[4] Eine weitere interessante Methode natürlicher Baustoffe durch künstliche Erzeugung wird momentan mit der Züchtung von Pilzen erforscht, welche in als Bauteile verwendete Formen gewachsen werden und in theoretisch jede Funktion gebracht werden können. Dazu später mehr.
Für eine problemlose Wiederverwendung oder gar Entsorgung ist eine sortenreine Verarbeitung der Bauteile unerlässlich. Die nachträgliche Behandlung von Baustoffen zu Gunsten bauphysikalischer oder brandschutztechnischer Belange stellt eine große Herausforderung im Umgang mit der sortenreinen Wiederverwendbarkeit von Bauteilen dar. Die künstlich erzeugte Nachbehandlung lässt neue Verbundmaterialien entstehen, welche ein Recyceln oder gefahrenloses Entsorgen nicht möglich machen. Aufwendige Trennungsverfahren können häufig nicht den gewünschten ganzheitlichen Effekt erzielen und hinterlassen ebenfalls sonderrechtliche Abfälle.[2] Ein qualitatives wiederverwenden ist zumeist ebenso wenig möglich, so dass lediglich ein Downcycling stattfinden kann.
Ein nicht minder zu verstehender Nebeneffekt natürlicher und biologisch abbaubarer Baustoffe sind die Vorteile für ein besseres Raumklima und Wohlbehagen. Diese fördern aktiv die physische wie psychische Gesundheit für uns Menschen und wirkt dem Sick-Building-Syndrom entgegen, nach welchem Gebäude durch die Verwendung künstlicher, nicht „atmender“ Baustoffe das mentale und körperliche Wohlbefinden gefährden und verschlechtern können.[9]
(Nicht) gebaute und gewachsene Beispiele
Sucht man nach gebauten Beispielen für völlig renaturierbare Bauwerke kann fast nur der Blick in die Vergangenheit eine Übersicht verschaffen. Die alten Tempelbauten in Mesopotamien wurden ausschließlich aus Lehmsteinen gebaut. Der Turm zu Babel ist wohl eines der bekanntesten Beispiele eines nachweislich vererdeten Großbaus.[12] Es ist immens schwierig nach Referenzen aus unserer Zeit in den gängigen Fachzeitschriften zu suchen für adäquate Beispiele. Allein diese Schwierigkeit der Suche zeigt die Dringlichkeit, mit der wir uns dem Thema des Bauens mit komplett biologisch abbaubaren Baustoffen widmen müssen. Nahezu alle Gebäude sind auch im ökologischen Sektor noch mit Verbundsystemen verschiedener Materialien oder aus „nur“ recyclebaren Bauteilen errichtet. Aber der Gedanke des ganzheitlichen ökologischen Bauens mit natürlichen Materialien gewinnt an Bedeutung und vereinzelte Lichtblicke stimmen positiv auf künftige Entwicklungen, wie beispielsweise Martin Rauch mit seinen Bauten aus Lehm. Genannt sei hier das eigene Wohnhaus, welches vom Architekten Roger Boltshauser in enger Abstimmung mit Rauch gebaut wurde und den Ansatz des ganzheitlichen ökologischen Bauens verfolgt.[8]
Im Tiefbau konnten sich erfolgreich Bodenbefestigungen aus Geokunststoffen etablieren. Abrieb und Erosionserscheinungen hinterlassen dabei keinerlei negative Auswirkungen auf die Flora und Fauna.[10]
Ein momentan intensiv erforschter Baustoff soll im Folgenden dennoch genauer zur Geltung kommen, da er enorme Potenziale für die gesamte Baubranche mitbringen kann. Die Rede ist hier von dem bereits erwähnten Pilzmyzelium. Die fadenförmigen Zellen bilden bei der Zersetzung von Zellulose und anderen organischen Materialien ein stabiles dreidimensionales Netzwerk und formen sich zu einer selbsttragenden Makrostruktur. Das dabei entstehende Material ist eine Verbindung mit organischen Substraten wie Getreidereste, Holzspäne oder anderen landwirtschaftlichen Restprodukten, welche dem Pilz als Nahrung dienen und mit der Zeit komplett mit dem Geflecht des Myzels durchziehen, so dass ein schwammartiges Verbundmaterial in jede gewünschte Form gebracht werden kann. Mittels thermischer Behandlungen kann das Material stabilisiert und gefestigt werden. Eine Verwendung als Dämmstoff, Wandverkleidung oder Ausfachung ist bereits erprobt. Es wird nun daran geforscht den Pilzverbund so zu stabilisieren, dass er auch als tragendes Element im Bau verwendet werden kann.[11] Doch bereits jetzt steckt ein großes Potenzial in der Nutzung von Pilzmyzelium. Es erfüllt die Eigenschaften einer ganzheitlichen Ökologie durch einen geringen Primärenergieaufwand, die Verwendung rein natürlicher Inhaltsstoffe und kann komplett in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden. Zudem ist eine Produktion an jedem Ort der Welt möglich, ohne nennenswerte Ressourcen zu verbrauchen oder Schadstoffe zu emittieren.11 Sollte die Tragfähigkeit baldig ermöglicht werden kann sich das Bauen mit Pilzen als der neue Gamechanger im Bauwesen erweisen und das Ökologische Bauen als Standard festsetzen. Auch mit hohen Kosten in Produktion und Vertrieb ist nicht zu rechnen, durch äußerst einfache Herstellungsmethode.
Resümee: Rückführung in den natürlichen Kreislauf
Das Thema biologisch abbaubarer Rohstoffe ist äußerst umfangreich und muss weit gedacht werden. Neben der Entsorgung und natürlichen Rückführung in die ökologischen Systeme muss auch beim Anbau und der Herstellung solcher Baustoffe darauf geachtet werden, verfügbare Flächen in einer Koexistenz mit anderen Gewerbezweige zu berücksichtigen, wie beispielsweise die Lebensmittelproduktion. Um der Biodiversität nicht zu schaden sind Monokulturen zum Zwecke einer Verwendung auszuschließen und eine Vielfalt biologischen Anbaus zu beachten. Der tatsächliche Platz auf der Erde ist begrenzt und nicht unendlich nutzbar. Im Optimalfall produzieren wir nicht stetig neue Produkte, seien sie noch so „renaturierbar“, sondern nutzen selbstverständlich das Cradle-to-Cradle-Prinzip und wiederverwenden alles so gut wie möglich. Dennoch gibt es bereits jetzt sehr vielversprechende Ansätze und Lösungen mit ganzheitlich öklogischen Baumethoden und Materialien von der Produktion über die Langlebigkeit und Wiederverwendbarkeit bis hin zur endgültigen Entsorgung. Geschichtlich betrachtet waren uns in dieser Hinsicht unsere Vorahnen einen Schritt voraus, sei es nun bedingt durch die fehlenden technischen Möglichkeiten oder einer bewussteren Wahrnehmung der Natur, wie historische Bauwerke in Holz- oder Lehmbaukonstruktion beweisen. Doch aktuelle Forschungen zu künstlichen Baustoffen aus rein natürlichen Organismen und Faserstrukturen im Sinne der exemplarisch genannten Pilzmyzel verheißen eine positive Entwicklung im Bauwesen mit vielfältigen Möglichkeiten. Dabei ist die Sortenreinheit der Baustoffe essenziell, um der ganzheitlichen Ökologie Rechnung zu tragen. Fügungen und Verbindungen von Bauteilen müssen endsprechend einer problemlosen Demontierbarkeit bereits in der Planung berücksichtigt werden. Spricht man über das Ende des Lebenszyklus eines Baustoffes/-teils wird grundsätzlich von einer kontrollierten Entsorgung ausgegangen. Die Realität zeugt jedoch von einem anderen Bild und zeigt zu genüge, wie Bauwerke zerfallen gelassen werden, wie Bauteile unsachgerecht entsorgt oder Schuttreste in die Wälder getragen werden. Der Mensch ist kein ständig rational denkendes Wesen und handelt nicht selten aus Bequemlichkeit. Die Folgen der falschen Entsorgung sind nicht bekannt oder werden ignoriert. Und auch unvorhergesehene Vorfälle, wie Naturkatastrophen oder andere die Lebensbedingungen unerträgliche Umstände führen zu Rückständen und toxischen Hinterlassenschaften. Verwendet man ausschließlich biologisch abbaubare Baustoffe entfällt jene Sorge der unkontrollierbaren Vernachlässigung.
Im Endeffekt gilt dennoch: reparieren statt produzieren, nachhaltig Planen statt schnelllebig Verschwenden. Erst wer die Vergänglichkeit akzeptiert, kann Beständigkeit durch Anpassung ermöglichen.
Wien, 2023
1) Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie: Die Österreichische Kreislaufwirtschaft – Österreich auf den Weg zu einer nachhaltigen und zirkulären Gesellschaft, 2021
2) Annette Hillebrandt, Petra Riegler-Floors, Anja Rosen, Johanna-Katharina Seggewies: Atlas Recycling – Gebäude als Materialressource, Edition Detail, 2021
3) Detail 6.2023 – Klimaschutz und Architektur, 2023
4) Sascha Peters: Materialrevolution: Nachhaltige und multifunktionale Materialien für Architektur und Design, 1. Auflg.; Birkhäuser, 2011
5) URL: https://www.baunetzwissen.de/nachhaltig-bauen/fachwissen/baustoffe--teile/cradle-to-cradle-prinzip-748225 (11.07.2023)
6) URL: https://www.baunetzwissen.de/nachhaltig-bauen/fachwissen/baustoffe--teile/auswahl-der-baustoffe-681920 (11.07.2023)
7) URL: https://futurium.de/de/blog/biobasierte-zukunft-im-futurium (11.07.2023)
8) URL: https://www.lehmtonerde.at/de/projekte/projekt.php?pID=7 (11.07.2023)
9) URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Sick-Building-Syndrom (11.07.2023)
10) Dr.-Ing. Lars Vollmert, Dr.-Ing. Helge Hoyme und Henning Ehrenberg; Naue, Espelkamp: Biologisch abbaubare Geobaustoffe, aus: Ingenieur.de, 10.06.2022, URL: https://www.ingenieur.de/fachmedien/bauingenieur/special-infrastrukturbau/biologisch-abbaubare-geobaustoffe/ (11.07.2023)
11) URL: https://www.gebaeudeforum.de/realisieren/baustoffe/nachwachsende-rohstoffe/pilze/ (11.07.2023)
12) ZDF: Aufgedeckt – Rätsel der Geschichte: Der Turmbau zu Babel, 22.10.2020, URL: https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/aufgedeckt-raetsel-der-geschichte-der-turmbau-zu-babel-102.html (28.06.2023)
208 Returning the Built Environment to the Natural Cycle: Technology through Architecture
Rückführen der gebauten Umwelt in den natürlichen Kreislauf: Technik durch Architektur
Während die Wahl biologisch abbaubarer Baustoffe darauf abzielt, dass im Falle einer Obsoleszenz von Bauteilen oder Gebäuden die zurückgelassenen Baureste von der Natur ohne weitere negative Auswirkungen wieder gewonnen werden können, soll bei einer Minimierung gebäudetechnischer Anlagen eine Resensibilisierung des Menschen hin zur Natur stattfinden. Der Mensch muss sich selbst wieder als Teil der Natur verstehen und diese nicht als ein unkontrollierbares notwendiges Übel wahrnehmen. So ist das Rückführen in den natürlichen Kreislauf durch Methoden des Low-Tech’s vordergründig als ein ökologisch-psychologischer Aspekt zu verstehen, wohingegen die Wahl der Baustoffe in erster Linie auf den Aspekt des ökologisch-technischen fokussiert ist. Die Ausarbeitung beschränkt sich hierbei auf einen generellen Blick der kontextualen Bedingungen des mitteleuropäischen/deutschsprachigen Raums. Zum einen aufgrund der selbst wahrnehmbaren Erfahrungen aus meiner persönlichen Praxis in einem Kölner Büro und der theoretischen Lehre regional-lokaler Untersuchungen, zum anderen aufgrund der komplexen klimatischen Bedingungen, welche in den gemäßigten Zonen der Erde anzutreffen sind; kalte Winter, feuchte Übergangszeiten und hitzestarke Sommer. So zeigt sich der mitteleuropäische Raum in seiner ganzjährigen Betrachtung als besonders spannendes Untersuchungsgebiet im Umgang mit bauphysikalischen Belangen. Auch sollen Sonderbauten, wie Kliniken, Labore oder ähnlich komplexe Nutzungsbauten dem besseren Verständnis halber nicht als Teil dieser Arbeit gesehen werden. Wie der Name bereits suggeriert, handelt es sich bei Sonderbauten um spezielle Aufgaben, welche nicht über pauschale Methoden geregelt werden können, und beispielsweise erhöhte hygienische Anforderungen erfüllen müssen, welche ohne technische Zuarbeiten nicht möglich sind. Das soll nicht bedeuten, dass die Low-Tech-Aspekte nicht auch bei diesen Anwendung finden können, aber dennoch zusätzliche Überlegungen notwendig wären.
Eine kurze Bestandsaufnahme der Lage/2
Unser zeitlicher Horizont von 50, 100 oder gar 200 Jahren reicht nicht aus! Wir verschieben unsere Probleme auch weiterhin auf folgende Generationen und belasten diese mit unseren aktuellen Anliegen; der wahre Gedanke der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit besteht noch immer in einer Entlastung zukünftiger Gesellschaften von den Beschwerlichkeiten heutiger Probleme. Häufig wird der Gedanke der Nachhaltigkeit, im wahrsten Sinne des Wortes, zu kurz gedacht. Ein Bauwerk/Bauteil ist nur dann ganzheitlich ökologisch, wenn wir dieses einfach der Natur überlassen können, ohne die bestehende Flora und Fauna negativ zu beeinträchtigen, wenn die Natur die genutzten Baustoffe ohne weiteres als Teil der ihrigen akzeptiert. Wie sehr das Bauwesen die Klimaveränderung beeinflusst und wie stark wir als Planende daran beteiligt sind, ist uns allen nur zu gut bekannt. Unzählige Statistiken und (Klima)Berichte erörtern dies immerzu: 40% der CO2-Ausstöße und 60% der weltweiten Abfälle werden durch die Baubranche produziert; die gebaute Umwelt bedingt erhebliche Eingriffe in die lokalen und globalen ökologischen Systeme; die zu schnelle Erhitzung der durchschnittlichen Temperatur auf der Erde um jetzt schon über 1,0 °C, die dadurch folgende Schmelzung der Gletscher und Eiskappen und der damit einhergehenden Anstieg des Meeresspiegels gefährden ganze Landstriche menschlicher Zivilisationen; Wetterextreme treten immer häufiger auf mit schwerwiegenden Folgen für die dort lebenden Gesellschaften.[1] In erster Linie hat dies für uns Menschen beträchtliche Konsequenzen, da wir durch solche Beeinträchtigungen jäh aus unserem gewohnten Umfeld gerissen werden und versuchen müssen uns neuen Bedingungen anzupassen, durch Flucht in neue, noch bewohnbare Gegenden. Man darf indessen nicht vergessen, dass wir Menschen der Natur egal sind; der menschengemachte Klimawandel ist ein auf die Menschen projiziertes Problem und hat dennoch weitreichende Folgenden für Flora und Fauna. Wollen wir uns selbst helfen, sind wir es der Natur und ihrer Lebewesen schuldig unser Verhalten zu verändern. Aus diesem Grund ist das Überdenken unserer benutzten Bautechniken in Gebäuden und die Vermeidung von umweltschädlichen Abfällen unumgänglich.
Gebäudetechnische Anlagen nehmen mit zunehmender Größe der Gebäude auch an Umfang und Komplexität zu. Besonders bei eben diesen größeren Gebäuden ist eine Ausstattung durch die komplexen Gewirre der Kanal- und Leitungsführungen mit einem immensen planerischen und ausführenden Aufwand verbunden. Nachträgliche Zuarbeiten oder Reparaturmaßnahmen bewirken ihr Übriges. Exemplarisch zeigt sich die Komplexität der Nachrüstung und Sanierung an der Oper und dem Schauspielhaus Köln von Wilhelm Riphahn aus dem Jahr 1957 und 1962; damals der erste kulturelle Großbau der Nachkriegszeit in Deutschland. Die veranschlagten Kosten von 250 Millionen Euro bei einer dreijährigen Bauzeit wurden bei weitem übertroffen. Mittlerweile sind rund 670 Millionen Euro prognostiziert und eine Eröffnung 2024. (Stand 2023)[7] Hauptgrund ist neben allgemeiner Planungsfehler und dem typischen kölschen Klüngel eine enorme Anzahl an Mängeln bei der Haustechnik8 und Problemen die nötige technische Gebäudeausstattung im Gebäude überhaupt unterzubringen. Daraus resultieren teils absurde Folgeerscheinungen von Bauabhängigkeiten und den erneuten Austausch von Technikanlagen, da diese bereits während des Baus nicht mehr die Anforderungen erfüllen können und entsprechend ausgetauscht werden müssen; manche Kellerflure sind aus rein räumlichen Dimensionen nicht imstande die Leitungsführungen aufzunehmen und müssen durch aufwendige bauliche Nachrüstungen umgestaltet werden.
Anhand des Beispiels der Kölner Bühnen verdeutlicht sich die Problematik gebäudetechnischer Anlagen: lediglich der Aufwand für die tendenziell nur kurz- bis mittelfristigen Technikausstattungen beanspruchen bereits Großteile von Planungs- und Materieeinsatz und bestimmen nicht selten eine nachträgliche Umgestaltung ganzer architektonischer Konzepte zu Gunsten einer optimierten Leitungsführung. Nach Außen wird ein Bild von Architektur vermittelt, welches das Innere verstecken möchte und doch passt es sich dem Zwang der vermeintlichen Komfortlösung für ein auf sich gerichtetes Gebilde an. Generationsbedingte Nutzungsänderungen sind nur schwierig, wenn denn überhaupt möglich und der Status Quo unserer Architektur hat wieder einmal eine Banalität erreicht, welche sich selbst die Zwänge unter dem Deckmantel des Fortschrittes aufdrückt.
Architektur als technisches System
Aktuelle technische Belange, vor allem in bauphysikalischer Hinsicht, zielen auf einen maximalen Komfort einer von Konsum und der wirtschaftlichen Bequemlichkeit geprägten, westlichen Gesellschaft und betrachten jedes Innenklima der Gebäude als einen eigenen Makrokosmos ohne gewollten Bezug zur Außenwelt und Natur; der Blick durch das Fenster scheint häufig auszureichen, um der Natur nahezustehen. Die Angst des Kontrollverlustes hüllt uns in ein thermisches Vakuum, in welchem wir, abgeschirmt von den rohen Gewalten des äußeren Wetters, selbst bestimmen können, wie das künstlich geschaffene Klima ist. Abgesehen von der ethisch fragwürdigen Abkehr und entgegen der evolutionär bedingten Verbindung von Mensch und Natur, funktioniert ein solch künstlich geschaffenes Klimasystem nur so lange, wie alle Komponenten einwandfrei ineinandergreifen und funktionsfähig sind und der Mensch nach berechenbaren Mustern handelt. Da dies zwangsläufig kein Zustand von Dauer ist, ergeben sich bereits ernste Probleme in der Handhabung technischer Anlagen.[5] Aus diesem Grund sollte sich die Gebäudetechnik von vornherein als kohärenter Bestandteil der Architektur verstehen und nicht als nachträgliches Anhängsel einer weiteren gewerklichen Spate. Plant man die bauphysikalischen Belange als Teil der Architektur mit ein und nutzt die Gegebenheiten des Ortes und klimatischen Kontextes, können sehr einfache, aber auch effektive und nachhaltige Konzepte entstehen.
Die Grundlage bei sogenannten bioklimatischen Planungen ist die entsprechende Anpassung an die bioklimatischen Bedingungen eines Ortes unter der Nutzung der verfügbaren Ressourcen wie Wind, Wasser und Sonne. Darunter können u.a. Technologien zählen wie solare Aufwindtechnologien, Windtürme, Erdwärmeübertragungen oder Wandspeichermassen.[3] In den gemäßigten Bereichen der Erde variieren die Anforderung dabei stark zwischen sommerlichen Hitzebedingungen und winterlichen Wärmeerfordernissen. Während im Sommer der Schutz der direkten Sonneneinstrahlung von Nöten ist, müssen die solaren Gewinne in den kalten Monaten wärmegenerierend genutzt werden. Besonders massive Bauweisen leisten einen guten Beitrag als thermische Speichermasse und direkten Sonneneinstrahlungsschutz.[4] Bei einer ausreichenden Isolierung kann der Wärmebedarf mittels der thermischen Speichermasse erfüllt werden. Um zusätzlich im Winter die solaren Einstrahlungen für die Wärmegewinnung zu nutzen, sollte eine im besten Fall optimale Ausrichtung nach Süden erfolgen.[4] Auch die Abwärme von elektronischen Geräten und Menschen kann bewusst zum Wärmebedarf genutzt werden. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Verwendung von Erdwärmeübertragung. Dabei wird Luft von außen über eine Leitungsführung durch das Erdreich in das Gebäude geführt und durch die natürliche Erwärmung der Erdtemperatur in eine behagliche Temperatur gebracht, um Innenräume bewohnbar zu machen.[3]
In Bezug auf die natürliche Belüftung, also das Vermeiden jeglicher mechanischer Technologien, wie Klimaanlagen oder ähnlichem, bietet sich die Nutzung verschiedener Luftzirkulationsmethoden an: Querlüftung, Windtürme, Solarkamine, geschlossene kleine Innenhöfe mit Brunnen. Prinzipiell funktionieren alle Methoden nach dem Schema der thermischen Luftzirkulation und nutzen das Strömen von kalter zu warmer Luft. Baulich gilt es zu beachten, dass eine Gegenüberpositionierung von Fassadenöffnungen, bzw. von Zu- und Abluftmöglichkeiten gegeben ist, um ein fließen des Luftstroms zu ermöglichen. Sind die Räume nur zu einer Seite geöffnet oder versperren geschlossene Wände oder Bauteile den Luftfluss besteht die Gefahr der „stehenden Luft“ und eines fehlenden Luftaustausches im Raum. Neben eines unbehaglichen Raumklimas kann dies zu Feuchtigkeitsbildung und Schimmel führen.[4] So ist es wichtig, dass jeder Raum innerhalb eines Gebäudes einer natürlichen Luftzirkulation ausgesetzt ist. Das sicherlich einfachste Prinzip, speziell im urbanen Kontext, ist die Querlüftung von durchgesteckten Einheiten über geöffnete Fenster oder Lüftungsklappen.[3]
Um wiederum den Kältebedarf im Sommer zu decken, kann analog zum Wärmebedarf die Massivbauweise zur Abschirmung direkter Sonneneinstrahlung genutzt werden. Mit dem Prinzip der Erdwärmeübertragung kann im Sommer die Erdtemperatur als Kühlluftzufuhr dienen und eine natürliche Ventilation befördern. Durch eine ständige Luftzirkulation mit Hilfe der natürlichen Ventilationsmethoden ist ein Fortführen der warmen Luft für ein behagliches Innenraumklima problemlos möglich. Diese Methode hat sich in den warmen Regionen der Erde seit Jahrhunderten bewährt und kann auch in unseren Breitengraden, speziell in Hinblick auf die wärmer werdenden Temperaturen in Zukunft, als probates Mittel umgesetzt werden. Der Solarkamineffekt, bzw. die Verwendung von Atrien als große Ventilationshöfe findet auch in modernen Gebäude Anwendung. Als konkretes Beispiel sei hier das Cristalleries Planell in Barcelona von Harquitectes genannt.[6] Zinshäuser der Gründerzeit wussten ebenfalls bereits mit diesen Systemen umzugehen. Zusätzlich kann mit Hilfe der richtigen Verschattung von Gebäuden ein Überhitzen der Innenräume im Sommer vermieden werden. Mittels konstruktiver Techniken und Verschattungselementen als inkludierter Teil der Gestaltung fungiert das Gebäude selbst als Schattenspender und bedarf keiner zusätzlichen Nachrüstungen. Alternativ ist es auch möglich mit Fassadenbegrünungen oder Baumpflanzungen vor den Fassaden die jahreszeitlichen Eigenarten zum bioklimatischen Vorteil für die Gebäudeplanung zu nutzen.
Die Belange der natürlichen Belüftung und der natürlichen Belichtung verlaufen nahezu in Symbiose und die Vorteile des Einen bedingen zugleich die Vorteile des Anderen. Direkte Raumausrichtungen nach außen hin haben neben der natürlichen Belüftung auch den Vorteil der natürlichen Belichtung durch direkten Sonneneinfall oder passiver Diffusionsbelichtung.[4] Es mag fast schon belanglos erscheinen, zu erwähnen, dass Innenräume über eine natürliche Belichtung verfügen sollten, doch zeigt die Realität, dass auch diese Selbstverständlichkeit keine alltägliche Normalität ist. Im Zuge der Funktionalisierung und Ausnutzung von Flächen ergeben sich allzu häufig Räume ohne Bezug zur Außenwelt. Neben rein pragmatischen Aspekten, wie eines geringeren Energieverbrauchs bei direktem Sonnenlicht, ist insbesondere aus psychologischer Sicht der direkte Sichtbezug nach draußen von immenser Wichtigkeit. Nicht nur als biologische Orientierungshilfe für die „innere Uhr“ benötigt der Mensch die Sonneneinstrahlung. Ist der Mensch nicht dem Vitamin-D liefernden Strahlen der Sonne ausgesetzt, erhöht sich signifikant das Krankheitsrisiko und eine Abschwächung des Immunsystems, sowie psychologische Anfälligkeiten und mentale Leistungsabfälle erfolgen.[9] Diese nötige Abhängigkeit zum natürlichen Licht hat direkte Einflüsse auf die Räumgrößen. Die Tiefe eines Raumes steht im direkten Verhältnis zu seinem Lichteinfall und hat so eine direkte Auswirkung auf die Gebäudeform. Lichthöfe können hier analog zu den Belüftungshöfen größere Gebäudetiefen ermöglichen, ohne behagliche Qualitäten zu einzubüßen. Ein gänzliches Verzichten auf künstliche Leuchtmittel ist sinnigerweise nicht möglich, aber durch entsprechende architektonische Lichteinfalls-Raumgröße-Proportionen lassen sich diese energetisch reduzieren.
Auch bei der Herstellung technischer Anlagen muss auf eine möglichst sortenreine Verwendung von biologisch abbaubaren Materialien geachtet werden. Es verhält sich in der Thematik analog zu den biologisch abbaubaren Baustoffen des im ersten Teil bearbeiteten Aspekts. Entsprechend muss auch eine Behandlung der verwendeten Materialien durch ökologische Zusatzstoffe erfolgen.
Tatsächlich notwendige Gebäudetechnik
Die größte Errungenschaft der Menschheit ist für mich persönlich die Möglichkeit, dass theoretisch überall auf der Welt fließendes warmes und hygienisch bedenkenloses Wasser zur Verfügung steht; an öffentlichen Brunnen, in privaten Wohnungen oder gar unterwegs in Fernzügen. Die zivile Wasserversorgung ist ein Kulturgut, welches unerlässlich ist für die Planung jedweder Architektur und bei allem Low-Tech-Idealismus seine absolute Gerechtfertigung in einer sozialen Gesellschaft besitzt. Dennoch können die Wassersysteme in baulichen Strukturen bei einem Nutzen natürlicher Wetterverhältnisse effizienter und ressourcenschonender genutzt werden. Eine Grauwassernutzung in Kombination mit gesammelten Niederschlägen kann in hauseigenen oder quartiersinterne Zisternen als Dürreentlastungsspeicher oder zur Verwendung im Alltag gebrauch finden. Durch eine Filtrierung des gesammelten Regenwassers kann das gespeicherte Wasser für Dusch- oder Waschbeckenzwecke genutzt werden und im weiteren als Spülwasser für die Toiletten. Dadurch wird kostbares Trinkwasser eigespart und einer zunehmenden Wasserknappheit vorgebeugt.[2]
Die Versorgung mit Energie in Form von Strom ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Nahezu alle technischen Geräte funktionieren mit Elektrizität und die Digitalisierung ist ein Grundpfeiler zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklungen. Auch in Hinblick auf Low-Tech-Verfahren ist eine Reduzierung der elektrischen Leitungsführungen in Gebäuden optimierbar. Reversible Alternativen wie Aufputz-Methoden für die Führung von Stromsträngen geben die Möglichkeit Umbauten mit relativ wenig Aufwand zu verrichten und nachträgliche Anpassungen einfacher umzusetzen. Der bisherige Standard verlegt Stromleitungen vor allem in die Wände. Dies ist wiederum mit größeren Errichtungsaufwänden verbunden, da die Leitungsführungen nur durch aufwendiges Aufstämmen der Wände erfolgen kann. Bei Umbauten müssen Wände oder Bauteile, auch wenn die Leitungsführung bereits in der Planung und der Montage (bei Vorfertigung) vorgesehen ist, aufwendig „kaputt“ gemacht werden, damit eine Reparatur oder Umnutzung möglich wird. Das Aufputz-Prinzip hingegen bedarf einer genaueren gestalterischen Planung, damit die Leitungsführungen nicht als Fremdkörper, sondern integrierter Teil der Räume wahrgenommen werden. Plug’n’Play- und Induktionssysteme beispielsweise können dahingehend eine erhöhte Flexibilität ermöglichen. Für die Energiegewinnung wiederum muss auf regenerative Energien, wie Solaranlagen, Windkraft, Biomasse-Anlagen oder zukünftig auch die Kernfusion gesetzt werden. Diese Energiegewinnungsmethoden können entweder im kleinen Stil hausintern erfolgen oder größer verzweigt über ein Anschluss an das Netzsystem in einem städtischen, regionalen oder transregionalen Verbund.
Dadurch werden jedoch strukturelle Netzwerke geschaffen, welche von enormen Dimensionen mit interregionalen Zusammenhängen sind. Die Betrachtung des Einzelgebäudes wird bei diesen infrastrukturellen Gesamtsystemen bei weiten überschritten und erlangt einen allumfassenden Ansatz eines flächendeckenden städtischen Organismus. So müssen auch Städte und Regionen das Nutzen, was ihnen die Natur anbietet und mit regenerativen ökologischen Energien in eine bewusste und ressourcenschonende Symbiose aus Technik und natürlicher Umgebung treten und Nutzungen untereinander besser „kommunizieren“ und (überschüssige) Energien austauschen.
Resümmee: Vorsprung durch Technik, Technik durch Architektur
Es mag absurd erscheinen, dass die meisten Prinzipien, welche in die Zukunft zu weisen scheinen, diejenigen sind, welche bereits weit in der Vergangenheit Anwendung fanden. Ein reines, blindes Vorwärtsdenken führt immer wieder zu Konflikten und verkennt die Errungenschaften der Historie. Nur weil etwas aus technischer Sicht möglich ist, heißt dies nicht, dass es auch das Beste für eine Situation ist. Meist sind es die einfachen Methoden, welche die tatsächlich besten Lösungen darbieten, und meist sind es bereits bekannte Techniken, welche auf die jeweilige Situation angewendet werden können. Wenn man wieder erlernt damit umzugehen die klimatischen Bedingungen eines jeden Ortes zu nutzen, können die Probleme der globalen Erwärmung angegangen werden und Lösungen gefunden werden, welche mit den neuen Umständen umzugehen wissen. Denn trotz der urbanen Zivilisationsgedanken, müssen wir lernen in Symbiose mit der Natur zu leben und den Organismus Mensch, Gesellschaft und Civitas mit dem Organismus Natur auf gleichen Herzschlag zu bringen. Dadurch entstehen sicherlich Bequemlichkeitseinbußen, aber die negativen Auswirkungen für unser Verständnis von Wohlwollen werden sich in Grenzen halten und im Endeffekt nur unser aller Gesundheit zugutekommen. Zudem sind die ökonomischen Folgekosten für schwerwiegende Anpassungen an immer wieder neue Nutzungen und klimatische Bedingungen hoch. Eine flexibel anpassbare Lösung als Teil der Architektur spart also nicht nur Ressourcen, sondern auch bares Geld, und das nachhaltig.
Wir müssen akzeptieren, dass die Natur uns Grenzen aufzeigt, welche wir auf Dauer schlichtweg nicht umgehen können. Erst durch diese Akzeptanz kann es uns gelingen tatsächlich gute und ökologische Architektur zu schaffen. All dies funktioniert jedoch nur, wenn wir ab jetzt und in Zukunft zu wissen pflegen, welch wertvollen Lebensraum wir bewohnen und uns als Teil dieses Kosmos sehen, und das trotz der ständigen technischen Fortschritte, die die Menschheit erlangt. Wir brauchen ein stetes Leben im Einklang von Mensch und Topos!
Wien, 2023
1) Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie: Die Österreichische Kreislaufwirtschaft – Österreich auf den Weg zu einer nachhaltigen und zirkulären Gesellschaft, 2021
2) Annette Hillebrandt, Petra Riegler-Floors, Anja Rosen, Johanna-Katharina Seggewies: Atlas Recycling – Gebäude als Materialressource, Edition Detail, 2021
3) Martinez Alonso, Claudia: Eco Solutions – Bioklimatisierte Häuser, LOFT Publications, Frechmann Kolon GmbH, Barcelona, 2012
4) Reichel, Alexander; Schultz, Kerstin: SCALE Wärmen und Kühlen – Energiekonzepte, Prinzipien, Anlagen, Birkhäuser Verlag, Basel, 2012
5) Detail 6.2023 – Klimaschutz und Architektur, 2023
6) Detail 10.2018 – Reuse Recycle, 2018
7) o.A., Sanierung der Kölner Bühnen wird noch teurer: Termin bleibt, Süddeutsche Zeitung, 17.01.2023, URL: https://www.sueddeutsche.de/kultur/musik-koeln-sanierung-der-koelner-buehnen-wird-noch-teurer-termin-bleibt-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-230117-99-253588 (07.08.2023)
8) Wolter, Gudrun: Das Trauerspiel der Kölner Oper – Ein Sanierungs-Desaster, WDR, 15.07.2022, URL: https://www1.wdr.de/fernsehen/die-story/sendungen/das-trauerspiel-der-koelner-oper-ein-sanierungs-desaster100.html (07.08.2023)
9) Müller, Fabrice: Licht beeinflusst Gesundheit und Psyche - Lichtvolle Impulse, aus: AstreaApotheke, URL: https://www.astrea-apotheke.ch/licht-beeinflusst-gesundheit-und-psyche/ (09.08.2023)
214 On the difficulties of component reuse - A report on experiences
Über die Schwierigkeiten der Bauteilwiederverwendung - Ein Erfahrungsbericht
Wenn wir bauen, bauen wir im Regelfall neu. Bauen wir auf bereits bebauten Flächen, wird zunächst die „Altlast“ beseitigt, sprich abgebrochen und auf der daraus resultierenden freien Fläche ein neues Gebäude errichtet. Soweit das allgemeine Verständnis über das Bauen.
Dass sich das Bauen jedoch auch auf die Ertüchtigung, bzw. das Umnutzen der alten Substanz, auf den Bestand beziehen kann, ist in unserem heutigen allgemeinen Verständnis - so banal und logisch es klingen mag - noch nicht verankert. Dabei ist das Umbauen lediglich eine Variation des Bauens und somit inhaltlich gleichzusetzen. Die Frage bleibt zu stellen, weshalb eine funktionsfähige, funktionierende Bestandssubstanz aufwendig abgerissen werden sollte, um an selbiger Stelle wieder eine funktionsfähige, funktionierende Neusubstanz zu errichten? Kann dies nicht als eine ziemliche Verschwendung von Energieressourcen verstanden werden? Es werden vor Ort vorhandene Materialien nicht weitergenutzt, sondern neue Materialien aufwendig von einem anderen Ort zu jenem Ort verfrachtet, nur um das gleich in neuer Gestalt wiederherzustellen. Abgesehen von der dadurch entstehenden ökologischen Verschwendung, entsteht zudem ein erhöhter Arbeits- und Logistikaufwand. Das eine muss erst weg, damit das andere kommen kann. Das eine muss entsorgt werden, das andere erst produziert werden. Aufwand in der Entsorgung, Aufwand in der Produktion; die Transportprozesse noch nicht mit eingerechnet.
Wäre es demnach nicht effizienter die bestehende Substanz derart zu verwenden, dass diese den neuen Anforderungen entspricht? Dass der Bestand an die neue Nutzung angepasst wir? Also aus dem Prozess des Bauens einen Prozess des UMbauens zu machen? Mit diesem Gedanken im Hinterkopf kann ein Verständnis für das „Bau“vorhaben der CampusVäre in Dornbirn vermittelt werden.
Als ehemalige Industrieanlage (alte Weberei) kann der Gebäudekomplex seiner ursprünglichen Zweckbestimmung nicht mehr nachkommen. Die Industrieanlage in zentraler Lage der Stadt ist ungenutzt. Die großen Hallen sind nur noch von der Leere gefüllt, die Maschinerie der Arbeit verstummt. Die logische Konsequenz im allgemeinen Verständnis wäre demnach der Abriss, um dort etwas Neues zu bauen. Das Konzept der CampusVäre verfolgt einen anderen Lösungsansatz und möchte die Hallen, alle unterschiedlich groß, mit unterschiedlichen, den Räumen angepasste Nutzungen belegen. Arbeiten, Ausstellung, Sport werden simultan im Komplex implementiert, wodurch ein Nutzungsmix verschiedener Bereiche entsteht, welche sich in der CampusVäre treffen. Statt neu zu bauen, werden die Räumlichkeiten umgebaut, die alte Substanz weiter genutzt und an die neuen Bedürfnisse angepasst.
Nun erfolgt auch ein Umbau nicht ohne Aufwand und die vorhandenen Strukturen müssen stellenweise durch bauliche Maßnahmen verändert werden. Das Zurückbauen einzelner Bestandselemente bleibt nicht aus. Der Einbau neuer Elemente ist nötig, um der neuen Nutzungen gerecht zu werden. Der Prozess von Entsorgung und Produktion bleibt somit nicht erspart. Er wird jedoch an die Situation angepasst. Die Prozesslogistik und der Transportweg werden im Fall der CampusVäre auf ein lokales Minimum reduziert, in dem eine der Hallen als Bauteillager Wiederverwendung findet. Dadurch ist es möglich die zurückgebauten Materialien sortenrein, bzw. nach Kategorien vor Ort zu lagern und für neue Bauzwecke weiter zu nutzen. Überdies ist es möglich Materialien einen Lagerplatz zu bieten, welche nicht aus der CampusVäre gewonnen wurden, sondern von anderweitigen Objekten stammen. Es ergibt sich ein analoger Katalog an Materialien für zukünftige Bauvorhaben mit alter, aber noch funktionsfähiger Substanz. Ein aktives Schaudepot für die Wiederverwendung von Bauteilen.
Das Prinzip der Bauteilwiederverwendung ist einfach: nicht mehr gebrauchte Bauteile, weil Rückbau oder Umbau, werden demontiert, katalogisiert und in einem Lager aufbewahrt, bis ein neues Bauvorhaben mit eben jenen Bauteilen errichtet wird. In der Theorie klingt dies logisch und einfach umsetzbar. Die Praxis hingegen hat das Prinzip noch nicht für sich Anspruch genommen und bleibt dagegen dem Prinzip aus Abriss/Entsorgung und Produktion/Neubau treu. Die Gründe und die tatsächliche Anwendbarkeit der Bauteilwiederverwendung soll im Folgenden mit meiner persönlichen Erfahrung aus dem Räumungswesen verglichen werden. Kann meine Erfahrung mit den Schwierigkeiten der praktischen Bauteilwiederverwendung nur bis zu einem gewissen Grad zu vergleichen sein, kann dadurch zumindest ein Verständnis vermittelt werden, welches die Probleme der Praxis erläutert.
Die Probleme der tatsächlichen Umsetzbarkeit. Das Räumungswesen als Praxisbeispiel.
Anhand meiner persönlichen Erfahrungen im Räumungswesen, welche ich im Laufe der letzten Jahre gesammelt hab, soll exemplarisch aufgezeigt werden, wo die tatsächlichen Schwierigkeiten in der praktischen Umsetzung der Bauteilwiederverwendung liegen. Die Ausmaße der Baustellen sind zweifelsohne unterschiedlich, doch der grundlegende Prozess ist vergleichbar. Es gibt eine vorher definierte Bestandssubstanz und die daraus resultierende Aufgabe, wonach dieser Bestand entfernt werden soll, um Platz für Neues zu schaffen. Der Anlass ist dabei der Selbe. Die Bestandssubstanz wird nicht mehr genutzt, bzw. will nicht weiter genutzt werden, so dass diese ihrer Zweckbestimmung nicht mehr nachkommen kann. Demnach bietet eine Darstellung des Räumungsprozesses einen vergleichbaren Umstand für die Thematik der praktischen Übertragbarkeit für das Prinzip der Bauteilwiederverwendung und derer Problematiken.
Bei Räumungen von Wohnungen, Ordinationen oder ähnlichem werden in der Regel sämtliche Inneneinrichtungsgegenstände aus der gewünschten Einheit entsorgt. Die Wohnung, Ordination oder ähnliches wird in der Regel bis auf einen schlüsselfertigen, besenreinen Zustand bearbeitet. Falls keine Möbel in verkaufsfähigen Zustand enthalten sind, werden sämtliche Einrichtungsgegenstände entsorgt. Die Entsorgung findet auf einen speziellen Mistplatz für Großmengen statt. Damit die zu entsorgenden Gegenstände, der „Mist“, auf dem Mistplatz angenommen werden, müssen diese zunächst möglichst nach Wertstoffen sortiert werden: Holz (in verschiedenen Klassen), Sperrmüll, Metalle, Gefahrenstoffe, Papier/Pappe, Bauschutt/Keramik/Glas, Hartplastik, Grünzeug/Kompost, (Klein)Elektrogeräte mit und ohne Gefahrenstoffe, Restmüll. [siehe dazu: Stadt Wien, MA48(a)] Ein Großteil der zu entsorgenden Gegenstände ist den Holzstoffen oder Sperrmüll zuzuordnen. Können die Wertstoffe nicht eindeutig von einander getrennt werden, werden sie zumeist dem Sperrmüll zugeordnet, ab einem gewissen Metallanteil den Metallen. Zudem fallen für die Entsorgung Wertstoff-abhängige Kosten an. Während Metalle oder Papiere/Pappen kostenlos entsorgt werden können, muss für andere Wertstoffe ein Entgelt pro Tonne gezahlt werden. [Stadt Wien, MA48(b)] Das Entgelt für Sperrmüll ist das höchste und kostet ungefähr fünfmal so viel wie beispielsweise Holz. [Stadt Wien, MA48(b)]
Anhand der Praxis können zwei Hauptprobleme einer möglichen Weiter- , bzw. Wiederverwendung von Einrichtungsgegenständen festgestellt werden: ökonomisch bedingter Zeitdruck und fehlende potenzielle Lagerflächen.
In der Regel findet eine Wohnungsräumung an nur einem Tag statt. Damit die zu entsorgenden Gegenstände am selben Tag auf den Mistplatz gebracht werden können, muss die Räumung bis zum Mittag soweit fertig sein, dass zumindest die großen Gegenstände, bzw. die größten Mengen fachgerecht entsorgt werden können. Entsorgungen am späten Nachmittag sind aufgrund der Öffnungszeiten nicht möglich. Würden die Sachen erst am nächsten Tag entsorgt werden, verliert sich dadurch ein potenzieller Neu-Auftrag an diesem Tag und die entsprechenden Mehreinnahmen gingen verloren. Diesem ökonomischen Zwang geschuldet ist es notwendig die Arbeitszeiten während der Räumung auf ein Minimum zu reduzieren, also so schnell wie möglich zu arbeiten. Ein sortenreines Trennen der Einrichtungsgegenstände in wiederverwendbar oder entsorgbar fällt somit in den meisten Fällen a priori weg. Der Aufwand, der dadurch entsteht die geräumten Gegenstände derart transportfähig zu machen, dass diese bedenkenlos eingelagert werden können und zusätzlich noch nach bestimmten Kategorien zu sortieren sind, ist schlichtweg zu hoch, wenn gleichzeitig unvermeidbarer „Mist“ ebenfalls entsorgt werden muss. Die Quantität der Arbeit erhöht sich in diesem Sinne nicht, doch die Qualität der Arbeit bekommt eine andere Gewichtung, muss mit den Gegenständen ein behutsameres Umgehen erfolgen. Nicht alle Einrichtungsgegenstände lassen sich zudem als Ganzes entsorgen. Sie müssen vorher „zerkleinert“ werden, damit diese transportfähig sind. Das Zerkleinern findet in den seltensten Fällen über die korrekte Demontage statt, sondern durch ein aktives Kaputtmachen der Gegenstände, was eine Weiternutzung selbstverständlich unmöglich macht. Aufgrund des andauernden Zeitdruckes ist dies die gängige Praxis im Umgang mit sperrigen Einbauten, Möbeln oder ähnlichem. Zusätzlich spielen sicherlich die Gründe der Bequemlichkeit - und der eines „animalischen“ Sinn für das Kaputtmachen an sich - eine nicht unbedeutende Rolle im Entsorgungsdenken einer Räumung.
Kann bei einer Räumung sämtlicher Inhalt tatsächlich erhalten werden, bedarf es einer Lagermöglichkeit, um die Gegenstände unter zu bringen. Dafür muss die Lagerfläche zum einen eine entsprechende Größe aufweisen und zum anderen gut erreichbar sein, um einen gewissen Zuwachs gewährleisten zu können. Adäquate Lagerflächen sind jedoch teuer, oder logistisch ungünstig gelegen, weshalb sich diese oft nicht rechnen. Im Fall von unserer Firma können wir eine Lagerstätte in 40-minütiger Autofahrzeit außerhalb von Wien nutzen. Die Lagerflächen sind gleichwohl begrenzt und die lange Fahrzeit für eine Strecke verhindern ein regelmäßiges Weiterverwenden von Gegenständen, zumal die Weitervermittlungsmöglichkeiten durch die Lage von einer gewissen Einschränkung begleitet sind. Ergibt sich die potenzielle Möglichkeit Einrichtungsgegenstände zu erhalten, lautet generell die erste Frage: „Und wo sollen wir das lagern!?“ Die Schaffung von Raum, um Objekte ansammeln zu können, ist fundamental für ein Prinzip, dass auf materielle Warenvermittlung angewiesen ist.
Neben den beiden Hauptgründen des ökonomisch bedingten Zeitdrucks und der fehlenden potenziellen Lagermöglichkeit lässt sich noch ein weiterer, nicht un-eklatanter Aspekt nennen, weshalb die Entsorgung der Wiederverwendung vorrangig steht. Dieser Aspekt bezieht sich auf die oftmals wirklich schlechte Qualität der Objekte. Billige Massenware, von Produktion an auf eine kurze Lebensdauer hergestellt und bereits nach wenigen Malen der Nutzung mit erheblichen Mängeln. Könnten diese (z.B.) Möbelstücke vor der Entsorgung bewahrt werden, so besitzen sie keinen Weiterverkaufswert, weil die bereits genutzte Ware einen dermaßen schlechten Zustand aufweist, dass die kurzfristige Entsorgung die logische Konsequenz bleibt. Das Verhalten einer von Konsum gesteuerten Wegwerfgesellschaft wird für diese Art Gegenstände vorausgesetzt, die wiederum die Konsumierenden dazu anregt die gekauften Gegenstände ohnehin nicht langfristig halten zu wollen. [siehe dazu: Lampugnani] Eine bewusste Förderung der Abwärtsspirale der geplanten Müllproduktion. Ist eine Person gewillt das Objekt möglichst lange zu nutzen, endet eine nicht vorhandene Reparierbarkeit die Bemühungen abrupt. Der Schaden ist dann derart schwerwiegend, dass die Weiternutzung nicht möglich ist. Daraus ergibt sich zwangsläufig das Resultat der Entsorgung dieser qualitativ minderwertigen Objekte als die einzig wirkliche Option.
Weitere Faktoren spielen zweifelsohne ebenso in die Thematik mit ein, braucht es zunächst erst einmal den Willen den vermeintlich komplizierteren Weg der Wiederverwendung zu gehen. Der Prozess ist mit der meist am selben Tag erfolgenden Wegschaffung der Gegenstände nicht vollendet, sondern beginnt damit im Grunde genommen erst. Es müssen Abnehmende für die Gegenstände gefunden und ein logistischer Aufwand betrieben werden, um diese zu den Abnehmenden zu führen. Das erfordert - ein weiteres Problem - eine Plattform, an der Vermittelnde und Abnehmende zusammenkommen. Die Katalogisierung kann mühselig sein und die Reichweite des Angebots ist lokal beschränkt, was eine ebenso beschränkte Nachfrage ergibt. Eine Entsorgung erfordert diese Art von Mehraufwand nicht und stellt schlichtweg den bequemeren Weg dar. Ein häufiges Argument, um sich der Sache nicht anzunehmen. Und dennoch stellen sie Faktoren dar, die stark typabhängig sind und nicht allgemein vertreten werden können. Objektiv betrachtet lassen sich jedoch die gewichteten Aspekt auf die oben genannten drei Faktoren des ökonomisch bedingten Zeitdrucks, der fehlenden potenziellen Lagerfläche und die mangelnde Qualität billiger Massenwaren spezifizieren.
Die unterschiedlichen Dimensionen der Vergleichbarkeit: CampusVäre und das Räumungswesen
Dass das Räumungswesen nicht Eins zu Eins auf die Problematik der Bauteilwiederverwendung übertragbar ist, liegt in der Sache selbst. Worin diese Unterschiede im konkreten liegen, soll im folgenden kurz skizziert werden.
Die Schwierigkeiten im Vergleich zwischen dem Räumungswesen und der Bauteilwiederverwendung am Beispiel der CampusVäre liegen vor allem in den unterschiedlichen Größendimensionen der Bauaufgabe.
Der Dimension der Wohneinheit steht die Dimension des gesamten Bauwerks gegenüber. Die eine Bauaufgabe ist auf die Größenverhältnisse des einzelnen Raumes ausgelegt, die andere Bauaufgabe auf die Anwendung als Teil einer Gesamterscheinung. Die unterschiedlichen Größendimensionen bedingen (tendenziell) unterschiedliche Anwendungsbereiche der Einzelobjekte. Exemplarisch steht die Außenfassade der Halle IV. Die Aluminiumpaneele der Vorhangfassade sind ständigen Witterungswiderständen ausgesetzt und müssen auf diese mit den entsprechenden Eigenschaften der Materialität und Form eingehen. Inneneinrichtungsgegenstände müssen in erster Linie einen zweckmäßigen Nutzen erfüllen, welche freier gestaltet werden können. Diese freiere Gestalt zeigt sich zudem in einer höheren Mobilität der Einzelobjekte und einer Flexibilität die damit einhergeht. Die jeweiligen Elemente der Fassade sind dagegen statisch festgelegt. Übertragbar auf ein anderes Gebäude, doch einmal verbaut, nicht ohne weiteres neu zu platzieren.
Sind die Anforderungen der einzelnen Elemente bei Bauwerken auf eine mittel- bis langfristige Lebensdauer ausgerichtet, zeigt sich zunehmend eine äußerst kurze Lebensdauer bei Möbeln o.ä. Die Lebensdauer steht mit einer gewissen Qualität des Objektes zusammen, die wiederum eine Grundvoraussetzung für die Bauteilwiederverwendung darstellt. Die meisten Objekte, mit welcher sich das Räumungswesen beschäftigt, können diese Qualität nicht erreichen.
Der ökonomische Umstand
Die Bauteilwiederverwendung ist in einem Spannungsfeld zwischen ökonomischer Suffizienz und ökonomischen Effizienz einzuordnen. Historisch betrachtet war ein Handeln im Sinne der Suffizienz gängige Praxis zum Bau neuer Gebäude. Darunter versteht sich die Weiternutzung schon bestehender Substanz als Materiallager für neu zu erbauende Substanz. [siehe dazu Moravánszky, 2022] Der Suffizienzgedanke kann in diesem Kontext als ein sich selbst zu genüge sein im Maßstab des Bauwesens verstanden werden; das vorhandene Nutzen und immer wieder neu zu erfinden, immer wieder in die neue Bauaufgabe zu übertragen. Das Bauteil erfährt dadurch einer ständigen Adaption an neue Situationen, erfüllt möglicherweise andere Funktionen, doch wird solange gebraucht, bis dieses - im wahrsten Sinne des Wortes - nicht mehr tragfähig ist. Die Grundvoraussetzung für ein solches Prinzip ist allerdings die Qualität des Bauteils bei entsprechender Langlebigkeit.
Das heutige Wirtschaftssystem ist auf Neuproduktion ausgelegt. Dank des technischen Fortschritts ist seit Beginn der industriellen Revolution und insbesondere seit der Nachkriegszeit das Nutzen synthetischer Materialien, aus welchem alle möglichen Dinge hergestellt werden können, zum Standard verkommen. Die Wiederverwendung alter Stoffe ist dadurch redundant, wenn nicht gar überflüssig geworden. [Stricker, 2022, S. 59] Ein kapitalistisches System weiß diesen Umstand für sich zu nutzen und optimiert die Prozesse auf das funktionierende System. Die Effizienzsteigerung der herkömmlichen Prozesse, der Produktion von Neuwaren, steht somit im Fokus ökonomischer Betrachtungen. Das Wiederverwenden von alten Baustoffen und Materialien, also der Suffizienzgedanke, deckt sich - noch - nicht mit den Erwartungen der seit dem praktizierten wirtschaftlichen Prinzipien. [Lampugnani, 2023, S. 19ff] Die Qualität der Bauteile nimmt indes ebenfalls ab, so dass die Substanz von Grund auf bereits für eine Weiternutzung ausgeschlossen ist. Im Räumungswesen kann dies unmittelbar erfahren werden. Auch die Schwierigkeiten eines stetigen Zeitdruckes oder der fehlenden Lagermöglichkeiten lassen sich demzufolge der ökonomischen Problematik zuordnen.
Nach der Doktrin „Zeit ist Geld“ wird wenig Raum geboten für anderweitige Arbeitsprozesse abseits der ökonomisch etablierten. Heißt es Abriss oder Räumung gilt es schnellstmöglich die Substanz zu entsorgen, denn alsbald, bzw. morgen wartet bereits der nächste Auftrag. Die zeitliche Komponente ist ein entscheidendes Faktum in der Wirtschaftlichkeit vieler Betriebe zum Zweck der Gewinnbringung. Dass dann noch zusätzliche Kosten für Lagerstätten entrichtet werden sollen, deckt sich infolgedessen uneinbringlich mit den wirtschaftlichen Interessen. Sammellagerstellen wiederum erfordern zusätzliche logistisch-kommunikative Anstrengungen, weshalb diese als ebenfalls unwirtschaftlich erachtet werden. Mit der „Carla“ der Caritas Wien gibt es bereits eine Möglichkeit alte Möbel und dergleichen zu spenden, um diese im Umlauf zu halten. Eine stationäre Verkaufsstelle alter Einrichtungsgegenstände im Prinzip eines dauerhaften Flohmarktes mit einer breiten Publikumswirkung. Viele Räumungsunternehmen agieren mit der Caritas im Verbund und versorgen diese mit einem stetigen Warenfluss. Die Mittel sind allerdings begrenzt und die Auswahlkriterien auf ein möglichst schnelles Weiterverkaufen ausgelegt, wonach gewisse Objekte aus deren Raster fallen. Zudem ist es die bisher einzige etablierte Möglichkeit, um alte Räumungsgegenstände im Kreislauf zu halten. Im allgemeinen bieten sich keine derartigen Optionen. Denn wenn selbst das Räumungswesen mit den Schwierigkeiten der Umsetzbarkeit zu Kämpfen hat, um das Wiederverwenden alter Substanz standardmäßig zu ermöglichen, wie sollen sich dann in den viel umfangreicheren Gebieten des Bauen solcherlei Prozesse einbringen?
Es gilt die Methoden zu hinterfragen und die grundsätzliche Haltung zu ändern. Sowohl die Vergangenheit hat bewiesen, dass die Wiederverwendung von Bauteilen standardisiert werden kann, als auch aktuelle Bemühung weniger Firmen und Institute. Mit der „Carla“ gibt es zudem bereits ein etabliertes Prinzip, wie alte Möbel oder Einrichtungsgegenstände auch im großen Umfang eine Weiterverwendung finden können. Solange die Qualität eines Bauteils es zulässt, ist die Bauteilwiederverwendung stets als die erste Option im Umgang mit obsoleter Substanz zu betrachten. Der exemplarische Vergleich mit der Praxis im Räumungswesen hat die Schwierigkeiten erläutert, doch können diese in Übereinbringung mit einem neuem ökonomischen Denken behoben werden. Großangelegte Materiallagerstätten wie es in der CampusVäre angeboten wird, helfen dem Problem entgegenzuwirken, sofern die Vermittlungsarbeit zwischen Anbietenden, Lagerstätte und potenziellen Abnehmenden funktioniert.
Wien, 2026
Lampugnani, Vittorio Magnago: Gegen Wegwerfarchitektur. Dichter, dauerhafter, weniger Bauen; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2023
Moravánszky, Ákos: Circular materiality. Key concepts in ecological construction, In: ZHAW School of Architecture, Design and Civil Engineering; Institute of Constructive Design (IKE); Stricker, Eva; Brandi, Guido; Sonderegger, Andreas: Reuse in construction. A compendium of circular architecture; Park Books, Zürich 2022, S. 17 - 31
Stadt Wien, MA48 (a): Allgemeine Übernahme- und Anlieferungsbedingungen - Standort Rinter; im Internet abrufbar. URL: https://www.wien.gv.at/umwelt/annahmebestimmungen-standort-rinter, abgerufen am 19.01.2026
Stadt Wien, MA48 (b): Tarife für die Übernahme von Altstoffen; im Internet abrufbar. URL: https://www.wien.gv.at/umwelt/tarife-uebernahme-altstoffe#alttextilien, abgerufen am 19.01.2026
Stadt Wien, MA48 (c): Tarife für Deponierung von Rest-/Sperrmüll und Baurestmassen - Standort Rinter; im Internet abrufbar. URL: https://www.wien.gv.at/umwelt/tarife-uebernahme-muell-bauschutt-erdaushub, abgerufen am 19.01.2026
Stricker, Eva: Reusers, In: ZHAW School of Architecture, Design and Civil Engineering; Institute of Constructive Design (IKE); Stricker, Eva; Brandi, Guido; Sonderegger, Andreas: Reuse in construction. A compendium of circular architecture; Park Books, Zürich 2022, S. 59 - 77
116 The Library as a Third Place - From Theory and Practice
Die Bibliothek als Dritter Ort - aus Theorie und Praxis
Einleitung – Vorstadtträume
Man stelle sich vor: Amerika, genauer die Vereinigten Staaten, Ende der 1980er Jahre. Dort befindet sich ein Einfamilienhaus, schlicht, weiß, ein Haus für eine typische Mittelklasse Familie. Daneben noch eins, dort neben ebenfalls eins, darauf ein nächstes und so weiter; die Häuser ordnen sich monoton in Reih und Glied bis zum Horizont erstreckend. Das Haus wird bewohnt von der ebenso stereotypischen amerikanischen Mittelklasse Familie: Vater, Mutter und die zwei Kinder, 9- und 16-jährig. Das Jüngste spielt draußen mit Altersgenossen neben der Straße, die Mutter bereitet in der Küche das Abendessen vor, das Ältere telefoniert genervt mit Freunden im eigenen Zimmer und alle warten sie auf den Vater, dass er nach Hause kommt, damit endlich gegessen werden kann. Doch der steht schon seit einer Stunde im Stau auf dem Weg von seiner Arbeit nach Hause; die anderen im Stau Stehenden machen es ihm gleich. Zuhause bleibt die Familie unter sich, ob der Mann nun daheim ist, oder doch nur die Ehefrau, Hausfrau, selbstverständlich. Die Freizeit wird vor dem neuen Multimediasystem verbracht. Die Freunde wohnen entweder direkt nebenan, oder können nur mit einer zeitaufwendigen Autofahrt erreicht werden. Und auch für den Alltagsbedarf muss eine 20-minütige Autofahrt in Kauf genommen werden, denn der nächste Supermarkt liegt fernab der Einfamilienhauswüste. Bars oder Coffee Shops sucht man vergebens. So verkommt das öffentliche Leben zu einer reinen Transitnotwendigkeit um, meistens mit dem Auto, von A nach B zu gelangen. Eine geschlossene und in sich gekehrte Gesellschaft.
So in etwa (sinngemäß) beschreibt der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg die Situation in der amerikanischen Gesellschaft zu jener Zeit in seiner Publikation „The Great Good Place“. Dabei stütz er sich neben den Arbeiten vieler Kollegen und Soziologen auch auf die eigenen Erkenntnisse, die er erfuhr, als es ihn selbst in die floridianische Vorstadt zog. Daraus entwickelte er die Idee des „Third Place‘s“, oder eben den des „Dritter Ortes“. Dabei handelt es sich um einen neutralen Ort der (nachbarschaftlichen) Gemeinschaft, an welchen man Abseits der Familie (erster Ort) und der Arbeit (Zweite Ort) zusammenkommen kann, sich austauscht und sozial interagieren kann. Ein Ort der Freizeit, der vor allem in der von Funktionstrennung bestimmten Stadtplanung Anwendung findet.
Mit einer immer stärker aufkommenden Digitalisierung Ende der 1990er Jahre mussten sich auch Bibliotheken neuerfinden. Gerade Bibliotheken übernahmen dann die Idee, bzw. die Begrifflichkeit des Dritten Ortes für sich und werben so bis heute damit um ein neues Image; weg von der klassischen Bücher-Leih-Institution hin zu einer Stätte der Kommunikation und des sozialen Treffens.
Im Folgenden soll nun untersucht werden, ob das Konzept der dritten Orte auf Bibliotheken überhaupt übertragbar ist und wie sich Bibliotheken anpassen müssen, um nicht nur mit dem Prinzip mitgehen zu können, sondern auch mit den Herausforderungen der Zeit. Die Thematik des Dritten Ortes ist ein insgesamt doch sehr umfangreiches Phänomen und wandelt sich ebenso mit den Strömungen der Zeit, wie die Soziologie oder das Bauwesen. Deswegen bezieht sich das Hauptaugenmerk zunächst den Aspekten Oldenburgs, denn heutzutage kann eine so strikte Trennung in die drei unterschiedlichen Orte, wie sie die Theorie wiedergibt, nicht mehr als zeitgemäß angesehen werden. Dennoch soll auch der Abgleich mit unserer modernen Gesellschaft nicht vernachlässigt werden. Dabei wird zunächst Ray Oldenburgs Theorie „The Great Good Place“ erläutert und nach einem Schwenker zur Thematik Bibliothek auf jene angewendet. So wurde auch vom Kulturministerium NRW die Begrifflichkeit des Dritten Ortes aufgegriffen und für ein Förderprogramm angepasst. Drei Praxisbeispiele aus den USA, Skandinavien und Deutschland in durchaus unterschiedlicher Herangehensweise geben einen Einblick in die Umsetzbarkeit des Prinzipes auf Bibliotheken. Da Digitalisierung, auch verstärkt durch die Auswirkungen der Corona Pandemie, ein fester Bestandteil des Alltags geworden ist soll auch die Anwendung im Virtuellen kurz erläutert werden. Eine abschließende Kritik fasst die Aspekte in einem wertenden Resümee zusammen. Für eine bessere Lesbarkeit wird in der Ausarbeitung das generische Maskulinum verwendet.
Das Prinzip des „Dritten Ortes“
Um eines vorwegzunehmen: der Dritte Ort ist keine Erfindung Oldenburgs, da schon seit Jahrhunderten solche Orte existieren. Doch durch seine Theorie trat die Idee in das Verständnis der Öffentlichkeit und Planungsbeteiligten seiner Zeit und wurde auch als eben jene Begrifflichkeit in die Lexika übernommen.[7] Aber was versteckt sich hinter dem Begriff „Dritter Ort“?
Mit dem Aufkommen der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert entstand ein Bruch im Alltag. Während vor der industriellen Revolution der erste und der zweite Ort, also das Wohnen und das Arbeiten, meist noch unter einem Dach stattfanden, wurde nun das Produktive vom Zuhause gelöst, sowohl in einer lokalen Distanz als auch in den Köpfen der Menschen.[1] Daraus entwickelte sich eine Balance und auch Konzentration auf Familie und Job, welche sich auch im räumlichen Bild der Funktionstrennung der Städte der Moderne wieder fand und so eine fast unabdingbare Abhängigkeit vom Auto hervorbrachte, speziell in den Vereinigten Staaten. Der öffentliche Raum und somit auch das öffentliche Leben erfahren eine Tristesse; Bürgersteige wirken überflüssig, so sie doch kaum genutzt werden.[7] Es herrscht ein Freizeitverständnis, welches sich auf Individualaktivitäten beschränkt, auf Angebote, welche allein oder mit einer kleineren Gruppe verrichtet werden können, wie der Aerobic-Kurs, das Meditieren, das Joggen gehen.[1] Das informelle öffentliche Leben, das „Straßenleben“, wie es in vielen Staaten Europas, wie Frankreich oder Griechenland, seit jeher zum Alltag gehört, ist in den USA quasi nicht existent. So entsteht eine exklusive Gesellschaft, eine Gesellschaft, die es nicht versteht, sich zu öffnen, die verschlossen wirkt gegenüber Anderem.[1]
Der Mensch allerdings ist ein soziales Lebewesen. Auf Dauer führt dies zu Langeweile, Einsamkeit und Entfremdung. Er braucht also den Kontakt zu anderen Menschen und so kann ein informelles öffentliches Leben dazu beitragen, dass sowohl das nationale als auch das individuelle Leben einen genauso positiven Einfluss erfahren, wie es bereits die Familie oder die Arbeit beisteuern können.[1,5,6] Oldenburg versucht nun mit dem Prinzip des Dritten Ortes diesen Dualismus und die Folgen der Industrialisierung umzukehren. Mit den drei Orten entsteht ein Dreiklang, oder Tripod, wie er es beschreibt, aus dem des Zuhauses und der Familie, dem Arbeiten und einem Ort des sozialen Austausches, einem Ort, an dem sich Fremde und Freunde ohne Barrieren treffen und interagieren können.[1]
Der Erste Ort
Der Erste Ort versteht sich dabei als das Zuhause, als den Ort für die Familie. Er ist der wichtigste und auch regelmäßigste Ort in unserem Leben. Er ist der Ort, an dem wir aufwachsen und uns als Kind entwickeln, ein Ort des Rückzuges für uns selbst. Lange bevor das Produktive in unser Leben tritt und auch lange nach unserem Arbeitseinfluss erfüllt das Zuhause die Bedürfnisse jedes Einzelnen. Er ist zudem der Ort, der uns am meisten vertraut ist, mit den Menschen, die uns am meisten vertraut sind. Dennoch ist selbst das Zuhause kein Ort des absoluten Behagens. Je nachdem kann auch dieses, als Unangenehm empfunden werden durch familiäre Pflichten und Spannungen einerseits, oder durch eine Vereinsamung von alleinlebenden Personen andererseits.[1]
Der Zweite Ort
Mit dem Zweiten Ort kehrt eine gewisse Produktivität in unser Leben ein. Dieser ist zumeist die Arbeit, aber auch die Schule oder die Ausbildungsstelle (Hochschule) können dieser Ort sein. Durch den Zweiten Ort erfährt ein Individuum eine produktive Rolle und leistet einen Teil für die Allgemeinheit bei. Sie verleiht uns Struktur und Motivation, regelt unseren Alltag und gibt unseren Leben einen Sinn.[1] Meistens handelt es sich dabei um einen klar vom Zuhause distanzierten Bereich, sodass der Begriff des Ortes nicht nur psychologisch zu verstehen ist, sondern auch als klare räumliche Abgrenzung.
Der Dritte Ort
Der Dritte Ort soll als Ausgleich zu den beiden oben genannten Orten, der Familie und der Arbeit, dienen. Er gilt dem sozialen und dem kulturellen Austausch und stillt das Gemeinschaftsbedürfnis des Menschen. Er hat dabei vor allem eine entgegenwirkende Rolle für Stress, Einsamkeit und Entfremdung. Der Dritte Ort bietet Räume und Institutionen des öffentlichen Lebens für alle gleichermaßen an. Darunter verstehen sich gewisse „Kernräume“, also Treffpunkte, an denen das öffentliche Leben ungehindert stattfinden kann und an welchen Menschen sozial interagieren können. Nach Oldenburg eignen sich besonders Cafés, Kneipen, oder z.B. Bücherläden als Jene. Es sollte dabei stets der menschliche Maßstab beachtet werden und zu groß-skalierte Institutionen vermieden werden, um einen angemessenen Einfluss beizubehalten.[1]
Wie bereits im Vorlauf erwähnt muss jedoch auch hinzugefügt werden, dass die Theorie Oldenburgs aus den späten 1980er Jahren stammt und eine Trennung der drei Orte nicht mehr so gegeben ist, wie es noch vor 30 Jahren der Fall war. Insbesondere Unternehmen haben den Dritten Ort für sich entdeckt und passen Ihre Arbeitskonzepte in neuen Modellen entsprechend an. Man hat erkannt, dass die Produktivität der Mitarbeiter steigt, wenn man sich in einem lockeren Umfeld befindend mit Kollegen austauschen kann, so dass auch der feste Arbeitsplatz längst kein Standard mehr ist.[7] Zudem haben die Auswirkungen der Covid19-Pandemie die Grenzen zwischen der Arbeitsstätte und den eigenen Vier-Wänden, sprich dem Ersten und dem Zweiten Ort, teilweise erheblich gesprengt. Betriebe im Dienstleistungssektor sind mit den Möglichkeiten des Home-Office‘s neue Wege der Zusammenarbeit gegangen und zeigen auf, wie auch die Grenzen hier wieder mehr verschwimmen. Es bedarf, zumindest im Dritten Sektor, keines festen Arbeitsplatzes mehr, so dass ein flexibleres Arbeiten in Ort und Zeit möglich ist. Mit dem Begriff „Dritter Ort“ versteht man zwar auch weiterhin einen Ort als Ausgleich zur Familie und zum Job, jedoch ist eine Differenzierung bei weitem nicht mehr so eindeutig erkennbar, wie es in der Theorie Oldenburgs beschrieben wird. So wurde auch das Prinzip des Dritten Ortes in seiner Definition an die Bedingungen unserer Zeit angepasst. Im Laufe der Arbeit wird auch darauf noch einmal genauer eingegangen. Im Folgenden wird allerdings zunächst mit den Kriterien Oldenburgs untersucht, wie die Idee des „Third Place“ auf Bibliotheken übertragbar ist.
Die Bibliothek als Dritter Ort? Acht Kriterien
Laut Oldenburg gelten arabische Kaffeehäuser, deutsche Bierstuben, italienische Tavernas oder die alten amerikanischen Grenzläden als anschauliche Beispiele eines Dritten Ortes. In seiner Theorie „The Great Good Place“ beschreibt er mithin acht Charakteristika, welche einen Dritten Ort nach seiner Auffassung definieren. Anhand dieser acht Kriterien lässt sich eine gute Korrespondenz schaffen, inwiefern eine Einrichtung dem Konzept des Dritten Ortes Folge leistet. Anhand dessen kann man ebenfalls erörtern, ob es sich bei Bibliotheken um einen Dritten Ort handelt, oder nicht. Zudem lässt sich nicht nur ein Vergleich einzelner Institutionen ziehen, sondern auch ein Vergleich mit den Ersten und dem Zweiten Ort, für ein Verständnis der drei Orte und deren Stärken und Schwächen:[1]
Auf neutralen Grund: Auch wenn Freundschaften vielfältig und breitgefächert sein können, sind sie doch immer privaten Ursprungs und niemals Teil des öffentlichen Lebens. Deshalb braucht es auch den regelmäßigen Kontakt zu fremden Personen. Dieser gelingt am einfachsten an neutralen Orten, an denen sich keiner zuständig fühlt, der Gastgeber sein zu müssen; an dem es jedem freisteht zu kommen, oder zu gehen, wann und wie er möchte. Die Wichtigkeit eines solchen neutralen, öffentlichen Ortes wird klar, wenn man die Ansichten der Befürworter der dualen Gesellschaft wiedergibt. Diese besagt, dass der private Raum lediglich so schön sein muss, dass keine weitere Zeit im öffentlichen Raum verschwendet wird. Wenn dem jedoch so wäre, warum sollte dann ein Restaurant besucht werden, wenn man doch in der eigenen Küche etwas kochen kann.
Der Dritte Ort ist ein Gleichsteller: Mit einem Leveler (frei übersetzt: Gleichsteller) wird im weiteren Sinne eine Person beschrieben, welche eine totale Gleichheit aller Menschen fordert. Und so soll auch ein Dritter Ort sein. Dort trifft man sich fernab jeglichen Ranges und jeglichem Status, seien es familiäre oder jobbedingte Hierarchien. Es geht ausschließlich um die Persönlichkeit eines Jemanden, um seinen Charakter und seine Vorlieben. Gleiches gilt ebenso für die Gefühlslage. In einem Dritten Ort lässt man seine Sorgen beiseite und erfreut sich der Gegenwart anderer.
Konversation ist die Hauptaktivität: Ein Dritter Ort soll zum miteinander kommunizieren anregen, zu angehnehmen und unterhaltsamen Konversationen. Sie sind Orte des Sozialisierens und des Lernens. Hier erlernt man die „Regeln der Konversation“, welche einem Helfen mit anderen Menschen zu interagieren, sowohl in freudiger Hinsicht als auch mit uninteressanten Menschen („Bores“). Sprachgebrauch, Dramaturgie und Erzählweise werden durch solche Konversation stetig weiterentwickelt. Auch Studien zeigen, dass Orte mit einer höheren Dritte-Orte-Dichte einen höheren Anteil an öffentlichen Konversationen aufweisen. Damit Konversationen stattfinden können gilt zu beachten, dass die Musik an solchen Orten in einer angemessenen, redefreundlichen Lautstärke vorzufinden ist, denn selbst Mozart kann bei zu hoher Lautstärke störend sein. Generell können konversationsfreudige Spiele ein gutes Mittel zur Gesprächsanregung sein, wobei die Konversation selbst wohl noch das beste Spiel sei.
Erreichbarkeit und Annehmlichkeit: Ein Dritter Ort lädt dazu ein jederzeit allein kommen zu können und trotzdem zu erwarten, dass man dort auf ein bekanntes Gesicht trifft. Dafür sind zwei Dinge wichtig: der Ort muss bequem zugänglich sein, sprich es braucht Öffnungszeiten, welche nicht mit den Arbeits- und Familienzeiten kollidieren, und man muss Gäste vor Ort kennen. Eine Aktivität in einem Dritten Ort ist ungeplant, unorganisiert und unstrukturiert. Wenn ein Dritter Ort fester Bestandteil in einem urbanen Gefüge ist, erfüllt sich dieses automatisch.
Stammgäste: Die Stammgäste machen einen Dritten Ort aus. Sie sollten ein willkommenes und offenes Gefühl vermitteln. Denn sie sind es, welche neue Leute integrieren, besonders die „einsamen Fremden“. Dabei ist zu beachten, dass diese Integration seine Zeit braucht; diese Art des Vertrauens wächst dabei mit jedem weiteren Besuch.
Ein niederschwelliges Profil: Bei Dritten Orten sollte es sich um schlichte, unbeeindruckt wirkende Lokalitäten handeln. Diese Schlichtheit verunsichert einerseits keine uneingeweihten Personen und wirkt andererseits einer gewissen Heuchelei entgegen. Denn schon selbst bei ein wenig Fanfare ist der Mensch befangen und verstellt sich oder ist zu schüchtern. Ein Dritter Ort ist ein einfacher Ort des alltäglichen Lebens. Insbesondere ältere Einrichtungen konnten sich bereits etablieren und erfüllen diese Eigenschaft, da sie, anders als neuere Einrichtungen, selten einem Franchise zugehörig und somit nicht auf den Profit ausgelegt sind. Außerdem ist die Laufkundschaft in älteren Institutionen geringer als in diesen neueren.
Die Stimmung ist spielerisch: Die Konversationen in Dritten Orten sollten nicht zu lange in einer zu seriösen Atmosphäre verharren, da dadurch die Stimmung getrübt wird. Denn speziell eine lockere Atmosphäre und Art zu Reden hat die Folge, dass man gerne wiederkommt.
Ein Zuhause abseits von Zuhause: Der Dritte Ort steht oft in einer gewissen Konkurrenz mit dem Zuhause, welche schon dadurch entsteht, dass man sich dort fallen lassen und den Alltag vergessen kann, sich sozial regeneriert. Man kennt die Gesichter und eignet ihn sich bis zu einem bestimmt Grad an, so dass sich ein familiäres Gefühl bildet. Ein Dritter Ort strahlt Wärme und Herzlichkeit aus und kann so gerade für Alleinlebende eine „Ersatzfamilie“ werden. Die größten Unterschiede zum Zuhause liegen darin, dass ein Dritter Ort immer öffentlich ist, das Zuhause ausschließlich privat; dass man dort häufig auf Personen des gleichen Geschlechts trifft und auch dass die Erwartung an Aktivitätsvielfalt eine geringere ist als Zuhause.
Exkurs: Bibliothek
Aber um bewerten zu können, inwiefern eine Bibliothek als ein Dritter Ort gesehen werden kann, braucht es zunächst einen Blick in die Definition und die Geschichte und ihrer Entwicklung. Das klassische Bild einer Bibliothek ist wohl jenes eines großen Lesesaals im Zentrum umgeben von umherlaufenden Bücherregalen auf mehreren Emporen. Altehrwürdig, beeindruckend und doch in zurückhaltender Gestaltung; so wie das Rund der Bibliothek des British Museums in London, oder auch der kaskadenartige Lesesaal des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums in Berlin. Das Wort Bibliothek wurde indes aus dem Griechischen übernommen und bedeutet Buch-Behälter (griech.: biblio-thḗkē) und steht dabei sowohl für einen Raum zur Aufbewahrung von Büchern als auch für ein einzelnes Regal oder eine einzelne Kiste für jene Verwahrung.[29] Bibliotheken verstehen sich als Serviceeinrichtungen für die Gemeinschaft, denn sie werden sowohl von ihren Inhalten als auch von der Gesellschaft bestimmt. Sie sind Orte der Archivierung, Speicher für niedergeschriebenes Wissen und Orte des Lernens und des Austausches.[2]
Historisch betrachtet kann ungefähr ab dem 18. Jahrhundert die Bibliothek als eine öffentliche Institution mit kulturellem Gewicht gesehen werden. Bis in das 15. Jh. waren Sammlungen von Schriften und Bücherarchive häufig in privaten Händen und Teil von Monarchen oder Klöstern mit einer eher bedingt öffentlichen Zugänglichkeit. Mit der Erfindung des Buchdruckes erlangten Bibliotheken neue Relevanz und entwickelten sich in den Zeiten der Aufklärung des 18. Jahrhunderts schließlich hin zu städtischen Großbauten und repräsentativen Aushängeschildern einer „demokratischen Wissensgesellschaft“.[2] Wer im 19. Jh. auf Reisen war besuchte nicht nur die Stadt, sondern ebenfalls die Niederschriften in den Bibliotheksbauten. Wer einmal dort war, wollte auch die Geschichten und Legenden, so wie das lokale Wissen eines Ortes erfahren, um sich selbst zu bilden, oder um die Geschichten der Fremde in die Heimat mitzunehmen. Es waren insbesondere die Gelehrten und ihre Anhängerschaft, die Künstler oder die Reisenden aus fremden Ländern, welche die Bibliotheken stets zu Anhaltspunkten ihrer Reisen machten.3 In den Zwischen- und Nachkriegsjahren modernisieren sich Bibliotheken zunehmend zu eher funktionalen als repräsentativen Institutionen. Ihre Gestaltung wurde dezenter mit teils „Wohnzimmer-ähnlichen“ Charakter.[2] So fanden auch hier die Ideen der Moderne und der Charta von Athen Anklang. Die zunehmende Digitalisierung machte dann auch vor Bibliotheken keinen Halt. Ende der 1990er Jahre verloren Bibliotheken ihre Monopolstellung als Wissensspeicher und -vermittler, so dass eine Neuerfindung von Nöten war, um weiterhin Bestand zu haben. Aus der reinen Ausleih-und-Lehr-Institution wurden Kulturhäuser, Mediatheken oder Lernzentren.[2] Neben der Programmatik ändert sich ebenfalls die Ausstattung der Bibliotheken. Das Buch oder die Niederschrift ist nun nicht mehr das alleinige, prägende Element; es Bedarf neuer technischer Geräte, Zugang zum Internet, Arbeitsplätze, Seminarräume, verschiedenartige Sitzmöglichkeiten, Freizeitangebote und vieles anderes. Denn trotz weniger physischer Materialien benötigt eine Bibliothek weiterhin genug Platz, um den Nutzern die Möglichkeit zu bieten eigene Inhalte selbst zu erzeugen.[2] Die Idee einer freien und demokratischen Kultureinrichtung, welche allen offen steht und die Menschen miteinander verbindet ist somit weiterhin der Kerngedanke, damals, wie heute: „Bibliotheken [sind] mehr als nur Zweckbauten; sie sind Monumente für die Werte der Bildung und Demokratie.“ (Mark Bergain, Leiter Seattle Public Library)[2]
Die Bibliothek als Dritter Ort!
Wenn man nun von Bibliotheken spricht, können diese allgemein drei Facetten aufweisen; denn bereits die alten Griechen wussten zwischen dem Gebäude, der Büchersammlung und der Bibliothek als Organisation zu unterscheiden. Erscheint dies zunächst noch logisch, kann sich dieser Sachverhalt unterschiedlich auf die Bibliotheksarchitektur auswirken, so doch die einzelnen Aspekte auf sich bezogen gut funktionieren können, doch ebenso in der Einheit funktionieren müssen. Die unterschiedlichen Lebensdauern stellen das Bibliothekswesen immer wieder vor neue Herausforderungen die teilweise schnelllebigen Konzepte auf die eher beständige Bebauung anzupassen und auf die Gegebenheiten der Zeit zu übertragen.[2] Hier zeigt sich ebenso die Analogie zum Prinzip des Dritten Ortes, welches eine eher modellhafte Idee ist, und weniger ein Konzept für prinzipielle bauliche Ideen. Selbstverständlich müssen auch die baulichen Parameter mit dem Prinzip der Dritten Orte übereinstimmen, dennoch ist es von höherer Bedeutung diese Vorstellung in die bestehenden Gefüge einer urbanen Struktur einzuspeisen, als von räumlichen Neuordnungen zu sprechen. Dieser Aspekt sollte in den nachfolgenden Untersuchungen stets beachtet werden.
Eine Bewertung der Thematik kann nur in zweierlei Hinsichten erfolgen. Die acht Kriterien Oldenburgs bieten doch eine recht präzise Abgleichungsmöglichkeit, in der die einzelnen Aspekte Punkt für Punkt beurteilt werden können. Jedoch ergibt sich dadurch ein Bild, welches nur die halbe Wahrheit vermittelt. Dies ist zunächst der Zeit geschuldet, aus welcher die Theorie stammt und den kontextualen Bedingungen unter welcher diese entstanden war. Damit das Prinzip eine Anwendung auf die aktuellen Begebenheiten finden kann, braucht es eine sinngemäße Anpassung der Idee. Deswegen wird im folgendem zunächst der konkrete Vergleich mit Oldenburg gezogen und darauffolgend eine freiere Interpretation nach zeitgemäßen Ansichtspunkten.
Die Idee, dass eine Bibliothek ein Dritter Ort sei, entspringt der Interpretation, nach welcher Bibliotheken selbst diese Begrifflichkeit deuten. Denn in der Tat, nannte Oldenburg in seiner Theorie „The Great Good Place“ die Bibliothek nicht als Dritter Ort. Er sprach zwar von Bücherläden, aber nicht konkret von Bibliotheken.[1] Somit wäre theoretisch bereits der Beweis erfüllt, dass die Eingangsfrage nicht zutreffend ist. Dennoch ist diese Überlegung zu einfach gedacht und würde einer angemessenen Diskussion nicht gerecht werden. Ein Eins-zu-Eins-Vergleich der Kriterien Oldenburgs mit den Definitionen einer Bibliothek zeigen zunächst eine eindeutige Zustimmung von vier Punkten: Es handelt sich hierbei um einen neutralen Ort, an welchem sich niemand zu etwas gezwungen fühlen muss; eine Differenzierung im Status wäre nur vorhanden, wenn die unterschiedlichen Interessen der Bücherthemen als eine solche interpretiert werden würden. Schließlich „[ist die freie, öffentliche Bibliothek] die Wiege der Demokratie auf Erden, wo weder Rang, Beruf, noch Reichtum die geringste Rolle spielen.“[16] Bibliotheken, insbesondere die, der Moderne, weisen zudem eine schlichte und zurückhaltende Atmosphäre auf und fügen sich ohne viel Aufregung in den Alltag, so wie in das städtische Gefüge ein. So ist es diese dezente Atmosphäre, welche eine Aneignung des „zweiten Wohnzimmers“[28] möglich macht, welche ein „Sich-fallen-lassen“ erlaubt und den Alltag für eine kurze Zeit vergessen lässt. Eine Inkorrespondenz zeigt sich zunächst in den restlichen vier Kriterien. Bibliotheken gelten weithin (noch) als ruhige Lese- und Lernorte, als Einrichtungen, in denen ein konzentriertes Fungieren einer Tätigkeit im Vordergrund steht. Dies widerspricht insbesondere zwei Kriterien, welche Oldenburg auflistet, die eine Konversation als Sozialisierungsmittel in den Mittelpunkt eines Dritten Ortes stellt. Denn weder ist der verbale Interessenaustausch zweier Personen noch ein spielerisches Miteinander in den Dialogen eine der allgemein gebräuchlichen Assoziationen mit einer Bibliothek. Hier zeigt sich die wohl größte Ambivalenz der Idee eines extrovertierten Dritten Ortes und der Wirklichkeit eines introvertierten Medienvermittlungsortes. Ein Austausch untereinander erfolgt vor allem in diskreter Weise. Das hat eine unweigerliche Auswirkung auf die Klientel in den Bibliotheken. So mag es sicherlich Gäste geben, welche sich regelmäßig dort einfinden, doch übernehmen sie nicht die Aufgabe der Integration von fremden und neuen Personen, da eine Bibliothek ohnehin eher aufgesucht wird, um einer Einzeltätigkeit nachzugehen, womit eine Zustimmung nach der Definition Oldenburgs nicht zutrifft. Ein weiterer Aspekt, welcher der Definition Oldenburgs nicht standhält, ergibt sich darin, dass Bibliotheken häufig eine hervorragende Platzierung mit guter Zugänglichkeit in innerstädtischen Lagen aufweisen, jedoch durch strenge Öffnungszeiten ein eigenes Kontra setzten. In Deutschland bedingt sich dies durch die strengen Auflagen des Bundesarbeitszeitengesetz.[8]
Aber da sich auch Bibliotheken seit Jahren in einem fortlaufenden Transformationsprozess befinden, können sie nicht mehr als solche introvertierten Institutionen der Vergangenheit angesehen werden, wie es (in Deutschland) noch vor ungefähr zehn Jahren der Fall war. Losgelöst von seinem ursprünglichen Kontext muss der Begriff weiterentwickelt werden, um den Ansprüchen der Zeit zu entsprechen. Die strikte Trennung der drei Orte in Privat (erster Ort), Beruf (zweiter Ort) und Freizeit (dritter Ort) kann nicht mehr so eindeutig unterschieden werden, wie zu Zeiten Oldenburgs, zudem es der Vielschichtigkeit einer modernen Bibliothek nicht mehr gerecht werden würde. Die Sphären von Privatem, Beruf und Freizeit gehen immer mehr ineinander über und finden sich in den aktuellen Raumprogrammen zuhauf wieder.[9] Die Nutzerprogramme werden dahingehend angepasst, dass physische Leihmaterialien, wie Bücher, CD’s oder DVD’s teilweise weichen müssen zugunsten von Sitzmöglichkeiten, Arbeitsplätzen oder Raum für Besucher zur freien Aktivitätengestaltung.[9] Ein attraktives Angebot an technischer Ausstattung, sei es der kostenlose Internet- und W-Lan-Zugang, ausreichende PC-Stellen, oder ein geschultes Personal, stellen Kernkompetenzen dar, für ein multimediales Lernzentrum für Kinder und Jugendliche, aber auch für Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund. Sie finden in Bibliotheken eine Anlaufstelle zur sozialen Integration und eine Möglichkeit für eine gesellschaftliche Interaktion. Neben der Funktion der Lehreinrichtung für Kinder und Migranten, dienen sie zudem als Vermittler der Gesellschaft zum digitalen Wissens- und Kommunikationsaustausches, da nicht ein jeder das Know-How oder Equipment zur Nutzung von Computern oder den Zugang zum Internet besitzt.[5,10] Dabei kommen Bibliotheken nicht nur didaktische Aufgaben zu, obgleich auch in Zukunft die Informationsvermittlung eine bedeutende Rolle einer Bibliothek spielen wird. Soziale Funktionen finden dort einen zentralen Anlaufpunkt, welcher mehrere Bestimmungen in einem Haus zusammenbringt. Cafés bieten einen lockeren, informellen Ort zum netten Plausch, ein kleiner Bücherladen lockt zum ungezwungenen Bummeln oder Ausstellungsräume zur kulturellen Debatte. In Zeiten des Rund-um-die-Uhr-Onlineshopping gehören Bibliotheken zu den „wenigen kostenlosen Aufenthaltsorten ohne Konsumzwang.“[11] Bibliotheken sollten zudem die Kooperation mit Vereinen und Organisationen in der Gemeinde suchen, um als zentral gelegene Einrichtung Veranstaltungen zu ermöglichen, aber auch Außenstehenden Räume und Dienste zur Verfügung zu stellen, in Tageszeiten, in denen sie geschlossen ist.[11] Die, nach ihrer Definition, klassische Bibliothek erfährt eine Wandelung vom Ort der Schriften zu einem Zentrum der Kultur und der Gesellschaft, ohne dabei seine Relevanz als Wissensvermittler zu verlieren.
Ergänzt man nun die Aspekte einer modernen Bibliothek als Kulturzentrum mit den eingangs nicht erfüllten Kriterien der Dritten Orte, ergibt sich sehr wohl eine Übereinstimmung mit der Begrifflichkeit der Dritten Orte nach Oldenburg, sofern das starre Bild der introvertierten Ruhestätte aufgelöst und eine Öffnung zum alltäglichen städtischen Leben ermöglicht wird. Selbst die teilweise stark diffusen Dimensionen der drei Orte in unserer und zukünftiger Zeit und sogar innerhalb der Institutionen selbst erfordern dennoch eine Übernahme des Prinzips der Dritten Orte, wie sie Oldenburg beschrieben hatte, um Orte zu schaffen, an denen der Mensch seinem Bedürfnis zur sozialen Interaktion und Erholung nachkommen kann.
Der 3. Ort nach dem Kulturministerium NRW
Während die Aneignung von Bibliotheken mit dem Begriff der Dritten Orte sich der Entwicklung der Gesellschaft allmählich selbst anpasst, werden auch Versuche unternommen eigene Definitionen in Anlehnung an die Theorie Oldenburgs unter dieser Bezeichnung zu erschaffen. Die Kriterien Oldenburgs werden adaptiert, umgeschrieben und ergänzt. Eine dieser Adaptionsversuche ist die des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft NRW. Dabei handelt es sich um ein Förderprogramm zur Stärkung und Weiterentwicklung von Kultureinrichtungen in ländlichen Regionen. Konkret wird das Programm „Dritte Orte – Häuser für Kultur und Begegnung im ländlichen Raum“ in zwei Phasen unterteilt: in der ersten Programmphase, der Konzeptphase, wurden 17 ausgewählte Projekte unterstützt. In einer zweiten Umsetzungsphase wurden 14 Projekte weiterhin in dem Programm belassen und zusätzliche zwölf neuhinzugekommene Projekte ausgewählt. In einem Förderzeitraum von 2021 bis 2023 werden bis zu 450.000 Euro pro Projekt und insgesamt rund 13,5 Millionen Euro bereitgestellt. Die Entscheidung der zu fördernden Projekte wurden durch eine Fachjury in den jeweiligen Förderphasen bestimmt, nachdem Kultureinrichtungen, welche in den Rahmen der „Gebietskulisse NRW-Programm Ländlicher Raum“ fallen, in einem Antrag die Dringlichkeit einer Förderung, bzw. innovative und kooperative Ansätze zur kulturellen Infrastruktur erläutern konnten. Der Fokus liegt dabei ausschließlich auf dem ländlichen Raum, da besonders die strukturschwachen Regionen mit dem Wegfall von Kirchen und Begegnungszentren den Zugang zu Kunst, Kultur und kultureller Bildung verlieren. Dem soll das Programm „Dritte Orte“ entgegenwirken und Anreize schaffen das kulturelle Leben in jenen Regionen zu erhalten.[13] Das Programm definiert einen Dritten Ort als eine spezifische Situation, welche im besten Fall „von unten“ entsteht, orientiert an den Ressourcen und lokalen Bedürfnissen. Ein Rahmen soll den Dritten Ort im Sinne des Förderprogramms kennzeichnen, dass ein Ort der Kultur und Bildung, der Begegnung, der Vernetzung entsteht.[13] Dazu wurden zehn Merkmale aufgestellt; diese gleichen teilweise denen von Oldenburg. Das Kulturministerium definiert die zehn Merkmale wie folgt: [13]
1. Physischer, auf Dauer angelegter Ort: Der „Dritte Ort“ befindet sich in einem möglichst identitätsstiftenden Gebäude, das einen festen Platz im dörflichen/städtischen Gefüge hat. Eine Einbindung in die Stadt- bzw. Dorfentwicklung ist dabei erforderlich. Mobile Angebote können an diesen physischen Ort angedockt werden und zur Vernetzung der Einrichtung beitragen.
2. Gute Erreichbarkeit: Im Sinne der Zugänglichkeit sollte der „Dritte Ort“ gut erreichbar sein. Das ist bei einer zentralen Lage, z.B. am Marktplatz, in jedem Fall gegeben. Bei einem Gebäude, das zwar im örtlichen Leben gut verankert ist, das aber eher am Rand eines Ortes oder sogar im Außenbereich liegt, soll die Frage der Erreichbarkeit im Konzept ausdrücklich dargestellt werden. Grundsätzlich sollen Ansätze entwickelt werden, wie die Erreichbarkeit der „Dritten Orte“ – auch wenn sie zentral liegen – für möglichst viele Nutzer gewährleistet werden kann.
3. Niedrigschwelliger, barrierefreier Zugang: Der „Dritte Ort“ soll sich seinem Umfeld so öffnen, dass Zugangsbarrieren jeglicher Art weitestgehend vermieden werden. Der Aufenthalt ist grundsätzlich kostenlos. Für konkrete Angebote können auch Gebühren, Eintrittsgelder oder (geringe) Jahresbeiträge erhoben werden. Der Zugang ohne den „Zwang“, an konkreten Angeboten teilnehmen zu müssen, sollte charakterbildend sein.
4. Geeignete Öffnungszeiten: „Dritte Orte“ sind Orte der Begegnung, sie sollen zugänglich sein für viele Nutzergruppen. Vorrangig werden sie für Freizeitaktivitäten genutzt. Die Öffnungszeiten sollten deshalb möglichst auch auf die Abendstunden und die Wochenenden ausgedehnt werden. Für die Organisation und personelle Ausstattung sind verschiedene Modelle denkbar.
5. Einladende Atmosphäre und Gestaltung: Ein „Dritter Ort“ soll einladend sein, so dass Menschen sich dort wohl fühlen und sich gern dort aufhalten. Gleichzeitig soll die Ausstattung flexibel genug sein, um unterschiedliche Nutzungen zu ermöglichen. Durch die Gestaltung soll der offene und frei zugängliche Charakter des „Dritten Ortes“ betont werden. Gastronomische Angebote sollen explizit mitgedacht werden, sofern nicht gewichtige Gründe dagegensprechen (z.B. Konkurrenz zu angrenzenden Cafés/Restaurants).
6. Kulturelle Angebote, Vernetzung verschiedener Nutzungen: Ein „Dritter Ort“ im Sinne des Förderprogramms ist in erster Linie ein Kulturort. Eine „kulturelle Programmatik“ ist entweder bereits vorhanden oder soll entwickelt werden. Dabei ist auch der eigene Kulturbegriff darzustellen. Zum Kern des Förderprogramms gehört der kooperative Ansatz. Mindestens zwei Akteure, auch aus den Bereichen Bildung und/oder Begegnung, sollen sich zur (Weiter-)Entwicklung des „Dritten Ortes“ zusammenschließen. Gewünscht ist explizit auch die Einbindung bürgerschaftlich getragener Initiativen, die sich nicht nur beteiligen, sondern auch verantwortlich mitgestalten. Die Angebote und Einrichtungen sollen sowohl räumlich als auch organisatorisch miteinander verbunden werden.
7. Nachhaltige Verantwortungsstruktur: Eine verlässliche Verantwortungsstruktur ist für den dauerhaften und nachhaltigen Betrieb eines „Dritten Ortes“ unerlässlich. Gerade im ländlichen Raum gibt es viele kulturelle Einrichtungen, die überwiegend bis ausschließlich durch bürgerschaftliches Engagement getragen werden. In der Konzeptionsphase sollen daher mit Blick auf die Zeit des Dauerbetriebs nach der Anschubfinanzierung nachhaltige Verantwortungs- und Finanzierungsstrukturen aufgebaut werden. Für die Verantwortungsstruktur sind unterschiedliche Formen denkbar.
8. Technische Grundausstattung: Eine funktionale technische Grundausstattung ist für einen „Dritten Ort“ unverzichtbar. Dazu gehört auch die Bereitstellung von WLAN, auch wenn die technischen Rahmenbedingungen (Breitbandanschluss o.ä.) vielleicht erst noch hergestellt werden müssen. Dazu werden im Konzept zwingend Angaben erwartet. Weitere Beispiele für eine technische Grundausstattung sind Präsentations- und Vortragsgeräte.
9. Beteiligungsprozess: Ein attraktiver „Dritter Ort“ lebt davon, dass verschiedene Nutzergruppen sich hier aufhalten und sich austauschen. Die Einbindung sowohl der späteren verantwortlichen Träger als auch der Nutzer ist deshalb wichtig und soll Teil der Entwicklung bzw. Weiterentwicklung des „Dritten Ortes“ sein. Dabei sind explizit auch Beteiligungsformate wünschenswert, die Neues wagen, Experimente zulassen und auf dem aufbauen, was bereits im Zuge anderer gemeindlicher und/oder dörflicher Entwicklungsprozesse erarbeitet wurde.
10. Einbindung in die Stadt-/Dorf- bzw. Regionalentwicklung: Viele Gemeinden verfügen über eigene Stadt- oder Dorfentwicklungskonzepte, auch regionale Entwicklungsstrategien sind vielerorts vorhanden. Die Konzeption eines „Dritten Ortes“ soll sich an diesen Handlungskonzepten orientieren und die jeweils spezifisch ermittelten Handlungsbedarfe und Ziele aufnehmen.
Zwar soll es sich bei den Merkmalen lediglich um einen Orientierungsleitfaden handeln, der ein Verständnis für Dritte Orte im Sinne des Förderprogramms wiedergibt und zudem betont, dass nicht jedes Kriterium erfüllt sein muss, dennoch verdeutlicht diese Auflistung, speziell im Vergleich zu Oldenburg, die Versachlichung der Idee der Dritten Orte. Veranschaulicht wird dies unter anderem durch die verwendete Ausdrucksweise. Die Punkte sind in einer passiven Befehlsform geschrieben („…es soll ausdrücklich untersucht werden, …“) und lassen wenig Spielraum für Interpretationen. Vorgaben werden dahingehend gemacht, dass sich die Punkte mit den Dorf- und Stadtentwicklungskonzepten vereinbaren müssen, Finanzierungsvorschläge dargeboten werden, oder Nutzungen vorgeschrieben sind. Die Kriterien quantifizieren die Punkte zu einer Art „Abhakliste“, so dass eine Technokratisierung der einstigen Idee erfolgt. Im folgendem wird unter anderem mit dem 3.Ort Borken ein Praxisbeispiels genannt, welches einen Einblick in die Funktion des Förderprogramms und deren Anwendung zeigen soll.
Drei Beispiele aus der Praxis
Seattle Public Library
Während in Deutschland die Entwicklungen von Bibliotheken zu Orten der Gemeinschaft erst in den 2010er Jahren wirklich begonnen haben, erkannten insbesondere die angelsächsischen und skandinavischen Länder bereits in den frühen 2000er Jahren die Potenziale einer solchen Umstrukturierung.[8,11,27] Das wohl bekannteste Beispiel hierfür dürfte die Seattle Public Library in Seattle (SPL), USA sein.
Entworfen wurde sie von dem international tätigen Rotterdamer Architekturbüro OMA (Office of Metropoliten Architecture) mit seinem Gründer und Pritzker Preisträger Rem Koolhaas in Zusammenarbeit mit LMN Architects. Die Eröffnung erfolgte im Jahr 2004. Das zu der Zeit innovative Nutzerkonzept sieht eine Umverteilung der Gewichtung von alten (Print)Medien und neuen digitalen Medien vor und stellt diese auf eine Ebene.[18,19] Das Konzept basiert auf der dualen Wahrnehmung einer Bibliothek des 21. Jahrhunderts als physischer Präsensort und als virtueller Internetort.[18] Die bauliche Umsetzung des Konzepts sehen die Architekten mit einer Stapelung von fünf asymmetrisch angeordneten Plattformen, welche jeweils eine feste Funktion übernehmen. Eine für das Parken, eine für die Angestellten, eine für Begegnungsmöglichkeiten, eine für die Büchersammlung und eine für die Direktion. Dazwischen liegen freiere, offene Übergangsbereiche, welche, anders als die Plattformen, keine festen Aufgaben übernehmen, sondern Orte der ungehemmten sozialen Interaktion darstellen, einer als „Wohnzimmer“, einer als „Mixing Chamber“ und einer als Lesesaal; auf dem Dach befindet sich eine gemeinschaftlich nutzbare Dachterrasse. Das Gebäude bietet den verschiedenen Plattformen und Übergangsbereiche entsprechende Ausblicke in die städtische Landschaft.[18,19] Dadurch ergibt sich eine äußerst prägnante Formgebung, welche nicht nur neue Maßstäbe im Bibliothekswesen hervorbrachte, sondern auch architektonisch das Bild der Bibliothek neudefinierte. Die Medien- und Sozialangebote werden zudem ergänzt durch ein zentral gelegenes Theater mit Platz für bis zu 275 Besuchern.[18,19] Eine weitere Besonderheit stellt die materielle Lagerung der Büchersammlung dar. Ein flexibel anpassbares Regalsystem ermöglicht es auf Bedürfnisse zeitgemäßer Anforderungen resilient zu reagieren. Die spiralförmig aufgereihten Regale sind in einem fortlaufenden System über mehrere Etagen angeordnet, organisatorisch an der Dewey-Dezimalklassifikation orientiert, und erlauben ein ständiges Fließen der Besucherströme durch die Bücherregale.[20]
Im Hinblick auf das öffentliche Leben erfüllt die SPL alle Kriterien eines Dritten Ortes, wenn denn eine solche Begrifflichkeit Anwendung finden soll. In ihrer äußerst zentralen Lage gestattet sie volle Erreichbarkeit in der urbanen Struktur von Seattle und lädt für alle Personen in das „städtische Wohnzimmer“ ein. Hohe Diversität in der Sozialstruktur prägen das Bild der Besucherschaft. Teilweise soll es sogar Beschwerden geben über den starken Geruch von Obdachlosen, welchen hier eine Gelegenheit zum Aufenthalt und zur Körperpflege finden. Ein anschauliches, wenn auch unappetitliches Indiz für ein großes soziales Spektrum.[4] Das hohe Mix-Angebot der Bibliothek bietet viel zur freizeitlichen Gestaltung. Die Hauptebene begrüßt die Besucher mit einer offenen Ebene von hüfthohen Leihregalen, welche sich vor den Betretenden auffächern. Linksseitig bestellt man sich den Kaffee, während man staunend das Atrium hinaufblickt, schlendert darauf durch die Regale und sucht sich seinen Weg durch die weitläufigen Räume. Für jeden Belang werden unterschiedliche Bereiche bereitgestellt. Es gibt die „lauten Bereiche“ genauso, wie die zurückgezogenen Ruhezonen, in denen das konzentrierte Lesen, Arbeiten oder Lernen möglich ist. Die Vielfalt an Medien wird so zusammen erlebbar, als auch nur für sich selbst. Arbeitnehmer und Unternehmen können unter anderem die Seminarräume nutzen. Eine Verschmelzung vom Dritten mit dem Zweiten Ort findet hier statt.[21] Weitere Angebote bietet das Theater. Dort können Lesungen, künstlerische Darstellungen und kleinere Konzerte stattfinden und kann somit auch Menschen erreichen abseits des bewussten Bibliotheksbesucher. Der Internetauftritt bietet zudem die Möglichkeit viele Angebote ebenfalls virtuell zu erleben. Eine Plattform erlaubt es Bücher, Filme, Musik oder Lehrtutorials online zu nutzen und schafft so eine weitere Ebene der Inklusivität außerhalb des physischen Ortes.[17]
Nichtsdestotrotz handelt es sich bei der Seattle Public Library in erster Linie weiterhin um eine Bibliothek. Die Funktion ist eindeutig ablesbar in ihrer Architektur und Programmierung, sie wird lediglich neu arrangiert, die ernste Atmosphäre einer klassischen Bibliothek wird gelöst, kann sich aber ebenfalls zukünftigen Entwicklungen anpassen.
Oodi Zentralbibliothek Helsinki
Das skandinavische Pendant zu der Seattle Public Library findet sich in der finnischen Hauptstadt Helsinki. Dabei handelt es sich jedoch nicht um die Zentralbibliothek von Helsinki, sondern lediglich um eine zentralgelegene Stadtteilbibliothek in Zentrumsnähe. Der 2018 eröffnete Bau entsprang einem Wettbewerb Gewinn des finnischen Architekturbüro ALA Architects. Dem vorrausgegangen war ein Bürgerbeteiligungsverfahren über die Wünsche für das neue Gebäude und über die Namensgebung. Oodi ist dabei das finnische Wort für „Ode“.[23,25] Der expressiv geschwungene Riegel grenzt längsseitig im Westen an den Hauptplatz und bildet zusammen mit dem gegenüberliegenden Parlamentsgebäude den städtischen Raum. Der Haupteingang wird durch jenen Schwung zum Platz definiert und öffnet das Innen nach Außen und lots vom Außen ins Innere. Im Erdgeschoss wird der öffentliche Charakter fortgeführt und um Nutzungen ergänzt, die einer solchen Öffentlichkeit entsprechen. Neben den Serviceeinrichtungen der Bibliothek gibt es dort ein Café und Restaurant, Ausstellungsflächen, ein Auditorium und ein Kinosaal. In der zweiten Etage sind Räumlichkeiten für die Produktivität vorgesehen in privateren Zonen mit Bereichen für gemeinschaftliches Arbeiten, Foto- und Tonstudios oder „Maker Space‘s“ und „Living Labs“. Diese Nutzungen erfordern entsprechend geschlossene Strukturen auch zur Vorbeugung von Lärmemissionen. Die oberste, dritte Etage umfasst die Einrichtungen der Bibliothek. In einem großen, weitläufigen Raum reihen sich die Bücherregale, gerahmt von verschiedenartig gestalteten Lese- und Sitzmöglichkeiten, unter einer weiß, sanften wellenförmigen Deckenlandschaft.[24,25] Die Programmierung weist eine Sandwich-artige Stapelung auf mit einer Konzentration im Inneren und einer Öffnung im Erdgeschoss und zum Himmel.
Das tägliche Leben findet hier wie selbstverständlich statt. Neben strickenden Frauen hüpfen Kleinkinder durch die Gänge, unterhalten sich zwei Leseinteressierte über das neue Buch ihres Lieblingsautoren, holen Studenten ihren Kaffee, um zum Lernen in die zweite Etage zu gelangen. Nicht nur die sehr mannigfaltigen Angebote der Einrichtung fordern den bürgerlichen Zugang, auch die zentrale Lage, der Hauptbahnhof befindet sich nur einen Steinwurf in südlicher Richtung, und vielmehr die einladende und gemütliche Materialisierung erschaffen ein wohlwollendes Umfeld, welches die Bewohner und Touristen der Hauptstadt immer wieder gerne aufsuchen.[23] Die Bibliothek fordert regelrecht zu einer informellen Interaktion auf und scheint wie ein Paradebeispiel eines Dritten Ortes, wie es sich Oldenburg nicht besser hätte vorstellen können. Im Eingangsbereich ist folgende Inschrift zu lesen:
„Jeder hat das Recht, in der Bibliothek zu sein. Herumhängen ist erlaubt, ja sogar erwünscht. Rassismus und Diskriminierung haben in dieser Bibliothek keinen Platz. Oodi ist unser gemeinsames Wohnzimmer.“[22,23]
Ähnlich zu der Seattle Public Library erfüllen sich alle Kriterien nach Oldenburg in der Oodi, jedoch hegt sie einen Fokus auf mehr bibliotheksfremde Nutzungen. Die Schwerpunkte gewichten sich gleichmäßig auf die drei Kernbereiche Bibliothek, Arbeiten und öffentlicher Gemeinschaft. Dabei geht die Oodi, anders als die SPL, weit über die Funktion einer klassischen Bibliothek hinaus, um als Institution des alltäglichen Austausches zu fungieren. Aber auch das Gebäude trägt zu dieser Akzeptanz bei, da trotz der amorphen Formgebung eine einfache Struktur Übersichtlichkeit und Orientierung bewahrt.
Ein 3. Ort für Borken
Doch wie verhält sich die Situation in Deutschland? Dazu lohnt ein Blick in den Westen der Republik. Die Nordrhein-Westfälische Gemeinde Borken ist eine typische Mittelstadt im ländlichen Raum. Auch hier hat sich der Strukturwandel bemerkbar gemacht und das kulturelle Leben in der Stadt fällt allmählich ab. Mit Hilfe des Förderprogrammes „Dritte Orte – Häuser für Kultur und Begegnung im ländlichen Raum“ möchte Borken das Zentrum lebendiger und attraktiver gestalten und sieht in dem Programm eine Chance für zukünftige Entwicklungen. Anders als bei den beiden zuvor genannten Beispielen handelt es sich bei dem Projekt „3. Ort für Borken“ bisher lediglich um ein Konzept und nicht um eine bereits etablierte Institution. So gelingt eine weitere Ansicht einer Ausführungsweise über die Umsetzung des Prinzips des Dritten Ortes.
Die Gemeinde sieht vor ein „Wohnzimmer“ für Borken zu entwickeln. Dabei soll es sich aus einer Fusion aus Musikschule, der Remigius Bücherei, Kulturräumen, der Bürgerschaft und einem Café, sowohl konzeptionell als auch räumlich, etablieren. Ähnlich wie die anderen beiden Projekte soll ein Ort des alltäglichen Lebens entstehen.[26] Die Projektpartner der ersten Stunden, die Musikschule, Remigius Bücherei und das Kulturbüro, konzeptionierten in gemeinschaftlicher Erarbeitung die Idee des Testlabors „3Eck“, welches einen Dritten Ort im kleinen Rahmen erprobt. Über einen Zeitraum von drei Jahren (2020 bis 2023) können die verschiedenen Partner und Programme in einem kleinen, innerstädtisch gelegenen Lokal Erkenntnisse darüber sammeln mit welchen Nutzungen der zukünftige Dritte Ort ausgestattet werden kann und welche Räume dafür zur Verfügung stehen müssten. In dieser Zeitspanne soll ebenfalls ermittelt werden, wo schlussendlich der neue 3. Ort in Borken entstehen soll. Im Blickpunkt für jene Ortsfindung steht die Kulturachse von Borken; ein zentral in nord-süd-verlaufende Achse, welche die bereits bestehenden Institutionen miteinander verbindet. Sie kreuzt zudem den Marktplatz. Dort ist auch der neue 3. Ort vorgesehen. Ein Partizipationsverfahren soll genauer entscheiden, wo der finale Ort sein wird. (Stand Sommer 2021) 2024 ist die konkrete Ausarbeitung angestrebt.[26]
Der lange Planungsprozess mit dem Testlabor „3Eck“ ist eine hervorragende Methode die hypothetische Idee eines Dritten Ortes in die Wirklichkeit umzusetzen. Bietet dies nicht nur die Informationsauskunft für neugierige Bürger, so gelingt es über diesen Weg auch neue Partner zu gewinnen. Der Alltag kann erprobt und Mängel aufgedeckt und behoben werden.[26] So ergibt sich ein praxis- und benutzerorientiertes Potpourri aus Erkenntnissen welche Hoffnung macht, dass die Borkener bald gemeinsam und zufrieden in ihrem „Wohnzimmer“ leben dürfen.
Virtuelle Dritte Orte
Die zunehmende Digitalisierung fördert neue Wege der Kommunikation. Innerhalb weniger Augenblicke ist es uns möglich jeden Fleck dieser Erde zu besuchen. Dazu müssen wir uns lediglich vor ein Endgerät mit Internetzugang setzten, sei es der PC oder das Smartphone, und schon unterhalten wir uns mit unserer amerikanischen Tante, unserem Freund im Erasmus-Semester in Brasilien oder dem Geschäftspartner aus China. Diese ausgeprägte Vernetzung gehört zu unserem Alltag, wie das Auto oder der Fernsehapparat. Schöne neu Welt in der wir leben. Entsprechend verlagert sich auch die Idee des Dritten Ortes in das Virtuelle; nicht zuletzt durch die pandemischen Auswirkungen des Coronavirus erfuhr dieser Prozess eine Beschleunigung. Da Bibliotheken eine vermittelnde Rolle zwischen Gesellschaft und digitalen Angeboten einnehmen samt freien Internetzugang für alle, lohnt hier ebenfalls der Blick, wie das Prinzip der Dritten Orte in die digitale Welt übertragen werden kann. Einige sprechen dabei bereits von einem vierten Ort.[9]
In den Foren von MMOG (Massively Multiplayer Online Games), wie etwa „Star Wars Galaxie“ oder „World of Warcraft“, böten sich theoretisch alle Möglichkeiten eines Dritten Ortes, da sie jedem Nutzer, fernab jeglichen Status, offenstehen, eine spielerische Stimmung quasi Grundvoraussetzung ist, die Zugänglichkeit äußerst niederschwellig und zu jederzeit gegeben ist und der Austausch mit anderen Nutzern im Vordergrund steht. Sie sind das virtuelle Pendant zu der Kneipe auf der Ecke. So zumindest ist die Wunschvorstellung.[5] In der Praxis zeigt sich, dass die Voraussetzungen für den Besuch eines virtuellen Dritten Ortes lange nicht jedem gegeben sind. Nicht jeder hat den technischen Zugang, das technische Equipment oder das technische Know-How, selbst wenn eine Bibliothek dem Abhilfe leisten könnte. Zudem gibt es speziell in MMOG durch das Prinzip der Game-Level strikte Hierarchien mit Privilegien für höher gestellte Spieler und auch die Themenvielfalt in den Konversationen zeigt sich häufig nur bedingt divers.[5] Oldenburg spricht sich ebenfalls gegen die Akzeptanz der virtuellen Dritten Orte aus. Er sieht in einem Dritten Ort ein Face-to-Face-Phänomen und dieses könnten elektronische Kommunikationsmedien nicht adäquat übersetzten, weshalb die Idee der virtual Third Places irreführend sei.[7] Die Corona-Pandemie hat bewiesen, um erneut den Bogen zu Bibliotheken als Dritter Ort zu spannen, dass ein Verzicht von physischer Materie, so wie die direkte soziale Interaktion nicht mit den Vorgängen des Digitalen ersetzt werden können. Galt die Bibliothek einigen als eine altbackene Institution, verdeutlicht ausgerechnet die gezwungene Volldigitalisierung, bzw. die Abstinenz von einem real zugänglichen Ort, dass das Buch noch lange nicht ausgedient hat. Dies zeigt nicht zuletzt der „Run“ auf das Leihmedium kurz vor Inkrafttreten des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020.[12]
Kritik
Aber ist sie es denn nun? Ist die Bibliothek ein Dritter Ort? Die Frage kann eindeutig mit einem „Ansichtssache“ beantwortet werden. Dass die Begrifflichkeit nur in zweierlei gemessen werden kann und entsprechend auch nur unter Anpassung Zustimmung findet wurde bereits im Laufe dieser Ausarbeitung erläutert.
Aber warum muss denn eine Bibliothek unbedingt ein Dritter Ort sein? „The Great Good Place“ ist in erster Linie als Kritik an der Stadtplanung der amerikanischen Vorstädte und der dazugehörigen Auto-Philie zu verstehen; die strikte Trennung in drei Orte ist heutzutage sicherlich nicht mehr so gegeben, wie noch vor 30 Jahren. Natürlich werden auch Bibliotheken zu freizeitlichen Zwecken aufgesucht, dennoch ist nicht abzustreiten, dass die lockere und ausgelassene Atmosphäre, welche Oldenburg beschreibt, dort nur schwierig in vergleichbarer Art anzutreffen ist. Denn befasst man sich mit der Theorie von Oldenburg lässt sich doch recht eindeutig zwischen den Zeilen herauslesen, dass vor allem Kneipen oder ähnliche Etablissements mit einem Dritten Ort gemeint sind. Orte, die wirklich nur der sozialen Interaktion und dem Vergnügen dienen sollen. Bibliotheken erfüllen immer auch einen Bildungsauftrag, formell als auch informell. Zudem darf nicht unterschlagen werden, dass die Theorie Oldenburgs keine empirische Studie ist, sondern aus Behauptungen besteht, Vergleiche und Erfahrungen aus dem Alltag und anderen Studien zusammenfasst. Der Annahme einiger, die Theorie sei zu vage und gäbe keine konkreten Kriterien wieder kann ich jedoch nicht zustimmen.[14] Oldenburg vermittelt ein doch recht eindeutiges Bild eines Dritten Ortes, ohne dabei zu kategorisch zu werden.
Letztendlich handelt es sich um einen Trend, dass die Bibliothek ein Dritter Ort sei. Und wie jeder Trend wird auch dieser wieder irgendwann verschwinden.[27] Zumindest in Verbindung mit der Begrifflichkeit „Dritter Ort“. Schließlich waren es das Bibliothekswesen selbst, welches sich der Dritten Orte annahm. Was dennoch bleiben wird ist das charakteristische eines Dritten Ortes, um den strukturellen Wandelungen stattzuhalten. Denn eines ist klar erkennbar: wenn Bibliotheken ihre Konzepte nicht an die gesellschaftlichen Strömungen anpassen, werden sie es schwer haben zu überleben. Denn teilweise widersprechen sich die Nutzung einer Bibliothek mit dem Prinzip des Dritten Ortes, sofern keine interne Separation erfolgt. Aber die genannten Beispiele zeigen, wie eine erfolgreiche Umsetzung erfolgen kann und das nicht nur bei der Seattle Public Library oder der Oodi in Helsinki, sondern auch bei regionalen Projekten, wie der Stadtteilbibliothek in Köln-Kalk oder Stadtbibliothek in Unna;[8,15] vorausgesetzt es ändert sich etwas an den starren Öffnungszeiten. Die Abendstunden und Wochenenden bedürfen einer besseren Bespielung. Zusätzlich zeigt die momentane Corona bedingte Pandemie wie wichtig das öffentliche Leben ist, dass wir Dritte Orte brauchen. Und dazu tragen Bibliotheken genauso bei, wie die Kneipe auf der Ecke oder die innerstädtische Hochschule.
Aber dennoch wirkt es ein wenig als würde Deutschland einmal mehr dem Trend hinterherlaufen.[27] Man erkennt die Notwendigkeiten von Dritten Orten im Alltag und dass die Bibliothek ein Facelifting benötigt, und doch ist es wie so oft, wenn sich die Politik eines Trends annimmt: das Resultat ist ein bürokratisches Blatt Papier. Das Prinzip wird in dem Förderprogramm des Kulturministeriums NRW zwar adaptiert, aber die Punkte bestehen aus Abhängigkeiten zu anderen politischen Programmen oder Verfahren, werden weiter spezifiziert oder sind zu stur in seinen Auflagen. Auch wenn der Prozess in Borken noch gut funktionieren sollte, wirkt die Definition doch recht gezwungen und zu gewollt. So wird aus der Idee des zwanglosen Zusammenkommens eine verpflichtende Notwendigkeit für eine funktionierende Gesellschaft. So verfehlt zumindest diese Aneignung des Prinzips der Dritten Orte die Bestrebung Oldenburgs für ein kommunikatives Miteinander.
Köln, 2021
1) Oldenburg, Ray: The Great Good Place – Cafés, Coffee Shops, Bookstores, Bars, Hair Salons, and other Hangouts at the Heart of a Communnity (3. Unveränderte Auflage); Marlowe & Company, New York 1999 (Original 1989)
2) Lushington, Nolan / Rudorf, Wolfgang / Wong, Liliane: Entwurfsatlas Bibliotheken; Birkhäuser Verlag, Basel 2016
3) Löschburg, Winfried: Alte Bibliotheken in Europa; Pawlak Verlag Herrschlag, Leipzig 1974
4) Goldberg, Polina: Von Bibliotheken und Leselandschaften; Baunetzwoche #401; 2015
5) [o.A]; Dritter Ort; https://de.wikipedia.org/wiki/Dritter_Ort | 04.05.2021
6) [o.A]; Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik: Third Place – Dritter Ort; 2021; https://lexikon.stangl.eu/25839/third-place-dritter-ort, | 07.07.2021
7) [o.A]; Steelcase: Interview mit Ray Oldenburg; https://www.steelcase.com/eu-de/forschung/artikel/themen/design-q-a/interview-mit-ray-oldenburg/ | 21.05.2021
8) Hoffmanns, Christiane: Bibliotheken sollen zu „Dritten Orten“ werden; 2019; https://www.welt.de/regionales/nrw/article191839509/Bibliotheken-sollen-zu-Dritten-Orten-werden.html | 13.06.2021
9) [o.A]; Der Dritte Orte: Ein vielbeachtetes Konzept im Bibliothekswesen; 2020; https://bibliotheksportal.de/informationen/die-bibliothek-als-dritter-ort/dritter-ort/ | 04.05.2021
10) [o.A]; Bibliothek 4.0 – wozu wir Dritte Orte brauchen!; 2019; https://b-u-b.de/bibliothek-4-0-wozu-wir-dritte-orte-brauchen/ | 19.06.2021
11) Barth, Robert; Die Bibliothek als Dritter Ort; 2015; https://b-u-b.de/die-bibliothek-als-dritter-ort/ | 21.05.21
12) Brandstäter, Anja; Die Bücherei als „Dritter Ort“ – Silke Vogel will Lesern einen Treffpunkt bieten; 2020; https://www.sueddeutsche.de/muenchen/wolfratshausen/reden-wir-ueber-die-buecherei-als-dritter-ort-1.4941167 | 19.06.2021
13) Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen; Förderprogramm Dritte Orte; https://www.mkw.nrw/kultur/foerderungen/dritte-orte | 27.05.2021
14) Schuldt, Karsten; Ist die Bibliothek (wirklich) ein Dritter Ort? – Bericht aus einem Methodenseminar; HTW Chur: Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft
15) Sucker, Joachim; Der Dritte Ort – Versuch einer Beschreibung; 2018; https://wb-web.de/aktuelles/der-dritte-ort-versuch-einer-beschreibung.html | 15.07.2021
16) [o.A]; Carnegie Libraries in Iowa Project; https://www.carnegielibrariesiowa.org/
17) [o.A]; https://www.spl.org/
18) [o.A]; https://www.oma.com/projects/seattle-central-library
19) OMA mit LMA Architects; Seattle Public Library Proposel; 1999; https://cdm16118.contentdm.oclc.org/digital/collection/p15015coll6/id/8865
20) Zürn, Tina; Gebaute Signatur: Die Seattle Public Library von Rem Koolhaas; Berlin 2014; https://libreas.eu/ausgabe28/08zuern/ | 14.07.2021
21) Brand, Julie; IMAGINATIVE CONTENT AND BUILDING FORM IN THE SEATTLE CENTRAL PUBLIC LIBRARY; Santiago de Chile 2014; http://sss8.cl/8087.pdf | 14.07.2021
22) [o.A]; https://www.oodihelsinki.fi/en/
23) Chall, Inka; Die Oodi Bibliothek in Helsinki – Eine Ode an die Gemeinschaft; 2019; https://blickgewinkelt.de/oodi-bibliothek-helsinki/ | 15.07.2021
24) Obermoser, Edina; Dynamisch und Energieeffizient – die Zentralbibliothek Oodi in Helsinki; Detail; 2019; https://www.detail.de/artikel/dynamisch-und-energieeffizient-zentralbibliothek-oodi-in-helsinki-34625/ | 15.07.2021
25) Landes, Josepha; BAUWELT – Zentralbibliothek in Helsinki; 2019; https://www.bauwelt.de/rubriken/bauten/Zentralbibliothek-Oodi-Helsinki-ALA-Architects-3324901.html | 15.07.2021
26) [o.A]; https://3ortborken.de/
27) Schuldt, Karsten; Der 3. Ort ist tot. Was lernen wir daraus?; 2020; https://bildungundgutesleben.wordpress.com/2020/03/09/der-3-ort-ist-tot-was-lernen-wir-daraus/ | 06.05.2021
28) Hülsmeier, Dorothea; Bibliothken werden zu „zweiten Wohnzimmer“; 2015; https://www.welt.de/regionales/nrw/article150047930/Bibliotheken-werden-zum-zweiten-Wohnzimmer.html | 14.07.2021
29) [o.A]; Bibliothek; https://de.wikipedia.org/wiki/Bibliothek | 04.05.2021
113 Architectural and urban planning guidelines in high-rise construction: the urban planning context.
Architektonische und städtebauliche Leitlinien im Hochhausbau: die städtebauliche Setzung.
Einführung
[...] Dass Hochhäuser, bzw. Hochpunkte die Stadtsilhouette durchaus markant prägen (können) ist eine unbestreitbare Tatsache. Dabei ist jedoch zu differenzieren, denn wenn hier die Rede von Hochhäusern /-punkten ist, sollte dies stets im Kontext zur Umgebung gesehen werden und nicht als ein festgelegter Nennwert basierend auf beispielsweise dem Brandschutz. So wirkt ein Kirchturm einer Dorfkirche mit gerne mal 30 Metern viel stärker in einem ländlichen Raum mit eher zwei geschossigen Bauten, als in einer Großstadt mit 5-7 geschossigen Mietskasernen; das Kölner „Triangel“ würde mit seinen knapp über 100m in der Skyline von Frankfurt a.M. fast schon untergehen. Der räumliche Kontext, auf welchen sich ein Hochhaus auswirkt, hat immer eine besondere Rolle in diesen Überlegungen und diesem gilt auch eine besondere Beachtung.
Zudem haben wir in Zentraleuropa ein bedeutendes historisches Erbe, welches seit über 2000 Jahren gewachsen ist. Die oftmals kleinteiligen Strukturen, dieser gewachsenen Städte stehen dadurch im Kontrast zu den eher großformatigen Bauten der modernen Hochhäuser. Die horizontale Grenze verschiebt sich nach oben und wird immer diffuser. Wird hier nicht eingegriffen kann dieses historische Erbe und somit auch die Identität eines Ortes nachhaltig geschädigt werden; Behandelt man diese Thematik hingegen mit der richtigen Sensibilität, kann dieses Erbe auch nachhaltig gestärkt werden. Man bewegt sich in einem engen Spannungsfeld der subjektiven, wie auch objektiven Wahrnehmung zwischen „richtig“ oder „falsch“.
Dabei gelten in Hinblick auf die stadträumliche Untersuchung vor allem zwei Schwerpunkte: zum einem ist dies die Fernwirkung; Also wie sich Hochhäuser auf das Stadtbild auswirken, wie sie als Orientierungspunkte dienen oder Abschlüsse von bedeutenden (Blick)Achsen sein können. Zum anderen ist dies die Nahwirkung. Wie ist das Gebäude im städtischen Raum eingebunden (Ensemble oder Solitär)? Was für Raumkanten bildet es aus? Wie ist die soziale Einbindung? Hat das Hochhaus überhaupt eine Berechtigung an jenen Ort zu sein und ist eine angemessene Erreichbarkeit gegeben? Inwieweit können überhaupt in diesen beiden Spektren Vorgaben gemacht werden, welche zu einem besseren Umgang mit dem Thema führen? Diese Überlegungen sollen im folgenden zusammengefasst und hinsichtlich ihrer städtebaulichen Wirkungen analysiert werden.
Jedoch eines zunächst Vorweg: Die folgenden Aussagen beziehen sich allesamt ausschließlich auf die gestalterische Umsetzung im Städtischen Raum. Baurechtliche Vorgaben spielen in den Überlegungen zur Erstellung der Leitlinien keine Rolle. Die Leitlinien sollen lediglich planerische Ansätze vermitteln, die ein qualitätsvolles Entwerfen von Hochhäusern ermöglichen können.
Blickbeziehungen (Abb. 01/02)
Der erste Blick von Außerhalb auf eine Stadt ist auch zugleich der erste Eindruck, den man von einem Ort bekommt. Dieser erste Eindruck kann prägend sein. Sieht man die Wahrzeichen eines Ortes oder die ästhetisch oft nicht ansprechenden Hochhaussiedlungen am Stadtrand, die Türme der Altstadt oder die gläsernen Fassaden der Finanztempel, oder gar ein in sich stimmiges Stadtbild, welches sensibel aufeinander reagiert? Dies ist zu bedenken bei der Planung von Hochhäusern, da sie diese Sichtachsen stark beeinflussen können.
Hier sticht vor allem das Hochhauskonzept der Stadt Köln aus dem Jahr 2003 hervor. In Köln gibt es mit dem Dom wohl eines der markantesten Wahrzeichen Deutschlands. Zusammen mit den vielen Türmen der Romanischen Kirchen bildet es eine einmalige Kulisse, ein „Gesamtkunstwerk“ welches es zu erhalten gilt. [Vgl. Hochhauskonzept Köln, S. 4f] Es wurden die prominentesten Ersten Eindrücke auf den Dom aufgelistet. Darunter fallen die Hauptverkehrswege nach Köln hinein, wie beispielsweise die Bundesautobahn A4 an der Raststätte Frechen, die A57 aus Richtung Neuss kommend, der Blick vom Flughafen Köln/Bonn oder von der Bahnstrecke aus Bonn kommend auf Höhe von Köln-Meschenich. Diese Orte des ersten Eindrucks wurden zur Bestandsaufnahme fotografiert, um dann mit Aufnahmen aus späteren Jahren einen Abgleich zu machen. Von diesen Orten wurde dann ein gewisser Blickwinkel formuliert (hier 150m um den Dom herum), der eine Blickschneise ergibt. Diese Blickschneise darf nicht mit Hochhäusern verbaut werden, um die Sicht auf den Dom weiterhin frei zu halten. Hinzukommend wurde zudem auch die Sehtüchtigkeit des Auges mit einbezogen, so dass der Wirkungskreis des Domes auf einen Radius von ca. acht Kilometern eingeschränkt wurde. Alles, was darüber hinaus geht kann das menschliche Auge nicht mehr dreidimensional fassen und lediglich in seiner Silhouette wahrnehmen. [Vgl. Hochhauskonzept Köln, S.5ff]
Zugespitzt hatte sich diese Diskussion jedoch als 2004 ein Hochhausensemble am Deutzer Bahnhof geplant wurde. Dieses sah vier bis zu 120 Meter hohe Gebäude in direkter rechtsrheinischer Lage gegenüber des Domes vor, was die UNESCO hervor rufte. Diese sahen die Präsenz des Domes in Gefahr und drohten mit einer Aberkennung des UNESCO-Weltkulturerbe-Status sollte es zu einer Umsetzung der Pläne kommen. [Vgl. Bauwelt 19.2017 „Wie komponiert man eine Stadt?“, S.64] Lediglich ein Hochhaus der geplanten vier wurde umgesetzt und der Dom behielt seinen Status als Weltkulturerbe.
Aber so wichtig die Blickbeziehung von außen auf die Stadt ist, so wichtig ist auch die Blickbeziehung aus der Stadt heraus. Die visuelle Verbindung zur Landschaft schafft ebenso Identitätsmerkmale von Orten und Regionen, wie die Stadtsilhouette selbst. In München steht beispielsweise die Sichtverbindung aus der Innenstadt nach Süden Richtung Alpen in einem besonderen Fokus. In Hamburg dürfen Hochhäuser
nicht die Sicht innerhalb der Stadt auf die Kirchturmkulisse der Altstadt versperren, weswegen für die HafenCity eine ausführliche Sichtfeld-Analyse erstellt wurde mit Bedacht auf Sichtbarkeit der Kirchtürme. Allerdings nur aus den nördlichen Gebieten Hamburgs. Der Blick vom Hafen auf die Stadtkulisse wurde dabei (bewusst?) vernachlässigt. Zudem stellt sich in manchen Städten die generelle Frage der Verträglichkeit von Hochhäusern in Bezug zur umgebenen Landschaft. Die Kessellage Stuttgarts erschwert es angemessene Orte für Hochhäuser zu finden. [Vgl. Bauwelt 19.2017 „Wie komponiert man eine Stadt?“, S.58-67]
Speziell die Diskussion um den UNESCO Weltkulturerbe-Status des Domes zeigt gut, wie wichtig eine Sichtachsen-Analyse als ein erstes Instrument der Planung ist. Sie bilden die Grundlage aller weiteren Überlegungen und sind die Basis für weitere Erarbeitungen. In vielen Hochhauskonzepten sind solche Blickschneisen wichtige Bestandteile. Aber nicht nur hinsichtlich von Blickschneisen, sondern auch mit Bezug auf Luftschneisen für ein besseres Stadtklima sind solche Korridore freizuhalten.
Zonen ausweisen (Abb. 03)
Die Ausweisung von Zonen oder Stadtgebieten in denen Hochhäuser bzw. stadtbildprägende Hochpunkte angesiedelt werden dürfen ist das gängigste Mittel bei der Erstellung von Hochhauskonzepten. Durch diese Zuweisung wird versucht sicherzustellen, dass die Planung von Hochhäusern einer städtebaulich verträglichen Logik folgen und nicht wie Wildwuchs in die Höhe sprießen. Dabei zielen diese Zonen, vor allem in den historisch gewachsenen Städten, auf den Bestandsschutz der Altstadtsilhouetten oder den homogenen Stadtstrukturen ab. Allein die UNESCO gibt schon gewisse Schutzzonen vor. Generell wirken sich viele Faktoren auf diese Zonenausweisung aus, welche sich durch die Sichtfeld-Analyse, soziale Verträglichkeit, klimatische Frischluftschneisen oder Einflugschneisen ergeben. Aber auch gewisse monostrukturelle Nutzungsquartiere mit verträglichen Nutzungen für Hochhäuser (Bürostandorte) scheinen prädestiniert für eine vertikale Ausrichtung in der Architektur. [Vgl. Step 2025, Fachkonzept Wien, S.18f]
Bereits 1921 planten Hermann Sörgel und Otto Orlando Kurz einen Hochhausring um die Münchener Innenstadt. Eine erste konkrete Hochhausstudie zu möglichen Standorten wurde 1977 von Detlef Schreiber erstellt und 1995 von Ferdinand Stracke erweitert. Auf dessen Grundlagen basiert auch das aktuelle Hochhauskonzept der Stadt München. Es weist entsprechende Zonen aus, die im Bezug zur Umgebung Hochpunkte oder im Bezug zum gesamtstädtischen Kontext Hochhäuser erlauben. [Vgl. 03 Arch. Hochhausstudie München] Die Hochhausstudie Dresden arbeitet mit verschiedenen Ebenen, um ausfindig zu machen, an welchen Stellen Potentiale für Hochhäuser sein könnten. Diese unterscheiden sich in drei Oberkategorien (Eignungsgebiete, Ausschlussgebiete und Gebiete mit eingeschränkter Höhenentwicklung) und jeweiligen Unterkategorien. Dadurch ergeben sich zwar Gebiete, die Hochhäuser vertrügen, aber dennoch sieht man dort keine Notwendigkeit zur Planung, da Dresden genug Brachen zur Nachverdichtung hätte. Ein Hochpunkt sei nur aus Städtebaulichen Gestaltungswillen heraus zu entwickeln. [Vgl. Hochhausleitbild Dresden] Die meisten Hochhauskonzepte zielen jedoch auf den Bestandsschutz der (historischen) Stadtsilhouette. In Köln oder Düsseldorf werden wenige, durchaus zentrale, aber außerhalb der bedeutenden Sichtachsen, Positionierungen vorgeschlagen, um eine vertikale Verdichtung zu ermöglichen. [Vgl. Bauwelt 19.2017 „Wie komponiert man eine Stadt?“, S.58-67] In den Hochhausstädten Frankfurt am Main und London werden schon im städtebaulichen Gesamtkonzept Hochhaus-Cluster vorgesehen. Diese stehen in speziell ausgewiesenen Bereichen, auch „opportunity-areas“ genannt und liegen in zentraler Lage an den Rändern der Stadtkerne. [Vgl. Hochhausrahmenplan FFM, S. 7] Wie sich die topografische Lage auf die Suche nach geeigneten Gebieten, oder auch „Untersuchungsgebieten“, auf ein Höhenentwicklungskonzept auswirken kann zeigt sich in Stuttgart. Dort lässt die städtebauliche Rahmenplanung kaum Möglichkeiten für Hochpunkte zu, da dadurch vor allem die Frischluftkorridore freigehalten werden sollen. Diese „Tabu“-Zone wird hier als Schutzzone (Zone 1) betitelt und erlaubt ausschließlich in vereinzelten Fällen geringe Überhöhungen der Regel, wenn diese städtebaulich gut begründet sind. Auf Basis eines Hochhaus-Gutachtens, ebenfalls erstellt von Ferdinand Stracke im Jahre 1993, sind vereinzelte Ausnahmebereiche (Zone 2) für weitere Untersuchungen zu Höhenentwicklungen bis zu 80 Metern vorgesehen. [Vgl. Bauwelt 19.2017 „Wie komponiert man eine Stadt?“, S. 67]
Unter Festlegung der vielen verschiedenen Parameter, die sich aus den unterschiedlichen Bereichen und topografischen und kulturellen Eigenschaften, der jeweiligen Begebenheiten zusammensetzen, können gut begründete, empirische Analysen vorgenommen werden, welche zusammengeführt eine sinnvolle Herleitung zu Angaben von Untersuchungsräumen für die Planung und Bebauung von Hochhäusern, oder auch Hochhaus-Clustern ergeben. Dabei können diese ausgewiesenen Zonen Einfluss nehmen auf die Mikro- als auch auf die Makroebene, das Quartier oder die gesamte Stadt, eines Ortes. Auch eine hierarchische Unterteilung verschiedener Zonen innerhalb einer Stadt kann in Hinblick auf den Stadträumlichen Kontext zu einem sanfteren, in sich schlüssigerem Stadtbild beitragen.
Stadtbild (Abb. 04)
Was sind die stadtbildprägenden Elemente eines Ortes? In Köln sind es der Dom und die Altstadtkulisse. In Frankfurt a.M. ist es die in Europa einzigartige Skyline von Wolkenkratzern. Hamburg hat die Verbindung aus Hafenindustrie und Kirchtürmen. Und Dresden wird nicht umsonst „Elbflorenz“ genannt. Oft sind es trotz der langen Geschichte homogen wirkende Gesamtwerke, entstanden unter einem informellen gestalterischen Duktus. Sie sind die Identitäten, mit welchen sich ihre Bewohner identifizieren; sie sind die Gründe, weshalb Besucher um die halbe Welt reisen. Neubauten sollten sich dieser Identifikation unterordnen und gerade Hochhäuser besitzen eine besonders auffallende Fernwirkung in dieser Hinsicht. In den meisten Fällen können Hochbauten einem solchen Stadtbild eher schaden, als dass sie als gelungene Ergänzung aufgefasst werden. [Vgl. Cobe - Our Urban Living Room, Interview with Jan Gehl]
Die Diskussion, dass sich Hochhäuser dem gestalterischen Gesamtbild der Stadt in Höhe und Erscheinung unterordnen sollten beschäftig immer wieder auch Architekten. Christoph Mäckler, ein starker Verfechter des stadtverträglichen Bauens, nannte dies schon als sein erstes Gebot in Bezug auf erfolgreiches Planen bei Hochhäusern: „Hochhausbauten haben sich auch bezüglich ihrer Höhe einem städtischen Gesamtplan unterzuordnen, der die Grundlage für eine Störungsfreie Integration in den Stadtkörper garantiert. Mit der Nichteinhaltung dieses Gebotes überlässt man das Gemeinwesen Stadt der Willkür öffentlicher Diskussion und verunsichert eine investitionswillige Wirtschaft.“ [Vgl. Hochhaus – sieben Schritte zum Erfolg, Christoph Mäckler, DBZ 07/2011]
In Städten wie München herrscht flächenweit ein sehr homogenes Höhenprofil vor in denen Hochpunkte markant hervorstechen. Lediglich die Prägnanten bedeutender Bauten, wie die Frauenkirche oder der Rathausturm stechen dort raus. Diese Homogenität möchte man dort weites gehend beibehalten, weshalb auch das Hochhauskonzept nur bedingt Hochhäuser im gesamtstädtischen Kontext vorsieht. Die meisten Höhenentwicklungen zielen eher auf die stadtinterne Akzentuierung vor. Wenn irgendwo Hochhäuser geplant sind sollen diese als klare Betonung eines besonderen Ortes vorgesehen sein. Wobei hier die stadträumliche Einbindung klar im Vordergrund steht. [Vgl. 03 Arch. Hochhausstudie München, S. 3ff]
In Jena hat man bereits zum Start der Hochhausstudie eine Gegenüberstellung von Vor- und Nachteilen von Hochhäusern vorgenommen, welche Chancen und Risiken dadurch auch im Bezug auf das Stadtbild entstehen können. So kann man zwar Identität schaffen, aber genauso auch verbauen. Die Gestalt eines Hochhauses sei besonders wichtig. [Vgl. Studie – Hochhäuser in Jena, S9ff]
Diese Abwägung gilt es immer zu beachten, denn die Auswirkung von Hochhäusern auf das Stadtbild ist die wohl subjektivste Auslegung in der Aufstellung dieser Leitlinien. Dennoch ist allen voran die Einbindung in das Gesamtwerk Stadt zu verfolgen. Denn geht man hier sensibel mit den Thema Höhe und „sich selbst zurücknehmen“ um können auch neue Hochhäuser einen Teil zur identitätsstiftenden Silhouette eines Ortes beitragen. Positive Beispiele wären z.b. die Kranhäuser in Köln oder die Elbphilharmonie In Hamburg.
Orientierungspunkt (Abb. 05)
Und so sehr Hochhäuser nach außen wirken, so sehr werden sie auch innerhalb einer Stadt als „Landmarke“ wahrgenommen, als ein Anhaltspunkt, der zur Orientierung im innerstädtischen Gefüge dient. Beim durchlaufen eines Ortes sind es die Hochpunkte an denen sich Menschen, seien es nun Bewohner oder Touristen, orientieren, da es das ist, was über die Standardtraufhöhen hinausspringt. Und auch im Hinblick auf diesen Orientierungssinn, den Hochbauten bieten, ist mit Bedacht zu untersuchen, an welchen Stellen in diesen städtischen Gefügen solch eine „Landmarke“ sich auftuen kann,
um nicht gegebenenfalls sogar kontraproduktiv zu agieren. Dabei bieten sich besonders innerstädtische Sichtachsen übergeordneter Verkehrsverbindungen an, um an besonderen Knotenpunkten Ziele zu erschaffen, welche einem durch die Stadt führen können.
Viele Städtebauliche Entwürfe oder auch Hochhausstudien, -konzepte versuchen mit der Setzung von Hochpunkten zur Orientierung in städtischen Situationen beizutragen. Das Hochhauskonzept von Wien sieht diesen Punkt als wichtigen Bestandteil für die Entwicklung der verschiedenen Vertiefungsbereiche vor. Gerade an den Stadträndern sollen bauliche Betonungen entstehen, welche ein städtisches Netzwerk ergeben. [Vgl. Step 2025, Fachkonzept Wien]
Betonung und Akzentuierung (Abb. 06)
Und nicht nur zur Orientierung innerhalb der Stadt können Hochpunkte genutzt werden. Besonders geeignet sind Hochhäuser, um gewisse stadtplanerische Situation hervorzuheben. Eingangssituationen in ein Quartier oder gar in die Stadt hinein können dadurch akzentuiert werden, das Ende bzw. den Anfang einer größeren Straßenflucht, oder Allee. Urbane Plätze können dadurch räumlich besser gefasst werden und eine gewisse Ordnung/Fokussierung erhalten. Möchte man eine besondere Nutzung hervorheben oder hat das Gebäude eine höhere Bedeutung für Quartier oder Stadt? Sie sind ein raumwirksames Gestaltungsmittel.
Dabei können die Akzentuierungen unterschiedlich ausfallen. Sie können durchaus in verschiedenen Kategorien zusammengefasst werden. Einerseits die minimale Überhöhung der Traufe in der Umgebung (Kat. 1). Dann die Überhöhung der Traufe um bis zu 35%, um Akzente zu setzten (Kat. 2). Ein Quartierszeichen ergibt sich bei einer Überhöhung um bis zu 150% (Kat. 3), ein Stadtteilzeichen bei Höhen bis zu 80m (Kat.4) und ein gesamtstädtisches Zeichen ab 80m Höhe (Kat. 5). Sie alle haben eine unterschiedliche Wirkung auf ihr Umfeld. Die ersten drei beziehen sich noch proportional auf die Traufhöhen der Umgebung, die letzteren beiden auf den weiten Maßstab der Stadt. [Vgl. 03 Arch. Hochhausstudie München, S. 4]
Einen Sonderfall von städtebaulicher Betonung finden sich an Verkehrsknotenpunkten wieder. Speziell an Bahnhöfen oder Brückenköpfen. Sie sind prädestiniert für Hochpunkte, denn hier werden Verkehrsströme gebündelt, was sowohl städtebauliche, als auch wirtschaftliche Anliegen vereint. [Vgl. Der steinige Weg zum ersten Hochhaus der Schweiz – Robert Walker] (Abb. 07/08)
Mit Hochpunkten können also besondere stadträumliche Situationen betont werden. Darunter zählen vor allem Eintritts- oder Übergangssituation von unterschiedlichen Städtischen Räumen oder zur Orientierung behilfliche gebaute „Landmarke“. Innerstädtische Landschaften werden durch eine klare Kante mit verschiedenen Überhöhungen als ein gerade für die urbanen und dichten Siedlungsflächen angemessenes Thema gesehen. Auch übergeordneten Verkehrsachsen und Knotenpunkten kann man dadurch eine städtebauliche Gewichtung verleihen. Sie sind nun mal eben ein wichtiges raumwirksames Gestaltungsmittel für einen zukunftsfähigen Städtebau.
Städtebauliche Einbindung (Abb. 09/10)
Bei all den Untersuchungen auf die Höhenentwicklung und Anpassung in die Stadtsilhouette gilt es auch zu untersuchen, wie sich ein Hochhaus in den Stadtraum einbindet. Einer der größten Kritikpunkte von Hochhäusern ist deren oft nicht vorhandene Integration in den Stadtraum. Sowohl städtebaulich als auch programmatisch. [Vgl. Yes is More – Bjarke Ingels, S. 138f] In städtebaulicher Sicht stellt sich demnach oft die Frage, ob es sich um einen Solitär handelt, oder um ein in ein Gebäudeensemble integriertes Bauwerk. Je nach Bedarf ergeben sich unterschiedliche Ansätze, aber der Bezug zum Kontext spielt auch hier wieder eine erhobene Rolle.
Stadtverträglicher ist ohne Frage eine überlegte Einbindung in den Stadtraum. Denn Hochhäuser lassen sich auch sehr einfach in das Stadtgefüge integrieren. Es gibt viele Möglichkeiten für eine solche Integration in das Straßenbild. Werden die Fluchten des Straßenraumes weitergeführt und die Raumkanten der Umgebung beibehalten, kann auch auf einfache Weise auf den Blockrand ein Turm draufgesetzt werden. So hatte man damals angefangen die ersten höheren Häuser zu planen; unten formt der Blockrand den Straßenraum, oben wird der Turm zum stadtprägenden Element. [Vgl. Der steinige Weg zum ersten Hochhaus der Schweiz – Robert Walker] Auch heute hat man diesen architektonischen Zwitter wieder für sich entdeckt. Ein Beispiel dafür wäre der Tower 185 von Christoph Mäckler in Frankfurt am Main. Unten schließt der Gebäudekomplex den Blockrand fort und in der Mitte erhebt sich der Turm aus diesem heraus. Dieser steht den, gerade in Frankfurt, häufig als Solitär ausgebildeten Hochhäusern gegenüber. Deren Bezug zum Stadtraum ist oft nicht so einfach zu erkennen. In den historischen Städten Europas bricht diese Art des Hochhauses oft (bewusst?) mit den homogenen Strukturen und drängt sich durch seine Alleinstellung im Stadtgefüge in den Vordergrund. Beispiele hierfür findet man genügend in einigen Städten (besonders in Frankfurt) vor.
Eine andere Art des stadträumlichen Einfügens ist das Hochhaus in einem Ensemble von mehreren nicht ganz so hohen Hochhäusern oder in einer Hausgruppe als betonendes Element. Nennen hier könnte man das Hochhausensemble Hagenholzstraße in Zürich von Max Dudler, oder das „FOUR“ in Frankfurt a.M. von UN-Studios.
Es herrscht in dieser stadträumlichen Einbindung kein durchgehender Konsens, aber dennoch eine gemeinsam angestrebte Richtung. Hochhäuser sollen demnach nicht mehr so häufig in Solitären auftreten, sondern vielmehr in Gruppen von gleichwertigen Gebäudeensembles. [Vgl. Hochhauskonzept Köln, S.20] Diese Ensembles sollen eine Gruppe von Bauten ausbilden, die im Zusammenhang eine besondere Qualität besitzen, in einer sinnhaften Komposition zusammenstehen. Sie können auch sukzessive ergänzt werden, müssen nur in der Fertigstellung als ein Komplettes Ganzes wirken. Hier wird speziell der Sockelbau als das wichtigste Element zur Verbindung in den Städtischen Raum gesehen. [Vgl. Hochhausleitbild Dresden, S 48ff]
Am wichtigsten ist in dieser Frage: „Wie kann sich ein Hochhaus am besten in die städtischen Strukturen integrieren?“ Und da ist das Ensemble in seiner Gesamtkomposition sicherlich die eleganteste Lösung und die, für eine Stadt, verträglichste. Dennoch kann auch der Solitär in gewissen Situationen seinen Beitrag dazu leisten, wenn dieser klug und sensibel im Stadtraum platziert wird.
Öffentliche Anbindung (Abb. 11)
Genauso wichtig wie die städtebauliche Integration ist auch die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Dieser sollte in wenigen Gehminuten einen Anschluss besitzen, denn die verkehrlichen Auswirkungen der Zusatzbelastung durch Hochhäuser sind beachtlich. Sie können sowohl zu einer Überlastung des Straßenverkehrs führen als auch zu einer besseren Auslastung schienengebundener Verkehrsinfrastrukturen beitragen. Darum sollte der Abstand eines Hochhauses zu einer S-Bahn Haltestelle oder zumindest zu zwei Straßenbahnlinien die 500 Meter Marke nicht überschreiten.
[Vgl. Hochhauskonzept Köln]
Statement
Die Notwendigkeiten von Hochhauskonzepten und dementsprechend auch von Leitlinien für die Planung von Hochhäusern scheint immer wichtiger zu sein, auch um die Städte zukunftsfähig zu halten. So können die oben genannten Bedingungen für die Städtebauliche Setzung von Hochhäusern ihren Beitrag leisten. Zusammengefasst sind diese:
1. FERNWIRKUNG: BLICKBEZIEHUNGEN und SICHTACHSEN
Den Blick auf die Stadt von außerhalb auf die historischen Stadtkerne und die Wahrzeichen gilt es zu bewahren. Ebenso wie der Blick aus der Stadt hinaus in die umgebene Landschaft. Dies muss mittels Sichtachsen-Analysen bewerkstelligt werden.
2. FERNWIRKUNG: ZONEN AUSWEISEN
Durch das Ausweisen von Zonen in denen Hochhäuser gebaut werden können, kann man die Entwicklung regulieren. Diese Zonen ergeben sich aus den anderen Leitlinien heraus und können unterschiedliche Vorgaben machen, so z.b. auch Sperrzonen für Hochhäuser.
3. FERNWIRKUNG: STADTBILD
Die historisch gewachsene Stadtsilhouette ist identitätsstiftend für einen Ort. Dieses gilt es sensibel weiterzuentwickeln. Auch im Bezug zur Höhe muss sich ein Neubau dem Gesamtstadtbild unterordnen.
4. FERNWIRKUNG: ORIENTIERUNGSPUNKT
Hochpunkte sind Landmarke und können als Knotenpunkte im städtischen Gefüge verstanden werden. Sie dienen ebenfalls zur Orientierung im städtischen Raum, sowohl für Bewohner als auch für Besucher.
5. NAHWIRKUNG: AKZENTUIERUNG
Betonung von besonderen städtischen Situationen; Eingänge, Übergänge, Stadtkanten. Auch an Verkehrsknotenpunkten eignen sich Akzentuierungen von Hochhäusern.
6. NAHWIRKUNG: STÄDTEBAULICHE EINBINDUNG
Hochhäuser sollten sich in den Kontext stadtraumverträglich integrieren, durch beispielsweise eine Einbindung in den Blockrand. Solitärbauten müssen städtebaulich besonders begründet sein.
7. NAHWIRKUNG: ÖFFENTLICHE ANBINDUNG
Innerhalb eines bestimmten Radius von wenigen Gehminuten (500m) ist sicherzustellen, dass es eine Anbindung an den öffentlichen Nah-/Regionalverkehr gibt.
Diese sieben Leitlinien ergaben sich aus der Zusammenstellung vieler verschiedener Hochhauskonzepte, weshalb sich diese auch als solche schon durchaus etabliert haben. Nur gab es bis jetzt noch keine wirkliche Zusammenfassung dieser in einer Arbeit. Auch muss man sagen, dass diese Empfehlungen für eine Städtebauliche Satzung nicht immer vollständig umzusetzen sind, aber dennoch einen Überblick verschaffen, auf was es zu achten gilt in Bezug auf das „Gesamtkunstwerk“ Stadt. Zudem bauen sie aufeinander auf und ergänzen sich gegenseitig, denn sind es oft Abhängigkeiten voneinander, welche diese sieben Leitlinien der städtebaulichen Setzung ausmachen. Folgt man diesen Prinzipen können die Potentiale von Hochhäusern im Bezug auf den städtischen Raum nachhaltig ausgeschöpft werden und für ein besseres Verständnis von Hochbauten im europäischen Raum beitragen.
Köln, 2019
205 Vive l’architecture du quotidien! The Everyday Life of the French Architectural Scene
Vive l’architecture du quotidien! Der Alltag der französischen Architekturszene
Die heutige Architektur ist geprägt von einem international anerkannten Baustil beruhend auf den pluralistischen Einflüssen der vorangegangen Epochen und Strömungen. Insbesondere die Prinzipien der Moderne und die Rationalisten der Neuen Sachlichkeit, auch unter dem Einfluss der Ideen Jean-Nicolas-Louis Durands wirken noch bis heute nach. Dieses funktionalistische Denken, die technischen Entwicklungen des Fordismus und eine immer kleiner werdende Welt machten die Architektur zu einem technokratischen Konstrukt als Mittel zum Zweck in einer stark ausgeprägt puristischen Gestaltungssprache. Dieses dezidieren auf die funktionalen Belange der Architektur lassen moderne Gebäude häufig banal und stupide daherkommen. Durch globalen Handel und industriell gefertigte Massenwaren ist kaum noch ersichtlich an welchem Ort eine Gebäude zu stehen vermag. Bewegt man sich nun auch noch in ähnlichen Breitengraden, wie denen Mitteleuropas, so zeigen sich doch starke Ähnlichkeiten und Austauschbarkeiten in den Architekturen (nicht nur) neuerer Bauten. Die technischen Entwicklungen in den bauphysikalischen Belangen ermöglichen es ortsunabhängig, ohne eine wirkliche Berücksichtigung der klimatischen Bedingungen Häuser zu errichten und bereits in der Planung einen international ökonomischen Standard festzulegen. Auch die Bauvorschriften haben sich dem Duktus der ökonomischen Standardplanung stark angenähert und befördert. Gute Architektur ist zeitlos, egal, welcher Gestaltungssprache sie sich zuzuordnen sucht, doch das meiste an neugebauten Architekturen ist an Banalität und Profitmaximierung kaum zu überbieten und wirkt fast schon wahllos auf die Landkarte geworfen. Auch die allgemeine Internationalisierung im Bildungs- und Berufsleben unter den Architekten führt zu einen stets währenden Inhaltsaustausch. Man orientiert sich nicht mehr nur an Referenzen in regionaler Nähe, sondern sucht die Inspiration weltweit; der direkte Austausch transnationaler Kollegen oder Kommilitonen ermöglicht neue Denkweisen. Die Architektur weltweit gleicht sich mehr an. Und dennoch zeigen sich trotz dieser Gleichheiten in der Architektenschaft (auch hier wieder explizit auf den mitteleuropäischen Raum bezogen) erkennbare regionale und nationale Unterschiede in der Handschrift länderspezifischer Gestaltung abseits der lokalen Bauvorschriften.
Genau diesen länderspezifischen Unterschieden in der Architekturgestaltung soll in der folgenden Arbeit am Beispiel Frankreich auf den Grund gegangen werden. Dafür wird zunächst ein Blick auf die Ausbildung(sgeschichte) geworfen und ein Einblick in die Berufspraxis sowie die Eigeneinheiten der französischen Alltagsarchitektur mit einem Abgleich mit der deutschen Situation aufgezeigt. Abschließend wird ein resümierender Überblick anhand eines exemplarischen Beispiels dargeboten.
Auch wenn es fast schon trivial erscheinen mag sich explizit mit den Unterschieden zwischen verschiedenen Ländern zu beschäftigen, welche logischerweise eigene nationale Identitäten und Eigenheiten besitzen, so sind die Gemeinsamkeiten in den verschiedenen Aspekten einer intraeuropäischen, viralen Gesellschaft doch stark zusammengewachsen und weisen viele Parallelen auf. Die Herausbildung von ortsspezifischen Diversitäten in der Architektur ist in den modernen Tagen unserer Zeit so von größerer Faszination, worin auch weiterhin die gesellschaftlichen Eigenarten für eine kulturelle Vielfalt liegen.
Dem Verständnis wegen, soll hinzugefügt sein, dass es sich bei der Betrachtung der französischen Architekturszene um ein fast ausschließlich theoretisches Erarbeiten handelt, da mir der persönliche Erfahrungsbezug fehlt. Dennoch erweckt die medial an mich herangetragene Architektur aus Frankreich, speziell in seiner formalistisch-künstlerischen Aussage, ein reges Interesse und eine Faszination in mir, weshalb ich mich diesem in folgender Ausarbeitung widmen möchte. Lediglich vom Elsass konnte ich mir bereits ein Bild machen. Eine Region, welche geprägt ist durch die spannungsgeladene, wechselvolle Historie zwischen Frankreich und Deutschland und doch erkennbaren (architektonischen) Unterschieden zu seinem rechtsrheinisch gelegenen deutschen Pendant offenbart. Woher diese Unterschiede rühren, möchte ich nun folgend versuchen zu erläutern.
Ècole des beaux polytechnique
Die Einflüsse der Architekturlehre in Frankreich reichen bis in das 17. Jahrhundert mit der Gründung der Académie des Beaux-Arts zurück. Die Lehren wurden mit einem starken Fokus auf die formalistischen Ausdrücke und künstlerischen Darstellungen der Architektur nach außen geprägt.[7] In kleinen, elitären Meisterklassen wurden die Lehren der „Meister“ an ihre Schüler weitergetragen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde mit der Gründung der Ecole des Polytechnique eine, dem Zeitgeist geschuldete, Gegenbewegung im Lehrwesen des Bauens geschaffen. Ihre Ansätze und Ideen stellten die Konstruktion und den technischen Fortschritt in den Mittelpunkt; die Disziplin des Architekten wurde stark angeprangert und die wahre Schönheit in der Zurschaustellung der Technik gesehen.[6] Die daraus resultierende Trennung der Disziplinen in eine künstlerisch-architektonische und in eine technisch-konstruktive Methode sind die bis heute stilprägenden Bereiche, in welche sich die Lehren und die Praxis des Bauwesens aufteilen.[6] Bis in die Mitte des 20. Jh. wurde die Architekturlehre an Ausbildungsstätten, wie der Ecole des Beaux-Arts gelehrt und stagnierte auf den Lorbeeren der annähernd 200-jährigen Geschichte in einer akademischen Theorie ohne Praxisbezug.[6] Ende der 1960er-jahre kam es vermehrt zu Aufständen Studierender der Ecole des Beaux-Arts, welche eine größere Orientierung hin zur Praxis erkämpfen wollten, welches 1968 zur Abtrennung der Architektur von der Kunsthochschule führte.[6] Dem vorausgegangen war die neue Zuteilung der Architektur in die Zuständigkeit des Kulturministeriums 1959 unter Führung André Malraux‘.[6] Die Reform von 1968 legte nun die Einrichtung sogenannter Unité Pédagogique d’Architecture (UPA) fest, welche sich der Architekturausbildung annahmen.[6] Mit der Umverteilung wurden die Zulassungsbeschränkungen gelöst, so dass eine starke Zunahme an Studierenden die Folge war. Das Studium im Allgemeinen wurde selbstbestimmter und mehr von sozialen Fragestellung geprägt, architektonische Haltungen wurden politisiert, das Lehrklima wurde „lässiger“, unkonkreter. Die Architektur an sich verlor die Priorität und politische und soziale Belange waren an erster Front.[6] (Eine Entwicklung, welche sich auch heute in AT und DE beobachten lässt!) Ende der 1970er-Jahre erfolgte eine Rückbesinnung zu einer mehr projektorientierten Entwurfslehre. In den Folgejahrzehnten wird die Einsicht gestärkt, dass ein projektbezogenes Entwerfen die verschiedenen Disziplinen aus Theorie und praktischer Anwendung vereine und ein zielorientiertes Wissen produzieren kann.6 Dennoch sind es vermehrt Einzelpersonen, welche die architektonischen Haltungen der Studierenden prägen und bewusste Bevorzugung mancher ausgewählter Studierenden eine engere Lehrenden-Beziehung fördern; eine indirekte Nachfolge der Meisterklassen, wenn man so will.[6]
Heute bilden die Écoles Nationales Supérieures d‘Architecture (ENSA) die wichtigsten Bildungseinrichtungen der Architekturausbildung in Frankreich. Sie bieten Bachelor- und Masterstudiengänge in den Gebieten der Architektur, des Städtebaus und der Landschaftsarchitektur an und werden vom Ministerium für Hochschulbildung und vom Ministerium für Kultur gemeinsam akkreditiert.[1] Jede ENSA kann indessen ihre eigenen Schwerpunkte und Lehrpläne unter wissenschaftlichen und pädagogischen Lehrmethoden bestimmen und an die Studierenden vermitteln.[2] Das Architekturstudium ist in Frankreich an das europäische Ausbildungssystem angepasst und besteht entsprechend aus den zwei Pflichtphasen des dreijährigen Bachelors mit einem Diplom-Abschluss (DEEA), welcher die Grundlagen der Architekturlehre vermittelt und dem weiterführenden zweijährigen Master als Staatsdiplom-Abschluss (DEA), welcher vertiefende Herangehensweisen zur Ausübung der Berufspraxis oder der Forschung lehrt.[1] Neben der Einführung in die Forschung, wird ein gesonderter Weg auch zur Vertiefung zur Vorbereitung auf die Forschung angeboten. Dieser Weg ermöglicht die Ausstellung der AED mit dem Vermerk „Forschung“.[1] Dadurch kann mittels eines optionalen dritten Zyklus‘ in einer dreijährigen Promotion der PhD in Architektur erlangt werden.[1] Nach Abschluss des Staatsdiploms gibt es vielfältige Möglichkeiten der Weiterbildung und Spezialisierung auf gewisse Fachgebiete. Diese dauern in der Regel nochmals ein bis zwei Jahre.[1] Es gibt zudem einige Hochschulen, welche ein Doppelstudium aus Architektur und Ingenieurwesen anbieten, um für beide Berufsgruppen die Berechtigung der Arbeit zu erhalten. Dafür ist an diesen ausgewählten Hochschulen ein siebenjähriges Gesamtstudium notwendig.[1]
Die Begrifflichkeit des Architekten, bzw. die Ausübung als Architekt ist in Frankreich, wie auch in Österreich und Deutschland rechtlich geschützt und bedarf einer notwendigen Mitgliedschaft in einer der regionalen Architektenkammern, den Ordre des Architectes.[4] Die Kammern organisieren sich als private Organisationen, welche jedoch den Mitglieder gegenüber das Disziplinarrecht einzuhalten haben. Die Mitglieder sind verpflichtet an regelmäßigen Fortbildungsmaßnahmen teilzunehmen.[4] Eine Mitgliedschaft kann nach Erhalten des Staatsdiploms und einer weiteren einjährigen Berufsausbildung mit 150 Stunden Theorieausbildung und mindestens sechsmonatiger Berufspraxis bei den jeweiligen Kammern eingereicht werden.[1] Damit ist man befugt die Ermächtigung zur Ausübung der Aufsicht im eigenen Namen (HMONP) zu tragen.[1]
Neben dem klassischen Weg der Architekturlehre, kann der Titel des Architekten auch über eine berufliche Weiterbildung erlangt werden für Personen, welche in den Bereichen des Bauwesens tätig sind. Dafür kann sich das Studium des Bachelors und Masters auf jeweils vier Semester verkürzen.[1]
Grundsätzlich wird im Studium weniger die spätere Praxis gelehrt, sondern zunächst eine Haltung an die Hand gegeben, mit welcher sich die Studierenden beschäftigen sollen.6 Dabei sind die ideellen Modelle weniger Personen Grundlage für die umfassende Wertebildung im Umgang mit der Architektur. Viele sehen sich konfrontiert mit den Ansichten LeCorbusiers, Henri Cirianis oder später auch unter den Einfluss Jean Nouvels oder Lacaton & Vassals, wobei häufig nur deren Ideen Übertragung fanden und weniger die strukturellen Ansätze der Bauwerke.[6] Die, im Normalfall fünf Jahre dauernde Ausbildung der Architektur ist geprägt von der Geschichte der Ecole des Beaux Arts und der Ecole Polytechnique und der entsprechenden Trennung der Disziplin in eine künstlerische und in eine technische Spate.[6] Zwar gibt es vermehrt interdisziplinarische Studiengänge der simultanen Wissensvermittlung, doch steht in der Studienzeit das geistlich-gestalterische Erlernen vordergründig gegenüber der konstruktiven Lehre. Die Unterstellung der Architektur und damit auch der Architekturlehre an das Kultusministerium fördern dies zusätzlich, trotz der Abkehr der allgemeinen Lehren der Beaux-Arts-Schulen Mitte-Ende des 20. Jahrhunderts.[6] Die Lehre prägt folgend die Ansichten und Herangehensweisen der Berufspraxis, welcher sich im Folgenden gewidmet werden soll.
Rationalismus, Realismus oder Reaktionismus?
Zunächst zeigt sich die Architektursprache in Frankreich tendenziell flächendeckend in ausdrucksstarken Formen, ohne bewusst die Figur zu übertönen. Es ist auffallend, wie stark die Verwendung „moderner“ Materialien als sichtbares Element in der heutigen französischen Architektur Verwendung findet. Viele Gebäude zeigen nach außen ein Bild von Sichtbeton, Metallfassaden und Glas. Diese werden häufig mit eben jenen ausdrucksstarken Formen gepaart und geben der französischen Architektur ein expressionistischeres äußeres Wesen. Die Materialien wirken erstaunlich häufig harmonisch aufeinander abgestimmt und vermitteln ein, im positiven Sinne, monochrones Bauwerk unterschiedlicher Baustoffe. Die Bautechnik, bzw. die Konstruktion ist zumeist ein dienendes Element und weniger der bestimmende Aspekt der Ausgestaltung.[6] Ein Gebäude, welches in meinen Augen sinnbildlich für die Architektur Frankreichs steht, ist das Wohnhausprojekt „Quai Henri IV“ vom Pariser Architekturbüro LIN am Ufer der Seine im Zentrum von Paris. Es vereinigt die oben genannte formalistische Ausdrucksstärke mit der monochronen Materialpalette in seiner leicht geschwungenen Horizontalität zu einem schönen Beispiel der französisch-rationalen Expressionsarchitektur. Auch hier sei nochmals darauf hingewiesen, dass sich mein Bildnis über die französische Architektur aus den mir über (Architektur)medialen Quellen herangeführten Inhalten ergibt und ich entsprechend nur diese Inhalte als Referenz heranziehen kann, um ein Verständnis über die Lage des Bauwesens dort darzustellen. Diese, im Vergleich zu den DACH-Ländern expressivere Darstellung der Architektur ist dennoch eine recht einfache architektonische Darstellung, häufig strukturell und technisch weiter minimalisiert. Symbolisches Vorbild dient in vielerlei Hinsicht LeCorbusiers Maison Dom-Ino.[6] Das Runterbrechen auf eine minimalistische Architektur auf die lediglich notwendigen Elemente wird in der französischen Architekturszene inoffiziell mit einem neuen Rationalismus betitelt. Besonders die Arbeiten von Lacaton & Vassal stehen stellvertretend für diesen einfach Stil.[6]
Im Hinblick auf den großen Einfluss der Politik auf die Architektur („Artikel 1 des Architekturgesetzes vom 3. Januar 1977 erinnert daran, dass die Architektur Ausdruck der Kultur ist und dass ihre Eingriffe von öffentlichem Interesse sind. In Frankreich ist es gesetzlich vorgeschrieben, für alle architektonischen Projekte, für die eine Baugenehmigung beantragt wird, einen in die Tabelle des Ordens eingetragenen Architekten zu beauftragen.“)[3] stellt sich andererseits die Frage, wie autonom und selbstbestimmend die Architektenschaft indes noch ist. Die Abspaltung der Architektur von der Ecole des Beaux-Arts in die eigenständigen UPAs führte zu einer regelrechten Politisierung der Architektur(lehre) und einem ständigen geistig-sozial geladenen Diskurs in der Baubranche, welcher bis heute vermag anzudauern. Zeitgleich erlang die liberale Marktwirtschaft an zunehmender Bedeutung und die ökonomischen Konventionen in der Regulierung des Bauens haben sich zu den heutigen restriktiven Standards entwickelt. Ein Paradoxon in der Architektenschaft ist die Folge, welcher die meist links-denkenden Architekten dazu zwingt, rechte Handlungsmethoden im Alltag zu verwenden.[6] Ein Dilemma in ideologischer Hinsicht. Ökonomisch betrachtet ist man mittlerweile weit dazu übergegangen diesen Handlungsmethoden zu unterstehen, welche einen gravierenden Einfluss auf die Architektur in seiner Qualität mit sich bringen. Dieser neue Realismus zwingt die Architekten dazu die träumerischen Utopien der Studienzeit aufzugeben und sich dem Willen des Marktes anzupassen. Nicht nur zeigt sich die Diskrepanz zwischen ideellen und technischen Können in der Berufspraxis, sondern längst auch der zwischen dem dazukommenden wirtschaftlichen Denken.[6] Bedenkt man nun, dass die Verpflichtung eines Bauherren zur Hinzunahme eines in die Kammer eingetragenen Architekten wegfällt für Bauvorhaben von Gebäuden mit einer Grundfläche von weniger als 150 m², so sind Architekten quasi auf Bauträger, Großprojekte oder öffentliche Ausschreibungen angewiesen.[3] Dies ist ein enormer finanzieller Zwang zur Durchführung von Bauvorhaben nach anonymen Willen großer Bauträger und im Allgemeinen vermehrt zu einem Reaktionismus auf vorgeschriebene Zahlen und Vorstellungen, welche zu erfüllen sind. Der Architekt hat also die Optionen sich als freischaffender Planer mit den Schwierigkeiten des Alltags zu beschäftigen, oder geht, wie es in Deutschland oder Österreich ebenfalls möglich ist, in die administrative Arbeit oder projektentwicklerische Ebene der großen Bauträger.[3]
(K)ein Vergleich zu Deutschland?
Es ist ein Phänomen, welches sich wie ein Gespenst durch das Bauwesen der internationalen Bautraditionen zieht. Das technokratische Planen als eine Verbindung aus wirtschaftlichen Zwängen und rechtlich-administrativen Vorschriften wirkt wie das ungeliebte Stiefkind des global beeinflussenden Internationalen Stils der Moderne in seiner radikalen Funktionalität und Funktionstrennung. Geboren aus der Idee von Architekturschaffenden ist sie heute Ausdruck politischer Stagnation konservativer Ideologien. Ungeachtet der gestalterischen Ausführung zeigt sich ein über nationale Grenzen hinausführende Einigkeit darin, dass besonders von konservativ geführten Bürgermeistern und Kommunalregierungen eine „Weiter so“-Mentalität im Bausektor vorherrscht, welche doch äußerst starre Familien- und Lebensbilder vertreten und einem stetigen Wirtschaftswachstumsgedanken nacheifern und somit Innovationen im Bauwesen bewusst zu verhindern wissen.[6] Die Vielfalt an neuen Wohn- und Lebensformen wird mit den klassischen Wohnungstypen (Wohnraum, Schlafzimmer, Schlafzimmer, Bad) nicht mehr gedeckt und kann sich diesen Modellen nur bedingt anpassen. In der Planerschaft werden ständig neue Ideen und Konzepte entwickelt und Modellprojekte wie das Wohnensemble LOT 3H in Ivry-sur-Seine von STAR strategies + architecture zeigen, was möglich wäre.[6] Doch solange der Wille der Politik sich nicht der Entwicklung in der Gesellschaft anpassen möchte, wird es auch weiterhin ein stagnatives Dahintrotten im Bauwesen geben.
Heute zeigt sich die typisch französische Wohnung als ein auf die klassische Familie ausgerichtetes Produkt, bestehend aus einem zentralen Wohnraum, welcher Eingang, Küche, Wohnzimmer ist, einem innenliegenden großzügigen Bad, unbelüftet und unbelichtet und zwei weiteren, nebeneinanderliegenden Zimmern für Eltern und Kind.[6] Im Vergleich dazu ist der Standardgrundrisstyp in Deutschland eine Verschachtelung von Räumen innerhalb des von Baugrenzen festgelegten Volumens. Viele Auftraggeber und Bauherren sind der überzeugten Meinung, sowohl im freifinanzierten als auch im sozialen Wohnungsbau, jedes Zimmer müsse über einen Flur erschlossen werden. In Kombination mit standardisierten Badezimmern und fest einzuhaltenden Raumgrößen ergeben sich Wohnungssituationen mit mäandernden Fluren und nahezu festgeschriebenen Nutzungen für die jeweiligen Zimmer, welche zu einem regelrechten „Flurwahn“ ausufern an unnutzbaren Verkehrsflächen. Die Architektur ist ein rein quantitatives Produkt auf den Papieren von Anlegern und Wirtschaftsökonomen und auch im sozialen Sektor reine Mengenpolitik, um den gesteckten Anforderungen an Wohnraum auf dem Papier zu genügen.
Dieser Reaktionismus auf die fast schon lähmende Befolgung der verschiedenen Vorschriften und Quantifizierung ernüchtert das Architekturwesen so weit, dass das Äußere zum rettenden Versuch der Versöhnung degradiert wird. Die Gestaltung der Fassade verkommt im französischen zu einem letzten Halm, an dem man sich klammern kann, um die Misere des Inneren zu kaschieren6, während im deutschen Raum verzweifelt das Äußere den Inneren Zwängen zu folgen hat. Im französischen versucht man mit einer formalistischen und materialstarken (s.o.) Fassadengestaltung die standardisierten Grundrisse aufzuwerten.[6] Die deutsche Planungsphilosophie verkommt zu einem verzweifelten Versuch unter der Mindestanforderung an natürlicher Belichtung mit unterschiedlichen Fensterformaten und Anordnungen die Räume im Inneren zu erhellen. Die Außendarstellung lässt jeglichen Ansatz einer Architektur verstummen.
Beiden Ländern gleich ist die planerische Herangehensweise des stetigen Vertiefens der Detailierung im laufenden Prozess. Dieses zunächst logische Herangehen an ein Projekt offenbart seine Probleme in der Bewerkstelligung der verschiedenen Planungstiefen. Je detaillierter der Entwurf wird, umso eher wird er an spezialisierte Fachplaner abgegeben. Aber auch unter den Architekten teilen sich die Phasen des Prozesses auf und werden von jeweiligen „Spezialisten“ auf ihren Gebiet bearbeitet.[6] Dies hat zur Folge, dass sich Details, Techniken oder Gestaltungselemente beliebig in unterschiedlichen Projekten wiederholen und ein klarer Gedanke als Roter Faden fehlt. Eine gewisse Banalität kehrt ein und als Lösungsweg werden verhäuft die immer gleichen Methoden verwendet. So dient die Konstruktion meist nur der Vermittlung eines Bildes, welches am Anfang gesetzt wurde.[6] Wird die vertiefende Planung bis möglichst zuletzt von der gleichen Hand geführt, ergibt sich ein kohärentes Gesamtbild und meist innovativere Architektur als zukunftweisende Reaktion gesellschaftlicher Tendenzen. Die Durchreichung in vieler Hände lässt eben jene Qualitäten vermissen.[6]
Interessant ist der Vergleich der Fluchttreppen. Während in Deutschland Wendeltreppen ausschließlich als nicht notwendige Treppen deklariert sind und immer über einen weiteren Rettungsweg verfügen müssen, ist es in Frankreich erlaubt Wendeltreppen als Haupterschließungs-, und somit auch Fluchtwege zu ermöglichen, vorausgesetzt die Mindestbreiten werden eingehalten.[6] Auch die barrierefreie Erschließung privater Austritte, Balkone oder Loggien, hat keine Relevanz im Vergleich zu Deutschland.
Dies sind drei Nuancen in planerischer Hinsicht, aber zeigen sie doch einen anschaulichen Beitrag über die verschiedenen Umsetzungen der ökonomischen und Baurechtlichen Zwänge der technokratischen Baugesellschaft, speziell im wichtigen Feld des Wohnungsbaus. Die Finanzkrise von 2008/09 und (ironischerweise) nicht zuletzt die Covid-Pandemie wirken als wahrer Katalysator für die wirtschaftlich geprägte Wohnbaukultur und deren monofunktional ausgerichtete Wohntypen, sowohl in der Nutzungsvielfalt, als auch entgegen den mannigfaltigen Lebensmodellen.[6] Dennoch wird in Frankreich die Ausformulierung der Zwänge freier in der Gestaltung ermöglicht, als es in Deutschland der Fall ist. Beziehungsweise schafft es die französische Kreativität vermehrt das Dunkel des Vorgabenwaldes einer festgefahrenen Baugesellschaft zu durchdringen, als dies die Deutschen zu vermögen zu tun.
Un exemple quotidien: Studierendenwohnheim Chris Marker, Paris
Die französische Architekturszene ist durch einen seit über 200 Jahren anhaltenden Konflikt zwischen der „Beaux Art“ und der „Polytechnique“ geprägt. Bis heute wirkt sich diese Trennung von künstlerischem Gestalten und technischen konstruieren auf den Alltag in der Architektur aus. Dieser Konflikt, gepaart mit den ideologisch herantragenden Denkmodellen der „geistlichen Idole“, wie Henri Ciriani, Jean Prouvé und nicht zuletzt LeCorbusier, und der politisierenden Dauerdebatte scheint allgegenwärtig in der Diskussion um das aktuelle Bauen im Land und prägt die Herangehensweise bis heute.[6] Die politische Zuordnung in das Kultusministerium in Folge der 1968er Proteste löste die Architektur zwar aus den Fängen der Beaux Arts-Akademien, drängte diese jedoch in die Hände der Politik, Ökonomisierung und Technokraten, welche wiederum die Diskrepanz von Gestaltung und Technik verstärken und den Bauprozess als einen Prozess von aufeinanderfolgenden verschiedenen Disziplinen verstehen. Das interdisziplinäre Arbeiten wird zwar gepriesen, doch verteilt sich immer noch auf die unterschiedlichen Phasen im Laufe eines Projektes.[6] Der Architekt wird nicht mehr/weiterhin als Generalist verstanden, sondern als Spezialist für ein bestimmtes Thema in einer Abfolge von Einzelaspekten. Damit fügt sich die französische Architektur in den Standard anderer internationaler Länder wie Deutschland, Österreich oder den USA ein.
Abschließend soll in aller Kürze anhand des Beispiels des Studierendenwohnheims Chris Marker in Paris, von (Eric Lapierre) Experience, der Mechanismus der französischen Bauwirtschaft exemplarisch nachvollzogen und zugleich eine Baukultur-freundlichere Alternative aufzeigt werden.
Für das Projekt wurden 365 Wohneinheiten für Studierende über einem Busdepot des staatlichen Konzerns RATP, welches für die öffentlichen Verkehrsmittel in Paris und Umgebung zuständig ist, geschaffen.[5] Hervorgegangen ist der Entwurf aus einem Wettbewerb, welches der Architekt Èric Lapierre mit seinem Büro gewinnen konnte und 2017, nach zehnjähriger Planungs- und Bauzeit, fertiggestellt hatte.[6] Das 100-Meter lange Gebäude entlang der Rue de la Tombe Issoire präsentiert sich in einer gewissen Monumentalität in einem optisch sauberen Sichtbeton. Die einzelnen Apartments werden bei einer vollflächigen Verglasung durch die Schottenbauweise mit einer sich abwechselnden Schrägstellung angewinkelt. Massive Betongesimse reagieren auf diese Abwechslung und schaffen so eine gewisse verspielte Ornamentik an der elfstöckigen Fassade. Als besonderes Merkmal zeigt sich der diagonal verlaufende, gebäudetiefe Einschnitt in den Bau, welcher die Gemeinschaftsräume hervorhebend belichtet. Die Apartments sind beidseitig in Ost-West-Richtung entlang eines langen Mittelflures erschlossen. Zum Innenhof treppt sich die massive Kubatur entsprechend des Einschnittes ab und ermöglicht kaskadenartige Freitritte für die gemeinschaftliche Nutzung der Bewohner.[6]
Gestalterisch zeigt sich in dem Beispiel die expressionistisch-rationalistische Formensprache französischer zeitgenössischer Architektur, welches die konstruktive Struktur des Bauwerks dennoch nach außen zu transportieren weiß. Methodisch war der Bau zwar ein durchaus langwieriges Projekt, doch konnte durch das Engagement des projektführenden Bauherren der Bauträgerschaft, Rémi Feredji, die klare Vision der Architektur umgesetzt werden. Speziell durch den Willen und ein Gespür für Architektur, war es dem Auftraggeber möglich das Ganze, als das umzusetzen, was es heute geworden ist. Ein paar einfache, aber wirkungsvolle Umstrukturierungen auf Seiten der Auftraggeber führten zu dem „Erfolg“ des Gebäudes.[6] Wichtig war zum einen, dass die Bauherren das Gebäude auch selbst betreiben und an der Instandhaltung interessiert sind. Dadurch können kleinere Mehrkosten mittel- bis langfristig wieder eingefahren werden; die Bauherren haben ein klares Interesse an einer qualitätvollen Ausführung und nicht den billigen Bau und schnellen, teuren Weiterverkauf im Sinn.[6] Zum anderen wurde die Projektleitung umorganisiert, so dass sich der interne Projektleiter vollständig auf das Projekt konzentrieren konnte. Auch hier steht die bewusste Qualitätswahrnehmung vor einer schnellen Rendite.[6]
Allgemein braucht es ein größeres Verständnis für Architektur und gegenseitigen Respekt aus allen Lagern, um die bestmögliche Qualität für die Allgemeinheit hervorzubringen. „Gewinne werden privatisiert, Verluste der Allgemeinheit aufgebürdet.“[6] Gelingt ein anderes Verständnis von Renditegewinnen, ergibt sich ein enormer Wertewandel in der Baukultur. Ein technokratisches Denken in den Entscheidungsgremien führt, in Frankreich, Deutschland, Österreich oder sonst wo auf der Welt, zu der Architektur des Reaktionismus, wie wir ihn heute vermehrt vorfinden. Es geht anders, Beispiele gibt es genug, nur der Wille für Veränderung muss auch vorhanden sein.
Wien, 2023
1) URL: https://www.culture.gouv.fr/de/Thematisch/Architektur/Ausbildung-Forschung-und-Beruf/Ausbildung-zum-Architekten-und-Landschaftsarchitekten (15.08.2023)
2) URL: https://www.culture.gouv.fr/de/Thematisch/Architektur/Ausbildung-Forschung-und-Beruf/Ausbildung-zum-Architekten-und-Landschaftsarchitekten/Die-Studiengaenge-und-die-Diplome (15.08.2023)
3) URL: https://www.culture.gouv.fr/de/Thematisch/Architektur/Ausbildung-Forschung-und-Beruf/Berufe-in-Architektur-und-Landschaft (15.08.2023)
4) URL: https://www.architektur.uni-siegen.de/ipb/laenderdatenbank/frankreich/architekt.html?lang=d (15.08.2023)
5) Experience Paris: Portfolio Experience, URL: https://experienceparis.eu/new_website/wp-content/uploads/2022/03/portfolio-experience.pdf (15.08.2023)
6) Kuhnert, Nikolaus; Ngo, Ahn-Linh; Uhlig, Günther: Neuer Realismus in der französischen Architektur, aus: Arch+ - Zeitschrift für Architektur und Urbanismus, Ausg. 240, Berlin, 2020
7) URL: https://www.hisour.com/de/beaux-arts-architecture-28389/ (20.08.2023)
209 Open Oproep: A Flemish Opportunity for Building Culture in German-Speaking Countries?
Open Oproep: Flämische Chance für die Baukultur im deutsch(sprachig)en Raum?
Im Zuge der Lehrveranstaltung [...] erfolgte eine Einführung und durchaus kritische Hinterfragung in das Thema des aktuellen Wettbewerbswesen und seiner momentanen Umsetzung. Vor allem der kritischen Hinterfragung soll im Verlauf dieser Ausarbeitung Rechnung getragen und mit einem positiven „Gegenbeispiel“ eine bereits etablierte Alternative aufgezeigt werden. Während die Vorlesungen vor allem den österreichischen Alltag eines Wettbewerbsverfahrens sowohl aus juristischer, bürokratischer und Planer beteiligten Sicht erörterten, möchte ich mit dem „Open Oproep“ die flämische/belgische Variante eines möglichen Verfahrens aufzeigen.
Ich bin selbst erst im Zuge meiner Recherche auf diese Art des Wettbewerbs aufmerksam geworden und kannte das Prinzip in dieser Ausformulierung bisher noch nicht, fand es jedoch umso spannender den Vergleich mit dem mir bekannten Verfahrensarten zu unternehmen. Da ich bisher nur aus Deutschland die entsprechende Praxis vorweisen kann, sich jedoch das deutsche und das österreichische Wettbewerbswesen nicht grundlegend unterscheiden, liegt mein Fokus auf dem deutschen Raum. Meine Erfahrungen mit der Thematik beruhen auf mehreren Studierendenwettbewerben im Verlaufe des Studiums (Bachelor Architektur und Master Städtebau) sowie dem offenen Austausch in meiner fünfjährigen Büropraxis. Zudem steht ein allgemeines Interesse an der Entwicklung der Baukultur und wie Wettbewerbsauslobungen und -beiträge versuchen (oder auch nicht versuchen) Dieser gerecht zu werden.
Um jedoch den Vergleich des „Open Oproep“ mit der aktuellen Ist-Situation vornehmen zu können, bedarf es zunächst einer Bestandsanalyse mit den Problemen aktueller Methoden.
Das Problem am Wettbewerbswesen
Architekturwettbewerbe dienen der Qualitätssicherung, sie sind eine einmalige Chance für junge Architekturschaffende im Berufsleben Fuß zu fassen und ein probates Mittel, um das Beste aus einem Projekt zu generieren.[7] Gute Argumente für das Wettbewerbswesen. Doch allzu oft leider nur in der Theorie. Den Mehrwert, welche Architekturwettbewerbe erfüllen können, werden häufig durch unterschiedliche Umstände wahrlich in den Dreck gezogen.
Aus meiner persönlichen Wahrnehmung kann ich zwar behaupten, dass nicht selten der tatsächlich beste Wettbewerbsbeitrag prämiert wird, doch verliert dieser Wert an Gewichtung, wenn bereits in den Grundvoraussetzungen grobe Schnitzer gemacht werden. In den vorbereitenden Aufgaben werden bereits grundlegende Entscheidungen getroffen, welche den Ausgang eines Wettbewerbes beeinflussen. Zwei wesentliche Aspekte sollen hier genannt werden:
Der erste Aspekt betrifft die Vorgaben, der in der Auslobung vorgesehenen Ziele, welche für ein Projekt erreicht werden sollen. Häufig stehen kostenoptimierte Flächenvorgaben und Raumprogramme durch eine bereits vom Bauherrn durchgeführte Vorberechnung zugrunde. Gestaltungsvorstellungen werden in Volumen und Raumanordnung, sowie (gebäude)technischen Belangen stark vorgegeben und zu verwendende Materialien und Bautechniken bereits festgestzt. Dies führt oft zu einem „Musterbild“ gleicher Architekturen und fehlender perspektive innovativer (gestalterischer) Lösungsansätze. Erfüllen die Wettbewerbsbeiträge die in der Auslobung geforderten Kriterien, bleibt oft wenig Spielraum für Varianz in der planerischen Ausformulierung, so wie einer, dem Kontext angemessenen Verhältnismäßigkeit in der örtlichen Proportion; das Raumprogramm fordert eine, dem Topos unmaßstäbliche Nutzflächenabgewinnung, welche besonders in kleinteiligen Raumstrukturen zu sich nicht einfügen wollenden, das Ortsbild störenden Gebilden führt. Ironischerweise werden trotz der tendenziell starken ökonomischen Vorgaben konkrete wirtschaftliche Ziele, wie Kostenfaktoren und eine tatschlich nachhaltige Energieeffizienz, nicht zu genüge berücksichtigt, so dass verhäuft mit nachträglichen übermäßigen Kostensteigerungen zu rechnen ist.[2]
Der zweite Punkt besteht darin, dass die Art des Verfahrens bereits starke Einschränkungen im Teilnehmerfeld begünstigen. Die drei üblichen Verfahrensarten (offener Wettbewerb, nicht offener Wettbewerb, geladener Wettbewerb) bieten zunächst eine breites Spektrum an Möglichkeiten. Während der offene Wettbewerb frei zugänglich für jeden interessierten Bewerber zu sein vermag und für Auftragsvolumen über 221.000 Euro sogar EU-weit ausgeschrieben werden müssen, können in nicht offenen Wettbewerben Ressourcenvorgaben/Erfahrungen, bzw. Grundvoraussetzungen gestellt und bei geladenen Wettbewerben gar explizit Planerbüros eingeladen werden.[8] Durch die Wahl eines beschränkten, nicht offenen Wettbewerbsverfahren kann im vornherein eine gravierende Eingrenzung an Teilnehmern vorgenommen und bereits dort klare Tendenzen gesetzt werden.[10] Besonders für junge Büros ist so der Einstieg in das berufliche Schaffenswesen nicht so einfach, wie gerne proklamiert, da Wettbewerbszulassungen nur dann erfüllt werden können, wenn bestimmte Ressourcen erbracht werden können.[6] Diese beinhalten entweder Referenzobjekte, gewisse Mindestanzahl an Mitarbeitern oder eine gewisse finanzielle Grundsicherung. Da neugründete Büros diese häufig nicht erfüllen können, müssen sie sich an größere etablierte Büros „anheften“, um an einem Wettbewerb teilnehmen zu können. Eine Unabhängigkeit junger Büros ist so kaum möglich.[3] Diese Methode der Wettbewerbsverfahren wirkt beinahe, wie ein bewusstes Aussieben einer neuen Planergeneration zu Gunsten alteingesessener Unternehmen.
Ein weiteres Problem zeigt sich zudem in der Entscheidungsfindung der Teilnahmebeiträge. Im Endeffekt hängt es an der Kompetenz der beurteilenden Personen und den Bewertungskriterien quantifizierbarer Matrizen für geistige Kreativüberlegungen ab, ob ein Entwurf überzeugen kann, oder bereits in der Vorprüfung ausscheidet. Dabei gilt es mindestens zwei Hürden zu nehmen: die Vorprüfung und die tatsächliche Jurysitzung.[5] Werden Personen gewählt, welche keine ausreichende Kompetenz vorweisen, kann es bereits in der Vorprüfung geschehen, dass geeignete Entwürfe aussortiert werden aufgrund banaler formeller Fehler, oder der fehlenden Weitsicht des Prüfers in Bezug auf die Qualität eines Entwurfes, wenn nicht alle Kriterien der Auslobung erfüllt werden, jedoch anderweitig die Aufgabe gelöst werden kann.[2] Auch die Jury kann von bestimmten Faktoren beeinflusst sein. Grundsätzlich soll sich die Jury aus externen Fachrichtern zusammensetzen, um eine objektive Bewertung zu ermöglichen.[7] Doch können Präferenzen und subjektive Meinungen seitens der Jurymitglieder, sowie eine bewusste, oder unbewusste Manipulation der Auftraggeberschaft die Wahl beeinflussen und das Ergebnis in eine bestimmte Richtung drücken, welche nicht der besten Lösung für die Aufgabe entspricht, sondern der Vorliebe der Entscheidungsträger.[4] Auch hier gilt es die Kompetenz der Jury zu wahren.
Das wohl mit Abstand meistbemängelte Problem an Wettbewerbsverfahren ist jedoch die fehlende finanzielle Entschädigung für die reine Teilnahme.[3] Gelingt keine Platzierung in den Preisgruppen müssen die Wettbewerbseinreichenden im Normalfall mit einem wirtschaftlichen Minus für die Planungsphase rechnen. Man erledigt also einen enormen zeitlichen, geistlichen und monetären Einsatz, ohne dafür die entsprechende Entschädigung zu bekommen. Man vollbringt eine nicht unerhebliche Leistung, zeigt einen optionalen Mehrwert für eine Aufgabe auf, aber erhält maximal eine freundliche Absage des Erfolgs bei einer vollwertig erbrachten Arbeit.[10] Es gibt sicherlich keine andere Branche, in der solche aufwandfordernde Leistungen verrichtet werden, für welche es nicht einmal eine entsprechende ökonomische Vergütung gibt. Fair ist dies sicherlich nicht, zumal Architekten und Planende einen Dienst für die Öffentlichkeit erbringen, um die bestmögliche Lösung für eine Situation zu finden, durch die Möglichkeit der vergleichenden Abwägung und das Aufzeigen unterschiedlicher Alternativen.[3]
Dieser Dienst im Sinne der Allgemeinheit versteht sich auch als Teil der Baukultur, in sozialer wie ästhetischer Hinsicht. So versteht sich also die Baukultur als Spiegel der Gesellschaft, das Wettbewerbswesen wiederum als Indikator für die Emotionslosigkeit moderner Ökonomisierungsvorstellungen einer kurzweiligen Welt.
Man bringe uns Baukultur! - Der Open Oproep
Es gibt viele Ansätze, um mehr Varianz, Transparenz und vor allem Gerechtigkeit für das Wettbewerbswesen zu gewinnen. Wettbewerbe können demokratisiert und bereits vor Entscheidung der Jury der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden[1], die Teilnehmer können über ein Losverfahren aus einem Bewerberpool aktiver und inaktiver Büros ermittelt werden, bei einer Vergütung über sogenannte „Bildungspunkte“[5], oder eben über das Instrument des „Open Oproep“ geregelt werden.
Jahrzehntelang passierte in der belgischen Architekturszene der Nachkriegszeit nichts Nennenswertes und sie düsterte ein Dasein in einer architektonischen Belanglosigkeit daher. Der belgische Stadtplaner Renaat Braem bezeichnete es 1968 gar „als das hässlichste Land der Welt“.[11] Erst ein Aufstreben einer jungen Architektenschaft aus dem Jahr 1974 mit der „Generatie 74“ lenkte ein Umdenken in die Wege aus dessen Wurzeln knapp zwanzig Jahre später 1998 das Institut des „Vlaams Bouwmeester“ entstand, welches sich für das Verfahren des „Open Oproeps“ (zu Deutsch: offener Aufruf) verantwortlich zeigt.[13] Diese Methode dient als Triebwagen für das bis heute andauernde aufstrebende baukulturelle Aufblühen der flämischen Architekturszene. Der erste Bouwmeester war der belgische Architekt Bob van Reeth, welcher ebenfalls als Hochschullehrer tätig war. Der entscheidende Unterschied zwischen dem bei uns bekannten offenen Wettbewerb und dem von van Reeth entwickelten Instrument ist die Vorauswahl durch den Bouwmeester und der erst darauffolgenden beginnenden Arbeit am eigentlichen Wettbewerb.[13] Das klingt zunächst eigenwillig, kann jedoch mit einem soliden Konzept überzeugen.
Bei öffentlichen Bauaufgaben wird das Institut des Bouwmeester von den auftraggebenden Ämtern und Behörden frühzeitig hinzugezogen. Diese wiederum unterstützen die Behörden durch Fachplaner und beratende Funktionen, so dass bereits die Grundvoraussetzungen qualitativ im Sinne der Baukultur in Bezug auf die Ausarbeitung der Aufgabe und der genauen Ausformulierung der Ausschreibung angepasst werden können, ohne dass die Auftraggeber die führende Hand abgeben.[13] Planungsbüros können sich nun auf die offenen Ausschreibungen bewerben, in dem sie ein Motivationsschreiben, Beispiele ihrer Arbeiten (nicht zwingend gleichwertige Referenzobjekte!) und Ideenskizzen einreichen. Der Bouwmeester wiederum wählt daraus zehn Kandidaten, die dieser für geeignet hält und empfiehlt jene Kandidaten an die zuständigen Auftraggeber weiter. Im Optimalfall ergibt sich eine Mischung aus regionalen, nationalen und internationalen Büros, die Begründung der Wahl wird dabei sorgfältig vom Bouwmeester dokumentiert. Nun kann die Auftraggeberin letztlich entscheiden, welche drei bis sieben Planungsbüros zum eigentlichen Wettbewerb zugelassen werden sollen. Diese wiederum erhalten eine angemessene finanzielle Entschädigung für den zu leistenden Beitrag.[13] Der Wettbewerb beginnt mit einem Briefing für die teilnehmenden Büros und der Überreichung aller nötigen Auslobungsunterlagen, so wie einer später erfolgenden Rückfragerunde.[12] Die am Ende folgende Einreichung der Wettbewerbsbeiträge erfolgt unter Wahrung der Anonymität. Unter Leitung des Bouwmeesters wählt die Jury nun den passenden Entwurf zum Sieger. Es ist dabei nicht zwingend notwendig, einen bereits komplett erarbeiteten Entwurf einzureichen; ein gut ausgearbeitetes Konzept kann genügen und wirkt sich nicht auf das Ergebnis des Wettbewerbs aus. Dem Sieger gilt das Realisierungsversprechen und ein entsprechender Vertrag wird unterzeichnet.[12] Nach erfolgtem Wettbewerb ist die Aufgabe des Bouwmeesters jedoch nicht vorbei. Im folgenden Planungsprozess dient der Bouwmeester als kontrollierende Instanz. Ein vom Bouwmeester erwählter Experte, ebenfalls ein Teil der Jury, dient dabei als eine Art Tutor, welcher dem Planungsteam während des Planungsprozesses beratend zur Seite steht und darauf achtet, dass der rote Faden der Vision des Entwurfes, so wie die größtmögliche Qualität in der nun geschehenden Ausarbeitung für die Aufgabe erzielt werden.[12] Der Prozess ist vergleichbar mit dem Entwurfsprojekt in einer Universität und der Betreuung des Studierenden durch einen Lehrenden. Der Bouwmeester ruft zweimal im Jahr, im Januar und Juni, zu einem „Open Oproeps“ auf und veröffentlicht die neuen Bauaufgaben auf speziellen Plattformen.[12]
Damit das Prinzip des „Open Oproeps“ funktionieren kann ist zweifelsohne ein hohes Vertrauen in den leitenden Bouwmeester erforderlich. Dieser fungiert dabei stets als Kurator zwischen den Behörden und den planenden Büros und vermittelt in den verschiedenen Angelegenheiten. Als direkte Kontaktperson zu den lokalen Behörden hat er großen Einfluss auf die Entscheidungsträger, die Entscheidungshoheit liegt jedoch stets bei den Behörden. Dies baut ein Vertrauensverhältnis auf und schafft eine Entbürokratisierung des Wettbewerbsverfahrens an sich und lässt ein größeres Verständnis für die Baukultur im Allgemeinen anwachsen.[13] In Flandern wechselt der Bouwmeester in einem Turnus von fünf Jahren. Trotz der verschiedenen Amtsinhaber deutete sich bisher keine subjektive Architektursprache ab, sondern eine anhaltende qualitätvolle Vielfalt an öffentlichen Architekturen und eine immer größer werdende Beliebtheit bei Behörden, sowie Planenden.[13] Zudem neigen lokale Büros wieder dazu vermehrt in Belgien zu planen und suchen nicht mehr zwanghaft den Weg ins Ausland und fördern so eine sich selbst entwickelnde belgisch-flämische Baukultur.[13]
Die Anwendbarkeit auf den deutsch(sprachig)en Raum
In der Diskussion um das Wettbewerbswesen darf man nicht vergessen, welchem Zweck der Wettbewerb dient: der bestmöglichen Findung eines qualitativ hochwertigen Lösungsansatz für die ortsspezifische, jeweilige Aufgabe. Sprich, für die Baukultur unserer Gesellschaft. Man muss bedenken, dass die gebaute Aufgabe unsere Umwelt auf die nächsten 100 Jahre beeinflussen wird. Jeder Wettbewerb bringt so eine enorm hohe Verantwortung für die heutige und zukünftige Gesellschaft mit sich.[5] Besonders das kriegsgebeutelte Deutschland leidet unter seiner Stagnation und ideologisierten Aufladung des Bauwesens. Es würde unserer Planungs- und Baukultur sicherlich gut tun vom starren Denken der jüngeren Geschichte ein Stück weit wegzukommen und wieder offener zu sein für neue und innovative Lösungen und Potenziale im Bauwesen. Unser auf Sicherheitsdenken eingeschränktes Wettbewerbswesen verhindert dadurch aktiv eine Weiterentwicklung und innovatives Denken[11] und beschränkt jegliche Lösungsansätze auf die gefühlt immer gleichen Optionen für die unterschiedlichsten Aufgaben.
Der „Open Oproep“ kann ein probates Mittel sein, um dieser Stagnation etwas entgegenzusetzten. Speziell der Verdrossenheit im behördlichen Denken ist dieses direkte an die Handnehmen des Baumeisters (ab jetzt auf Deutsch) von besonderer Bereicherung. Die öffentliche Hand wirkt oft überfordert mit den Anforderungen an das öffentliche Bauen und reagiert mit angestaubten Kriterien auf aktuelle und zukünftige soziale Probleme. Ein freieres Denken in der Erarbeitung von Bauaufgaben kann im Generellen eine frische Prise durch die Behördenluft wehen und eben jenes bereits oben beschriebene Verständnis für eine angemessene Baukultur bewirken. Wichtig dabei ist sicherlich, dass die Kompetenz des Baumeisters von einer Person des Faches getragen wird und die jeweilige berufliche Expertise und den Willen der gemeinsamen Erarbeitung mit sich bringt und sich ihrer Position und Verantwortung bewusst ist.
Es soll im Folgenden nicht zu tief auf ein Struktursystem eingegangen werden, welches man für den deutschsprachigen Raum erarbeiten müsste, denn theoretisch kann das Prinzip des „Open Oproeps“ fast Eins zu Eins übernommen werden. Hat man die Hürde der juristischen Anpassung an das jeweilige Gebiet überwunden ist einzig und allein die Findung eines geeigneten Baumeisters notwendig und einem kompetenten ergänzenden Team. Nun muss man für Deutschland die Größenverhältnisse anpassen, da wir von gänzlich anderen Einwohnerzahlen und erforderlichen Maßnahmen sprechen. Eine Möglichkeit wäre das Zuteilen eines Baumeisters pro politischen Regierungsbezirk. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise gäbe es demnach ein Kölner-Baumeister-Institut, ein Arnsberger-Baumeister-Institut, ein Düsseldorfer-Baumeister-Institut und so weiter. Ergänzend zu den Baumeistern der Regierungsbezirke wäre es wahrscheinlich notwendig für Städte mit über 500.000 Einwohnern einen weitereren Baumeister zu beordern. Diese dürfen dabei nicht mit den Dezernenten der Bauämter verwechselt werden, sondern müssen als unabhängige, vermittelnde Institute zwischen Behörden und Planenden agieren können. Das gesamte System des „Open Oproeps“ basiert auf dem Vertrauensverhältnis zwischen den verschiedenen Institutionen und Beteiligten.[13] Wird dieses Vertrauen, von welcher Seite auch immer, gebrochen, bröckelt das ganze System und die baukulturelle Entwicklung kann ins Wanken geraten. Aber eben jenes Vertrauensverhältnis bildet das gegenseitige Fundament für das Funktionieren des Instrument des „Open Oproeps“.
Resümee: Open Oproep
Letztendlich zeigt sich doch, dass noch immer der Mensch, bzw. die subjektive Haltung einer Person, entscheidend ist für die Qualität eines Wettbewerbsverfahren und seiner Ergebnisse. Besonders das Prinzip des „Open Oproep“ bedarf einer äußerst kompetenten Einzelperson, eines kompetenten Teams, welche das Verfahren in seiner gesamten Dauer unterstützend begleitet. Dies mag eine recht ernüchternde Feststellung sein, trifft das Thema jedoch auf den Punkt: jedes noch so gute Konzept, jede noch so durchdachte Methode kann durch die falsche Anwendung nichtig gemacht werden. Und der „Open Oproep“ ist eine wirklich gute Methode das Wettbewerbswesen positiv zu beeinflussen und die Baukultur wieder in den Vordergrund zu rücken. Es birgt natürlich das Risiko einer Entwicklung in eine gänzlich andere Richtung, wenn die falsche Person am Hebel sitzt. Doch ein gewisser Druck von unten kann diesen Gedanken des baukulturellen Allgemeinwohls im Zaum halten. Im Endeffekt steht und fällt das ganze Prinzip mit der Kompetenz des „Bouwmeesters“. Das flämische Vorbild zeigt seit nun seit über zwanzig Jahren, dass es funktioniert. Also, warum soll es nicht auch hier funktionieren!?
Wien, 2023
1) Bernau, Nikolaus: Sind Architekturwettbewerbe überhaupt sinnvoll? (04.04.2020), in: Deutschlandfunk – Endlich mal erklärt, URL: https://www.deutschlandfunk.de/endlich-mal-erklaert-sind-architekturwettbewerbe-ueberhaupt-100.html (05.07.2023)
2) Pestalozzi, Manuel: Architekturwettbewerbe in der Kritik (25.04.2023), URL: https://www.german-architects.com/de/architecture-news/meldungen/architekturwettbewerbe-in-der-kritik (05.07.2023)
3) Haack, Lydia: Von Wert und Weh des Wettbewerbs – Welche Leistungen sind wir weiterhin bereit für die Gesellschaft unentgeltlich zu erbringen? (06.09.2022), in: dabonline, URL: https://www.dabonline.de/2022/09/06/architekturwettbewerbe-wert-und-weh-des-wettbewerbs-honorar/ (05.07.2023)
4) Wutzke, Michael: Architekturwettbewerbe führen nicht immer zum besten Ergebnis (13.11.2019), in: Skylineatlas, URL: https://www.skylineatlas.de/architekturwettbewerbe-fuehren-nicht-immer-zum-besten-ergebnis/ (05.07.2023)
5) Hörmann, Fabian: Architekturwettbewerbe sind Wissensgeneratoren (06.01.2020), in Espazium, URL: https://www.espazium.ch/de/aktuelles/architekturwettbewerbe-sind-wissensgeneratoren (05.07.2023)
6) Baumgarten, Elias; Meyer, Ulf: Jung und talentiert – doch ohne Chance? (23.04.2023), URL: https://www.austria-architects.com/de/architecture-news/fundstucke/jung-und-talentiert-doch-ohne-chance (05.07.2023)
7) Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen: Wettbewerbsstandard Architektur – WSA 2010 (2022), URL: https://wien.arching.at/fileadmin/user_upload/redakteure_wnb/D_Service/Vergabe/WSA_2010/220801_zt_Wettbewerbsstandard_Architektur_WSA_2022.pdf (05.07.2023)
8) Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen: Der Architekturwettbewerb – Ein Leitfaden zur Grundlegung, Wahl, Vorbereitung, Durchführung und Vermittlung des Verfahrens (2019), URL: https://wien.arching.at/fileadmin/user_upload/redakteure_wnb/D_Service/Vergabe/ZTW-Arch-Wettbewerb-2019_191108_web.pdf (05.07.2023)
9) Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen, URL: https://wien.arching.at/service/vergabewettbewerbe/verfahrensarten.html (05.07.2023)
10) Jacob, Donald: Aktuelle Wettbewerbsverfahren sind volkswirtschaftlicher Blödsinn – Leserbrief, (17.12.2019), URL: https://www.espazium.ch/de/aktuelles/aktuelle-wettbewerbsverfahren-sind-volkswirtschaftlicher-bloedsinn (08.07.2023)
11) Kuchtner, Wolfgang: BDA in Fahrt – Flandern (11.11.2022), in: BDA Bayern Exkursionen, URL: https://www.bda-bayern.de/2022/11/bda-in-fahrt-flandern/ (05.07.2023)
12) URL: https://www.vlaamsbouwmeester.be/en/instruments/open-call/more-info (05.07.2023)
13) Heilmeyer, Florian: Das Wunder von Flandern – 20 Jahre Open Oproep und die Neuerfindung des öffentlichen Bauens (07.05.2020), Baunetzwoche #557
115 Shaping Transformation: The Deutz Habour in Cologne
Transformation gestalten: der Deutzer Hafen in Köln
1_Einleitung
Köln, das Millionendorf am Rhein. So zumindest nennen wir Kölner unsere Stadt gerne; egal wie, über drei Ecken kennt man einen doch immer. Für eine Millionenstadt, die viertgrößte Stadt Deutschlands, herrscht eine recht familiäre Atmosphäre, eine Stimmung, die oftmals lockerer ist als in anderen vergleichbaren Städten. Dazu gesellt sich eine fast 2000-jährige Geschichte von den Römern, über die Hanse, Napoleon, Adenauer zu der diffusen Hochburg des Karnevals, wie wir Köln heute kennen. Alle haben sie ihre Spuren in unserer Stadt hinterlassen. Die Römische Stadtgrenze ist heute noch klar in der Stadtstruktur ablesbar, die Gebeine der Heiligen Drei Könige brachten uns nicht nur den Dom, sondern sorgten auch dafür, dass Köln im Hochmittelalter die größte Stadt im Deutschen Reich war, durch die Franzosen gelang eine bessere Orientierung in der Stadt dank der Einführung des Hausnummernsystems und Adenauer entwickelte Köln zu einer internationalen Metropole mit der Gewinnung eines Ford Werkes, der Grundsteinlegung der größten innerstädtischen Messe der Welt und einer unverwechselbaren Grünstruktur der zwei markanten Grünbögen um die linksrheinische Siedlungsstruktur.[30]
In etwa genauso alt wie Köln ist auch Deutz. Gegründet als rechtsrheinisches Kastell zur Sicherung der römischen „nassen Grenze“, wurde es 1880 schließlich nach Köln eingemeindet.[30] Die Schleifung der Festungsmauern ermöglichte es um die Jahrhundertwende die bereits existierende Kaianlage zu einem vollwertigen Industrie- und Handelshafen auszubauen, als Pendant zum gegenüberliegenden neuentstandenen Rheinauhafen.35 Knapp ein Jahrhundert erfüllte der Hafen seine Funktion als Waren- und Energieumschlagsplatz, doch der Strukturwandel und der steigende Druck nach innerstädtischen Wohnraum führten dazu, dass das Gelände des Deutzer Hafens seiner ehemaligen Nutzung überdrüssig wurde und eine Konversion erforderlich ist. Die bestehenden Betriebe sollen auf die größeren industriell geprägten Häfen im Süden und Norden des Stadtgebiets nach Godorf und Niehl ausweichen.[34] Der Masterplan Innenstadt sieht den Deutzer Hafen als einen der wichtigsten Ankerpunkte für die Entwicklung der „Schäl Sick“ vor und betitelt die Hafenareale in Mülheim und Deutz als die letzten innerstädtischen Reserven. In verschiedenen Szenarien solle untersucht werden, welche Möglichkeiten für die Areale am passendsten wäre.[33] Mit dem Deutzer Hafen hat man nun die Chance einen neuen Akzent entlang des Rheins und entscheidenden städtebauliche Impulse für die zukünftige Entwicklung in der Innenstadt zu setzen.[15]
Die integrierte Planung aus dem Jahr 2018, hervorgegangen aus einem kooperativen Werkstattverfahren 2016, weist dabei vier Leitstrategien auf, welche die Mischung aus sozialer und baulicher Diversität, Verzahnung aus Grünraum-Rhein und urbaner Industriekultur schafft: die DNA des Ortes soll erhalten bleiben durch Umnutzung alter Substanz; eine dynamische Stadtlandschaft aus Stadt- und Freiräumen für den Hochwasserschutz und die freizeitliche Gestaltung; ein buntes Viertel mit vielfältigen Nutzungen, Stadträumen und Menschen; eine nachhaltige Mobilität zur Vernetzung aller Verkehrsformen.[14] Der Entwurf beabsichtigt eine hochverdichtete städtebauliche Struktur mit qualitativen Außenräumen, gesäumt von einer lebendigen Nutzungs- und Kulturvielfalt, eingelassen in das urbane Gefüge in direkter Zentrumslage.
Ich muss zugeben, dass ich ein großer Fan dieser Planung und von dem Kopenhagener Büro COBE bin. Entsprechend entschied ich mich nicht dieses „Gutachten“ in einer neutralen und rigiden Objektivität zu schreiben, sondern mein subjektives diverses Befinden als Planer, aber auch als Bürger dieser Stadt gegenüber dem Entwurf zu äußern. Natürlich werde ich in den Teilen B – Die Herausforderung und C – Die Antwort(?) einem außenstehenden Blick auf das Projekt werfen und die Abgleiche mit den verschiedenen Bewertungskriterien eingehen, auch im Hinblick auf die schon häufigen aufgetretenen vergangenen Versäumnisse der Stadt Köln planerische Qualitäten in die Realität umzusetzen. Dennoch soll diese Arbeit vor allem die (zumindest theoretischen) Qualitäten einer enormen Chance für die rechte Rheinseite, aber auch für die gesamte Stadt aufzeigen: ein neues lebendiges Veedel in direkter Blickrichtung zum Dom mit einem hohen sozialen so wie baulichen Niveau.
2_TEIL A - DIE VISION...
2.1_im Kontext
Köln liegt im Herzen von Europa und auch äußerst zentral in der sogenannten Blauen Banane, einen Mitteleuropäischen Ballungsraum, welcher sich von England bis in den Norden Italiens erstreckt und von einer besonders hohen Bevölkerungsdichte geprägt ist und eine ebenso besondere wirtschaftliche und kulturelle Strahlkraft besitzt.[27] Das Stadtgebiet von rund 405 km² hat seine topografische Lage in der Kölner Bucht, eine trichterförmige Flusstallandschaft als Ausläufer der Eifel im Südwesten und dem Bergischen Land im Osten. Diese Buchtenlage bedingt zudem einen deutlich höheren Niederschlagswert im Jahresmittel als in den westlichen Nachbargebieten.[25] Nicht nur geografisch fügt sich Köln in das ökonomisch und kulturell bedeutende zentraleuropäische Agglomerationsgefüge ein. Die Stadt geht auf die Gründung der Römer im ersten Jahrhundert zurück ist somit eine der ältesten Gemeinden in Deutschland. Durch diese in 2000 Jahren gewachsene Geschichte entwickelte sich Köln auf verschiedenste Weisen zu einem wichtigen Kreuzungspunkt für Handel und Kultur. Zwei sich an dieser Stelle treffende alte Handelswege, aber auch die direkte Lage am Rhein ermöglichten so nicht nur die Erreichbarkeit über den Landweg, sondern auch über eine der wichtigsten Wasserstraßen Europas. Im 13. Jahrhundert wurde der Stadt zudem das Stapelrecht erteilt. Das Stapelrecht verpflichtete Durchreisende Kaufleute die geladenen Waren für drei Tage zum Verkauf anzubieten mit einem Vorkaufsrecht für die Einwohner und Händler; einer der Eckpfeiler für die Wirtschaftskraft Kölns im Mittelalter.[30] Heutzutage beruht die wirtschaftliche Stärke vor allem auf den international angesehenen Messen der ebenfalls in Deutz gelegenen Messehallen oder der starken Auto- und Chemieindustrie im Norden und Süden des Gemeindegebiets.[25] Kulturell ist neben dem alljährlichen Karnevalstreiben der Kölner Dom, das Wahrzeichen der Stadt, der bedeutendste Kölner Anziehungspunkt. Schon im Mittelalter war man dem großen Andrang an Pilgern zu den Gebeinen der Heiligen Drei Könige nicht mehr gewachsen, so dass der Bau einer neuen, prächtigen Kathedrale ganz neuen Ausmaßes in Auftrag gegeben wurde. Nach der Grundsteinlegung 1248 konnte das gotische Bauwerk schließlich nach einer über 600-jährigen Baupause im Jahr 1880 fertiggestellt werden und war zu seiner Zeit das höchste Gebäude der Welt. Aber nicht nur seine enorme Höhe beeindruckt bis heute Reisende und Schaulustige, auch gilt der Kölner Dom als das Idealbild einer gotischen Kathedrale sowohl in Symmetrie, Höhe als auch Formgebung.[31]
Das Kölner Stadtgebiet gliedert sich in neun Stadtbezirke auf. Dem Stadtbezirk 1, der Innenstadt, ist auch Deutz als einziger rechtsrheinischer Stadtteil zugehörig. Das Areal des Deutzer Hafen befindet sich dabei in prominenter Nachbarschaft und zugleich in einer befangenen Insellage. Das ein Kilometer lange Hafenbecken dreht sich im spitzen Winkel vom Rhein weg und neigt die Flucht in Richtung Dom. Die keilförmig entstehende Grünfläche der Poller Wiesen öffnet sich westlich zwischen Rhein und Hafenbecken. Im Süden begrenzt der Bahndamm in Verlängerung der Südbrücke das Gebiet, im Osten reiht sich entlang der Siegburger Straße ein Gewerbegebiet auf. Nördlich verläuft sich der Deutzer Hafen in den Rhein; die Drehbrücke, welche das Hafenbecken in ein Nord- und Südbecken teilt, ermöglicht die letzte Querungsmöglichkeit. Auf direkter gegenüberliegender Flussseite entstand bereits um die Jahrtausendwende der neue Rheinauhafen, ein modernes Stadtquartier mit seinen drei stadtbildprägenden Kranhäusern. Ebenfalls eine Konversion eines alten Handelshafens.[15]
Diese äußerst zentrale Lage demonstriert am sichtbarsten die Bedeutung des Projekts Deutzer Hafen. Es nimmt einen direkten Einfluss auf das Rheinpanorama und wird das zukünftige Stadtbild ebenso prägen, wie es das Pendant auf der linken Rheinseite vormacht. Dabei muss dennoch die respektvolle Beachtung des Domes als oberstes Bauwerk in der Stadt gewürdigt werden.[33] Im Hinblick auf das Leben am Fluss und Beleben des Rheins kommt dem Deutzer Hafen eine Sonderrolle als Impulsprojekt entgegen, da durch seine Entstehung ein neuer Maßstab für die zukünftige Stadtentwicklung, speziell im Bezug von Urbanität zu Außen- und Freiräumen, gesetzt wird. Die rechte Rheinseite erfährt momentan eine Grunderneuerung und wächst sowohl mit der Gesamtstadt als auch untereinander immer mehr zusammen, wie die zahlreichen Großprojekte abseits des Deutzer Hafens in der rechtsrheinischen Umgebung aufzeigen: MesseCity, Masterplan Messe 3.0, TH Köln Campus Deutz, Mülheim-Süd, Umgebung Bahnhof Deutz/Ottoplatz, Deutzer Feld, Rheinboulevard. Alles samt Projekte, welche auf den Masterplan Köln zurückzuführen sind und sich mindestens in der Bauphase befinden, oder wie der Rheinboulevard bereits fester Bestandteil des Alltags sind.[34] Und ich würde so weit spekulieren, dass der Deutzer Hafen als eben jener Impulsgeber auch das direkte Umfeld östlich der Siegburger Straße und südlich der Südbrücke am Poller Rheinufer für eine baldige Weiterentwicklung beeinflussen wird, damit auch das direkte Umfeld einer städtebaulichen Qualität, wie die, des Deutzer Hafens gleich wird.
2.2_in der Übersicht
Doch zunächst ein paar Hardfacts über das Projekt. Federführend für das Projekt sind die Projektentwickler „moderne stadt“. Die moderne stadt ist eine Tochtergesellschaft der Stadt Köln und Stadtwerke Köln GmbH und bereits seit 1969 verantwortlich für große Stadtentwicklungsmaßnahmen in Köln, wie beispielsweise dem Rheinauhafen, dem Clouth Quartier oder der neuen Mitte Porz. Zudem fungiert die moderne stadt als Bauträger für Einzelprojekte.[3] Der städtebauliche Entwurf geht zurück auf den Gewinner des Werkstattverfahrens von 2016, dem dänischen Planungsbüro COBE. Das international tätige Büro bietet ein breites Spektrum an Kompetenzen an, von innovativen Verkehrsbauten über urbane Landmarken hin zu großen Neuplanung ganzer Stadtviertel.[2] In ihrer Heimatstadt Kopenhagen entwarfen sie u.a. die Norreport Station entsprechend den Verkehrsströmungen der den Platz querenden Personen für eine optimale Nutzung der verfügbaren Fläche, ohne dabei an Qualität einzubüßen. Der Verkehrsknotenpunkt wird so zu einen Ort, an dem sich die Menschen gerne aufhalten, trotz des großen Trubels.[36] Im Norden der Stadt entsteht mit Nordhavn ein komplett neuer Stadtteil auf einem ebenfalls ehemaligen Hafengelände. Das Besondere hierbei ist jedoch die Zukunftsperspektive an dieser Planung. Vor der Küste wird das Festland erweitert und je nach Bedarf kann das neu entstandene Bauland entwickelt werden. Ein solides urbanes Raster ermöglicht es für kommende Belange problemlos konkrete Entwürfe zu liefern und für neue Ansprüche anzueignen.[36] Nur ein kleiner Einblick in die Arbeitsmethoden des Büros, welche auch für den Deutzer Hafen hoffen lassen. COBE wurde in seiner Planung zudem von den Fachplanerbüros Ramboll Studio Dreisetl (Landschaftsplanung), Transsolar (Energieberatung) und knp.bauphysik unterstützt.[4] Die weitere Freiraumgestaltung, bzw. die Erstellung des Grünordnungsplans übernimmt von nun an das Bonner Landschaftsarchitekturbüro RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten.[5]
Das gesamte Plangebiet umfasst eine Fläche von 37.7 ha, davon sind 8,1 ha Wasserfläche. Die maximalen Ausmaße betragen in der Länge ca. 1130 m und in der Breite ca. 490 m. Auf knapp 14 ha Nettobauland sollen einmal 550.000 m² gesamt BGF erstellt werden. Das Areal umfasst dabei eine Fläche, welche ungefähr die Dimension des Deutzer Kerngebietes besitzt. In dem Quartier sollen später einmal an die 6.900 Einwohner leben und knapp 6.000 Arbeitsplätze entstehen.[2] Die rund 3.000 Wohneinheiten fallen unter das Kölner Modell, welches besagt, dass mindestens 30% geförderter Wohnraum zur Verfügung gestellt werden müssen. Zusätzlich zu den 30% ÖGW werden weitere 20% mietpreisgedämpfte Wohnungen angeboten.[5] Wichtig für die Wohnraumaufteilung ist den Entwicklern ausdrücklich, dass es zu keiner Separation der geförderten und freifinanzierten Wohnmodellen kommt, sondern dass die Durchmischung innerhalb der Wohnblöcke geschieht.[28] Das vielfältige Angebot im neuen Quartier wird neben verschiedenen Wohnmodellen ergänzt durch traditionelle und neue Arbeitsformen, wie klassischen Firmensitzen, Co-Working für Start-Ups, Kleingewerbe oder Manufakturbetrieben, gastronomischen Angeboten, Einzelhandelsflächen, sieben Kitas und einer Grundschule, oder mehrerer kultureller- und freizeitlicher Möglichkeiten.[7] Dadurch entsteht ein lebendiger Teil der Stadt und doch ein eigenständiges Veedel direkt am Rhein.
Die Bauleitplanung sieht eine Konzeption als ein sogenannter „Löcherplan“ vor. Auf Grundlage des integrierten Plans von COBE wird nun sukzessive das Baurecht für den Deutzer Hafen geschaffen. Angefangen wurde hierbei mit dem Bebauungsplan Infrastruktur. Dieser definiert im Allgemeinen die öffentlichen Flächen, also Verkehrswege, Plätze, Grün- und Wasserflächen und den Schulstandort. Die Baufelder werden bewusst ausgespart und liegen als Weiße Löcher im Bebauungsplan eingegliedert. Dies sichert die hochwassersichere Erschließung aller Baufelder und legt zudem das Hafenbecken als erhaltenswerten öffentlichen Raum fest. Die Baufelder werden in Folge in separaten Teil-Bebauungsplänen von den einzelnen Bauträgern erstellt. Teil des Bebauungsplan Infrastruktur ist auch der bereits oben genannte Grünordnungsplan in dem die Biotopsstruktur, die Festsetzung der Grünräume in Größe und Qualität, die Bezüge zu anderen Grünbereichen oder die Durchgrünungsstruktur im Plangebiet festgesetzt werden. Für eine schnelle Entwicklung und Durchführung ist der Deutzer Hafen zudem nach BauGB §165ff eine „städtebauliche Entwicklungsmaßnahme“. Eine schnellere Mobilisierung der Grundstücksbebauung wird dadurch für ein höheres Allgemeinwohl möglich.[5]
Eine Besonderheit in der Entwicklung des Deutzer Hafen stellt die Vorzertifizierung der DGNB in Platin dar. Dies ist die höchste Auszeichnung für eine Quartiersentwicklung, welche durch das Nachhaltigkeitsgremium ausgestellt werden kann.[2] Aber dazu im Weiteren noch mehr. Nun soll der Entwurf zunächst in seinen Einzelteilen untersucht werden.
2.3_im Entwurf
2.31_Bestand, Analyse, Konzept Der Deutzer Hafen, wie wir ihn heute kennen, geht auf eine Gründung um die Jahrhundertwende zurück. Das stilprägende Bauelement im Jahr 1907 als Industriehafen entstandene Hafenareal ist sicherlich das weit sichtbare Ensemble der beiden Großmühlen Heinrich Auer und Leysieffer & Lietzmann, welche 1909 fertiggestellt werden konnten. Nach starker Kriegszerstörung orientierte sich der Wiederaufbau an der noch verwendbaren Bausubstanz zu einem Komplex im Stil der klassischen Moderne mit einer weißen Putzfassade und einem Komplex im Süden aus rotem Backstein. Prägnant sichtbar erstrahlt das Emblem der Aurora und dem dazugehörigen Sonnenstern, eine der großen Kölner Marken neben 4711, Stollwerck-Schokolade, Deutz-Motoren oder Ford. Die zwei Bauten der Großmühlen wurden in den 1970er Jahren über einen Verbindungsbau zusammengeschlossen und waren nun auch unter der Bezeichnung Ellmühle bekannt. In Verbindung mit der ebenfalls schützenswerten aus Basaltlava gemauerten Kaimauer, der im Jugendstil erbauten Drehbrücke im Norden des Hafens, der großen Verladekräne und den Gleis- und Eisenbahnanlagen ergibt sich ein der Nutzung typisches Gesamtbild eines über 100 Jahre gewachsenen Industriehafens.[19] Die wirtschaftliche Bedeutung des Standortes Deutz ist seit einiger Zeit jedoch stark rückläufig. Nicht mal mehr 5% des Umschlages erfolgt über Deutz. Zudem ist die Hälfte der Betriebsflächen auf dem Hafenareal ohne hafenspezifischen Nutzen.[23] Auch heute noch zeigt sich die Insellage des Gebietes, trotz der doch äußerst zentralen Positionierung, da eben jene Industrienutzung erhebliche Emissionen wie Lärm und Gestank mit sich bringen und so eine Weiterführung einer solchen Nutzung der Lage nicht angemessen wären.[15] Neben den industriell-charakterlich erhaltenswerten Strukturen gilt es auch die im Westen angrenzenden Grünstrukturen der Poller Wiesen zu erhalten. Mit der Überflutungsfläche der Poller Wiesen befindet sich einer der beliebtesten innerstädtischen Naherholungsgebiete Kölns in direkter Nachbarschaft zum Deutzer Hafen. Die ebenfalls zu erhaltene Baumallee in der Alfred-Schütte-Allee bildet die westliche „harte“ Grenze zwischen Hafen und Wiese. Der Freiraum zum Rhein, inklusive Alfred-Schütte-Allee, und die parallel zum Hafenbecken verlaufende Siegburger Straßen im Osten des Hafens sind zudem die einzigen direkten Verbindungen in die nachbarschaftlichen Stadtteile Deutz im Norden und Poll im Süden. Die Nachbarschaft dort ist geprägt von Wohnnutzungen, ein Streifen von gewerblich bürogenutzten Flächen grenzt im Osten an den Hafen an.[15] Einige ehemalige Hafenanlagen werden heute als Veranstaltungshallen genutzt. So zum einen die große, offene Halle im westlichen Flügel des Hafens, dort finden öfters Märkte oder Outdoorpartys statt, zum anderen die Essigfabrik südlich der Ellmühlen. Neben regelmäßigen Konzerten von u.a. bekannten Rockbands fanden in der Halle auch die Öffentlichkeitsbeteiligungen und Informationsveranstaltungen zu den Planungen statt.
Zwei große Einflussfaktoren sind entscheidend für die Entwicklung des Projektes: der Deutzer Hafen liegt unmittelbar in einem innerstädtischen Überflutungsgebiet und ist zugleich einer besonders hohen Lärmbelastung ausgesetzt durch die Verkehrswege tangential am Planungsgebiet; vor allem die Güterverkehrstrasse im Süden mit der Südbrücke gilt als besonders hoher Lärmemittent.[15] Damit sich in Zukunft ein lebendiges Stück Stadt mit Wohnen und Arbeiten dort entwickeln kann muss auf diese Belange verstärkt geachtet werden. Dass eine städtebauliche Entwicklung auf dem Industrieareal möglich ist, geht auf ein Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 2014 zurück zum Planen und Bauen in gesetzlichen Überschwemmungsgebieten.[15] Eine Machbarkeitsstudie des Kölner Büros ASTOC von 2015 sollte klären, wie diese Belange in eine bauliche Form übertragen werden können. U-förmig um das Hafenbecken bauen sich die Volumen in die Höhe, mit Abstand zum Wasser. Dies sichert neue Retensionflächen.[34] Der Gebäuderiegel im Süden soll als Lärmbarriere mit wohnfremden Nutzungen dienen, um das Wohnen in den nördlicheren Bereichen zu ermöglichen.[22] Die erhaltenswerten Strukturen sind bereits in dieser Machbarkeitsstudie fester Bestandteil der Planung und geben nicht nur die Freiräume teilweise vor, sondern auch die städtebauliche Grundstruktur in kompakter Blockbauweise in einem maritim-industriellen Charakter.[17]
Diese räumliche Idee ist das Grundgerüst für den nachfolgenden Wettbewerb und dessen Siegerentwurf von COBE gewesen. COBE folgen dabei der u-förmigen Ausrichtung der städtebaulichen Struktur, doch setzen sie die Grünflächen als senkrecht zum Hafenbecken verlaufende Felder und ermöglichen so eine höhere Dichte. Die Blockstruktur bleibt erhalten. Diese Blockstruktur ist auch weiterhin die bauliche Grundlage und wird in weitere kleinere Teilquartiere aufgebrochen, die Dichte und auch die Höhe der Gebäude nimmt indes zur Südbrücke hin zu und sichert einen passiven, baulichen Lärmschutz entlang der Bahntrasse. Die Freiräume, urbane, wie grüne, öffnen sich dort, wo sich die Strukturen der alten Industrieanlagen befinden; sie setzen alte Krananlagen in Szene, stärken das Profil des Hafenbeckens oder eröffnen Blicke zu den alten Mühlen. So gibt der Ort vor, wie der öffentliche Raum definiert wird. Die große Durchmischung steht dabei über allem im Vordergrund, sowohl in baulicher, funktionaler, als auch sozialer Hinsicht.[6] Anders als sein Pendant auf der gegenüberliegenden Rheinseite will der Deutzer Hafen nicht geleckt wirken, sondern seine Herkunft und Geschichte aufzeigen und als eigene Stärke ausdrücken.8 All diese Eigenschaften vereinen sich dabei in einem grundlegenden Konzeptgedanken: dem Deutzer Block. Der Deutzer Block vereint auf einem Baufeld gemischte Nutzungen (Wohnen, Gewerbe, Kultur), verschiedene Akteure (frei finanzierter und geförderter Wohnbau, Genossenschaften und Baugruppen) und verschiedene Bautypologien. Jeder Block öffnet sich jeweils zu einem Freiraum, eine einheitliche, monotone Fassadenansicht wird größtenteils vermieden. Die Herleitung der Charakteristik leitet sich aus den vielfältigen Gebäudestrukturen der Umgebung her und verzichtet bewusst auf gleiche Traufhöhen, sondern setzt auf seine eigene Dynamik.[8] Die Idee ist aus der Analyse des Ortes entstanden, verbindet die Heterogenität der Industriearchitektur mit der klaren Blockstruktur der für Deutz typischen Randbebauung. Diese Vielfalt in der Bebauung generiert so automatisch Diversität in der Nutzung und lockt verschiedene Investoren und Bauträger an.[9]
2.32_Ebenen des Entwurfes Konkret bedeutet das: 26 Baufelder, sechs Plätze, drei Parks, drei Brücken und ein Pool. Die Grundstruktur des Entwurfes basiert auf einem soliden asymmetrisch angeordneten Raster. Die Baustruktur wird durch den Deutzer Block gebildet. In seinen Dimensionen orientieren sich die Baufelder an den Ellmühlen. Dabei wird die bauliche Verbindung wieder aufgehoben, sodass sich das Mühlenensemble auf zwei Baufelder verteilt. Die vielseitige urbane Struktur wird durch gezielte Brechungen und Aufweitungen in Form der Parks und Plätze ergänzt.[14]
Das Freiraumsystem erschließt ringförmig um das Hafenbecken. Entlang dieser Promenade entfalten sich die verschiedenartigen Freiraumsituationen insbesondere dort, wo die alten Krananlagen gelegen sind, so dass diese durch die Parks und Plätze gezielt in Szene gesetzt werden. Der Blick kann stets Richtung Dom wandern. Der östliche Flügel besitzt einen urbaneren Charakter, hier ist der öffentliche Raum geprägt von städtischen Plätzen. Der Westliche Flügel hingegen weist in seiner Freiraumstruktur vor allem Grünanlagen auf, welche städtebaulich die Funktion einer Verbindung zwischen Poller Wiesen und Hafenbecken übernehmen. Sie eröffnen Blicke von der Deutzer Seite auf den Rhein und wirken wie grüne Einstiche in das kompakte Raster, die das auf der Molenseite gelegene Viertel in kleinere Quartiere unterteilen. Die Hafenpromenade übernimmt die entsprechende Eigenschaft der Freiräume und übersetzt diese in eine urbane Sockelzone (Osten) und eine grüne Sockelzone (Westen). Das verbindene Element ist das mittig gelegene Hafenbecken und der neue Hafenplatz am Kopf des Beckens. Ein großzügiger Pool dient nicht nur der Retentionsmöglichkeit, sondern insbesondere der Abkühlung an heißen Sommertagen. Diese Vielzahl an Freiräumen bieten auch unterschiedliche Aufenthaltsqualitäten für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohner und Nutzer. Der neue Marktplatz wird Herzstück des neuentstehenden Viertels und hochfrequentierter Anker- und Knotenpunkt. Die Parkanlagen lassen die industrielle Geschichte des Ortes in den Grünlandschaften einfließen, verbinden Elemente des Wassers mit Erholung, Sport und rustikalem Charme. Die alte Lagerhalle nördlich der geplanten Schule erweist sich dabei als Multitalent und ermöglicht Freizeitspaß auch bei Regen, ohne in einem geschlossenen Raum sein zu müssen. Auch die Schule kann diese Halle als erweiterte Schulfläche nutzen. Die Freiräume regen stets zu sportlichen Tätigkeiten an, sei es das Stand-Up-Paddling, Schwimmen, Outdoor Fitness oder Skaten.5 Zu den öffentlichen Plätzen orientieren sich immer ein Angebot an gastronomischen oder gewerblichen Nutzungen, damit sichergestellt wird, dass die Plätze als fester Bestandteil des Alltages etabliert werden.[14] Unterschiedlich angepasste und angeordnete Bepflanzungen verdeutlichen ergänzend die Charakteristika der unterschiedlichen Freiräume, die punktuellen und flächigen Plätze und Parks, wie die linearen Alleen und Straßenräume.[5]
Das bauliche Bild bestimmt die Idee des Deutzer Blocks. Mit der Möglichkeit eine Vielzahl an Typologien und zugleich eine im gesamten Gebiet zusammengehörende Bebauung zu erstellen, besitzt der Deutzer Hafen ein flexibles Instrument einer baulichen Identität. Bereits jetzt finden sich vielfältige Typologien vor Ort wieder. Von fensterlosen Hochsilos bis kleinen Hallen und Wohngebäuden mit Satteldach. Mit den neuen Wohn- und Bürofunktionen kommen auch neue Typologien in den Deutzer Hafen. Der Deutzer Block schafft eine Verbindung all dieser mannigfaltigen Strukturen. Die unterschiedlichen Höhensprünge der einzelnen Gebäude innerhalb des Deutzer Blocks lassen die bauliche Struktur dynamisch und adaptiv auf die vielfältigen Stadträume reagieren. Niedrige Bebauung zu den schmalen Gassen, höhere Bebauung zu den großen Freiräumen. Eine Anpassung an die Belichtungsverhältnisse mit natürlichem Sonnenlicht ist so ebenfalls möglich. Hochpunkte werden strategisch gesondert platziert, wobei die Mühlen die Maximalhöhe vorgeben, und bieten Akzentuierungsmöglichkeiten. Verschiedene Typologien auch in der Kubatur sorgen ebenso für eine hohe Durchmischung innerhalb eines Baufeldes, wie die Vorgabe mehrerer Fassadenvariationen pro Blockseite und einer Öffnung pro Block zu einem angrenzenden Freiraum. Die Fassaden werden als ein einheitlicher Ausdruck eines jeden Baukörpers verstanden und ein für alle Seiten strukturierter, aber einladender Baukörper formuliert. Unterschiedliche Dachformen reagieren auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Nutzung und Umgebung, gleichwohl das Flachdach, ortsbedingt, der überwiegende Gestaltungsaspekt ist. Zudem ist darauf zu achten, dass aber jenes Flachdach auch einem gemeinschaftlichen oder ökologischen Mehrwert mit sich bringt in Form von Dachterrassen oder Gründächern, etc.[14]
Als Vermittler zwischen Öffentlichkeit und Privat kommt der Sockelzone eine besondere Bedeutung zu. Die Planung definiert sechs unterschiedliche Erdgeschoss-Kantzonen, je nach Platzbedarf und Lage, in ebenerdig und hochgesetzt. Dies ermöglicht auf die verschiedenen Stadträume reagieren zu können und einem Puffer an dieser Schnittstelle von öffentlich und privat zu schaffen.[14]
Die Anbindung des ÖPNV ist durch die Stadtbahnlinie 7 und des MIV durch die Siegburger Straße bereits gut erschlossen. Dennoch bedarf es einer ausweitenden Ertüchtigung des Mobilitätsnetzwerkes, um den wachsenden Anforderungen des zukünftigen Quartiers gerecht zu werden. Hauptaugenmerk liegt dabei in der Stärkung des ÖPNV und des Personen- und Radverkehrs. Ein Anstieg des motorisierten Kraftfahrzeugverkehrs soll auf ein Minimum reduziert bleiben, auch in Hinblick auf Nachhaltigkeit und Lebensqualität in den neuen Viertel. Ein Vergleich von zwei Szenarien gibt einen Überblick für die Entwicklung des Modelsplits; einmal ohne und einmal geplanter S-Bahnanbindung. Ausschlaggebend für eine nachhaltige Erschließung des Quartiers ist die fußläufige und radfahrfähige Vernetzung untereinander, in die direkte Umgebung und speziell die Verbindung mit dem ÖPNV. Das gesamte Gebiet wird barrierefrei und in einem Konzept der kurzen Wege ausgeführt. Eine neue Fahrradstraße wird entlang der Alfred-Schütte-Allee verlaufen so wie eine barrierefreie Erschließung der Südbrücke auf das linksrheinische Ufer. Die Hafenpromenade kann als Hauptfußweg im Quartier verstanden werden. Und auch die drei Bahnstationen „Drehbrücke“, „Poller Kirchweg“ und „Raiffeisenstraße“ sind innerhalb von fünf Minuten fußläufig erreichbar. Eine Busverbindung soll auch den westlichen Flügel befahren. Ein Anschluss an das regionale Verkehrsnetzt wird mit der Anbindung an die neue S-Bahnlinie S16 geplant. Ein Haltepunkt wäre darin auch der Deutzer Hafen. Der Kölner Hauptbahnhof über Köln-Süd als auch der Flughafen Köln-Bonn können somit auf direktem Wege erreicht werden. Zwei neue Brücken dienen des Weiteren als Querungsmöglichkeit über das Hafenbecken. Eine für den Fuß- und Radverkehr und eine zusätzlich für den Autoverkehr. Durch diese Brücke kann eine schleifenförmig verlaufende Quartiersstraße die einzelnen Baufelder erschließbar machen. Für den ruhenden Verkehr sind die Baufelder mit einer Tiefgarage unterkellert, vier weitere Parkhäuser ergänzen das Angebot. Diese Parkhäuser sind zugleich als generelle Mobilitätsstationen zu verstehen, welche einen Umstieg vom motorisierten Verkehr auf andere Mobilitätsformen ermöglicht. Zwei weitere Mobilitätsstationen, unter anderem an der Schule, vervollständigen das Mobilitätskonzept.[5]
2.33_Lebendiges Veedel und Hochwasserschutz Der Deutzer Hafen rühmt sich in einer Sache gerne selbst: „Der Deutzer Hafen wird ein lebendiges Veedel, ein fester Bestandteil der Stadt, geprägt durch Vielfalt“. In baulicher Hinsicht weiß der Entwurf bereits zu überzeugen. Und auch in seiner Nutzungsdiversität scheint das neue Veedel in kaum einem Belang den Szenevierteln der Stadt, wie der Südstadt oder Nippes, nachzustehen.
Ein Teil dieser Nutzungsvielfalt sind die Wohnangebote und potenziellen Bewohner. Im Quartier sind verschiedene Wohnformen vorgesehen im Stile der „Kölner Mischung“.[14] Diese Mischung umfasst genossenschaftliche Wohnangebote, Wohnraum erstellt durch Baugruppen oder den freifinanzierten Wohnungsmarkt. Aber auch einen Anteil von öffentlich gefördertem Wohnraum (ÖGW) von 30%. Neben dem ÖGW möchte die moderne stadt zusätzlich einen 20%igen Anteil an preisgedämpften Wohnraum anbieten.[5] Und auch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) besitz ein Grundstück auf dem Areal und möchte Teil dazu beitragen, dass der erforderte Bau von neuem Wohnraum schnell voran geht.[18] Diese hohe Mischung wird durch verschiedene Arten gewerblicher Nutzungen ergänzt, Angebote für Firmensitze, Co-Working und Kleingewerbe. Angestrebt wird ein Viertel, in dem die Bedürfnisse des Alltags alle fußläufig erreichbar sind, wie in den gewachsenen Stadtteilen der Gründerzeit. Außerdem wird der Deutzer Hafen seinen Beitrag zur kulturellen Entwicklung in Köln leisten für Kreative und Genießer. Die Mischung wird im kompletten Quartier gesehen, doch gibt es unterschiedliche Schwerpunkte, um eine differenziertere Bewohner- und Nutzerschaft zu erzeugen und zu fördern mit einer Nutzungsmischung von dem alle voneinander profitieren können. Der Halbinsel wird eine überwiegende Wohnnutzung zugeschrieben, der Hafenkopf besitzt einen Arbeits- und Publikumsbezogenen Schwerpunkt, der Schallhemmung folgend, und die Ostseite eine urbane Mischung aus Wohnen und von stärker belebten Erdgeschosszonen, Arbeiten, Einkaufen, Gastronomie und Kultur. Punktuell sollen kleinere Einzelhandels- und Gastronomiebetriebe, wie Cafés, Kioske oder Kneipen in den eher homogen genutzten Bereichen die öffentlichen Plätze beleben. Sieben über das Quartier verteilte Kitas und eine Grundschule am nördlichen Ende der Westseite, gegenüber der südlichen Ellmühle, komplettieren das Nutzungskonzept mit einem attraktiven Bildungsstandort in Verbindung mit den Freianlagen der nördlichen Parkanlage.[14] Diese sehr vielfältige Durchmischung baulicher und programmatischer Faktoren zeigt fast schon das Maximum an in Deutschland machbarer Diversität städtebaulicher Planung auf. Liegt das „Problem“ hierbei jedoch nicht an mangelnder Innovation oder fehlendem Willen, sondern an der allseits beliebten Hürde des deutschen Planungsrechtes, welches Mischung eher versucht zu verhindern als zu fördern. Der Deutzer Hafen erreicht somit, zumindest in planerischer Hinsicht, die „Grenzen der Durchmischbarkeit“.[7] Für die Ellmühlen wird derzeit noch untersucht welche Nutzungen sich mit dem denkmalgerechten Erhalt ausführen lassen, wobei einer Wohnnutzung wohl keine Hindernisse gestellt scheinen.[17]
Da der Hochwasserschutz ein wichtiger Baustein der Projektentwicklung für den Deutzer Hafen ist lohnt sich hier ein näherer Blick, wie COBE in ihrem Entwurf versucht im Überflutungsfall auf eine solche Situation zu reagieren. Die jüngsten Erlebnisse im Sommer 2021 haben gezeigt, dass in Zukunft vermehrt mit Extremwetterereignissen zu rechnen ist und speziell Köln durch seine Lage am Rhein, aber auch durch einen erhöhten Niederschlag (vgl. 2.1), häufig von Hochwassersituationen betroffen ist.[25]
Das Konzept sieht deshalb für den Deutzer Hafen ein Quartier im Sinne des „Leben mit dem Wasser“ vor. Dazu braucht es verschiedene Strategien, um den Rhein als Freund und nicht als Feind anzusehen. Im Normalstand befindet sich der Rheinpegel bei 3,21m 38,29m NHN, die Höhe der Kaianlage ist bei 44,50m NHN. Dies sichert im Regelfall, dass der Hafen wasserfrei durchquert werden kann. Erst ab einem 200-jährigen Hochwasserfall mit einer angenommenen Höhe von 11,90m 46,97m NHN wäre das gesamte Hafengebiet überflutet. Damit eine Erschießung auch in einem solchen Extremfall gesichert ist, wird die Erschließungsstraße auf das Niveau von 47,50m NHN gehoben, die Sockelgeschosse sind darauf ausgelegt, dass sie baulich auf eine solche Hochwassersituation reagieren können. Dies geschieht hauptsächlich durch eine Abschottung der Bereiche. Teilweise sind die Sockelzone sogar HQ200 nutzbar. Dies betrifft die an das Hafenbecken angrenzenden Erdgeschosse. Die Geschosse zu der hochwassersicheren Erschließungsschleife bedürfen keiner gesonderten Betrachtung. Zudem befinden sich auf allen Baufeldern flutbare Geschosse auf Höhenniveau der Kaianlage. Das sind in der Regel die Tiefgaragen. Die Gebäude müssen entsprechend konstruiert sein, um eine solche Belastung auszuhalten. Auch die großzügigen Freiräume dienen nicht nur dem städtischen Trubel, sondern auch als Überflutungsräume und speziell die Parks als großflächige Retentionsbereiche bei Hochwasser oder Starkregen. Insgesamt vergrößert der Entwurf sogar das Retentionsvolumen im Vergleich zum Ist-Zustand um bis zu 16%.[14] Ein gelungenes Beispiel für urbane Verdichtung trotz flächiger Entsiegelung.
2.4_ im Prozess
Der integrierte Plan und die momentane Erarbeitung der Bebauungspläne ging aus dem Wettbewerbsgewinn von COBE des Kooperativen Werkstattverfahrens von 2016 hervor. Der Prozess begann schon einige Jahre zuvor. Bereits in den 1990er gab es Überlegungen zu einer Umnutzung des Hafenareals, doch wirklich konkret wurde der Gedanke der Konversion erst mit dem Masterplan Innenstadt Köln von Albert Speer aus dem Jahr 2009.[15] Dieser betitelt die Hafenfläche als letzte innerstädtische Reserve für eine Nachverdichtung im zentralen Stadtgebiet.[33] Dem Grundsatzurteil über das Bauen in Überschwemmungsgebieten des BVerG und der daraus resultierenden Machbarkeitsstudie von ASTOC in 2014/15 (vgl. 2.31) erfolgte im Juni 2015 die Grundsatzentscheidung des Rats der Stadt Köln zur Umnutzung des Deutzer Hafens zu einem innerstädtischen Wohn- und Arbeitsquartier.[15]
2016 führte die Stadt Köln mit ihrer Tochtergesellschaft moderne stadt das Gutachterliche Planungs- und Beteiligungsverfahren durch. Für das zweiphasige kooperative Werkstattverfahren wurden fünf Internationale Büros geladen zur Erarbeitung eines zukunftsfähigen städtebaulichen Konzepts. Die fünf geladenen Büros waren: Diener & Diener, Lorenzen, Scheuvens + Wachten, trinkt & kreuder und die Gewinner von COBE.[15] Der Auftakt erfolgte unter Beteiligung der Öffentlichkeit. Nach mehreren Inputvorträgen zu den Anlässen und den Planungsgrundlagen wurde ein gemeinsamer Hafenrundgang durchgeführt. Einer dreimonatigen Bearbeitungsphase folgte eine Zwischenpräsentation, ebenfalls unter Einbezug der Öffentlichkeit, welche Anregungen und Kritik hinterlassen konnten. Darauf begann eine weitere dreimonatige Bearbeitungsphase mit anschließender Abschlusspräsentation. Ebenfalls vor der Öffentlichkeit. Die Jury entschied sich dann einstimmig für das Konzept von COBE.[20, 21, 22]
Im darauffolgenden Jahr wurde der Siegerentwurf vertiefend bearbeitet und vorbereitende Untersuchungen zu städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen der Realisierbarkeit, Eigentümerverhandlungen, Grundstücksvermittlungen und weiteren Themen. Hierzu wurde ebenfalls in einem Turnus von sechs Monaten die Öffentlichkeit aufgerufen zur Teilnahme und Diskussion. Der Beschluss der Entwicklungssatzung nach §165 Abs. 6 BauGB wurde im Mai 2018 erteilt, die FNP-Änderung im September 2018, genauso wie der Ratsbeschluss zum integrierten Plan des Deutzer Hafens und im November schließlich der Aufstellungsbeschluss zum Bebauungsplan samt Bürgerbeteiligungsverfahren. Ende 2020 trat der Bebauungsplan öffentliche Struktur in Kraft.[5]
Momentan (Stand August 2021) ist der erste bauliche Wettbewerb entschieden worden. Darin gewann das Büro Mayr Ludescher Partner Beratende Ingenieure PartGmbH zusammen mit karl und p Gesellschaft von Architekten mbH den Anfang 2021 geladenen Wettbewerb für die zwei neuen Verbindungsbrücken über das Hafenbecken. Der Entwurf überzeugt mithin durch seine respektvolle Zurückhaltung vor dem Panorama zum Dom und doch starker Eigenständigkeit mit klarem kontextualem Bezug.[10, 19] Somit ist der erste Baustein für das neue Quartier gelegt und hoffentlich ein Dominostein für eine schnelle Weiterentwicklung.
3_TEIL B - DIE HERAUSFORDERUNG
3.1_transformative Handlungsfelder nach WBGU
Exemplarische transformative Handlungsfelder: so betitelt der “Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung“, kurz WBGU, einen Kriterienkatalog für die klimaverträgliche und nachhaltige Entwicklung urbaner Räume. Besonders den Städten kommt in Zukunft eine tragende Rolle für nachhaltige Entwicklungsprozesse zu, da die Städte bereits jetzt für 70% des globalen Energiebedarfs zuständig sind. Tendenz steigend, wenn man sich die Wachstumsrate der Städte weltweit vor Augen führt. Bis Mitte des Jahrhunderts wird ein Anstieg der städtischen Population von rund 60% erwartet.[37] Städte bieten wohl die größte Hebelwirkung für die zukünftigen Transformationsprozesse, weshalb es zu beachten gilt die Vorgänge der Urbanisierung ins positive zu steuern. Denn in der Vergangenheit wurde das Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz sehr stiefmütterlich behandelt und stets als eine Angelegenheit der fernen Zukunft abgetan. Auch hier hat uns das Jahr 2021, so wie die letzten Jahre zuvor, deutlich veranschaulicht, dass dem nicht so ist und wir bereits „Alarmstufe Rot“ haben. Dafür hat der WBGU acht Handlungsfelder definiert, davon drei noch nicht international genügend berücksichtigte Kategorien, nach denen eine Stadtentwicklung zu bewerten sei. Diese sind die fünf Themen Dekarbonisierung, Energie und Klimaschutz in den Städten, Mobilität und Verkehr, die baulich-räumliche Gestalt von Städten / urban form, die Anpassung an den Klimawandel in Städten und Armutsbekämpfung und sozioökonomische Disparitäten. Zusätzlich behandelt der WBGU die drei erweiterten Handlungsfelder Urbane Flächennutzung, Materialien und Stoffströme sowie Urbane Gesundheit.[37]
Um vergleichen zu können, wie der Entwurf des Deutzer Hafens auf die Stadtentwicklungsbelange nach den acht Handlungsfeldern des WBGU bewertet werden kann soll im Folgendem ein Direktabgleich der Themenfelder und der Ansätze von COBE erfolgen. Zunächst fasse ich kurz die Aussage der jeweiligen Handlungsfelder zusammen und erläutere darauf mit welchen Mitteln das städtebauliche Konzept des Deutzer Hafens darauf reagiert. Dies ist sicherlich die übersichtlichste Art für einen Vergleich und gibt mir persönlich die beste Möglichkeit eine Bewertung über die Nachhaltigkeitsbelange zu erstellen.
3.2_Ansätze im Entwurf von COBE
3.2.1 Dekarbonisierung, Energie und Klimaschutz in den Städten: Städte steuern einen erheblichen Teil zu den Treibhausgasausstoß weltweit bei. Nicht zuletzt der Bau von Gebäuden trägt dazu bei. Deswegen gilt es die CO2-Emissionen beim Bauen zu verringern oder gar auf null bzw. ein Minimum zu reduzieren. Des Weiteren ist der generelle Energiebedarf in Städten sehr hoch. Städte müssen Überlegungen zu Energieerzeugungen auf lokaler Ebene und autarken Energieversorgungen anstreben, so wie die Senkung der Energienachfrage einzelner Gebäude. Dies ist einerseits durch eine Minimierung an Gebäudetechnik möglich, andererseits mit Hilfe von Konzepten wie dem Energy Service. Demnach werden keine Energieträger, wie Erdgas oder -öl, den Gebäuden zugeführt, sondern die direkte Energieleistung, wie beispielsweise Licht oder Wärme. Allgemein müssen die Städte effizientere Generalsysteme entwickeln und systemische Aspekte in der städtischen Infrastruktur beachten als einen individuellen Lösungsweg.[37]
Der Deutzer Hafen soll über ein eben solches ganzheitliches Energiesystem betrieben werden. Einer der ersten Bausteine des neuen Quartiers wird eine viertelsinterne Energiezentrale. Dieses Umspannwerk umfasst dabei zusätzlich noch die Funktionen einer der Mobilitätsstationen, weitere Energiebezogene Themenaspekte und einem Sportplatz auf dem Dach.[5] Ein Regenwassernutzungssystem ergänzt die Energieplanung, welches nicht nur der Niederschlagsprävention dient, sondern auch einer Bewässerung der Grünanlagen in dem Quartier.2 Der Deutzer Block besitzt durch seine kompakte Form eine gute Grundbedingung für Energieverbrauchsgeringe technische Ausstattungen, selbst wenn keine expliziten Aussagen zu diesen Themen in der integrierten Planung gemacht wurden. Grundsätzlich ist es schwierig bei einem Planungsstand der rein städtebaulichen Idee die CO2-Ausstoß Präventionen zu bewerten, da dies auch immer stark Architekturabhängig ist. Zu den Emissionsausgleichsmaßnahmen, wie viel Stadt- und Dachgrün entstehen soll, werden jedoch konkrete Empfehlungen und Handlungen vorgeschlagen, die zu einer Bindung von Treibhausgasen und klaren Verbesserung mikroklimatischer Bedingungen führen werden.[14] (80/100)
3.2.2 Mobilität und Verkehr: Der private motorisierte Verkehr zeigt sich in vielerlei Hinsicht als das Hauptproblem in urbanen Gebieten. Direkte Folgen deuten sich in einer strukturellen Zersiedlung von Agglomerationsräumens an, in der Versiegelung großflächiger Gebiete für Straßen und Parkplätze und in einer funktionalen Trennung der Stadt nach Nutzungen. Man wohnt dort, arbeitet an einem anderen Ort und erledigt seine Besorgungen nochmals wo anders. Dies fördert alles die Abhängigkeit von einem motorisierten Privatfahrzeug. Es entsteht eine unabdingbare Teufelsspirale von Abhängigkeiten, sofern keine Alternative zur Verfügung steht. Zudem folgen Luftverschmutzung und Lärmbelästigung, Verschwendung von Treibstoff und endlichen Ressourcen und auch die Produktivität durch Zeitverlust, wenn man weite Arbeitswege hat oder im Stau steht. Diese langen Arbeitswege mit samt der Staus führen so auch zu einer generellen Kostensteigerung für ganze ökonomische Systeme. Es ist bewiesen, dass solche Transportsysteme Einfluss auf die Luftqualität, die Unfallgefährdung, die Lärmbelastung, und psychologischen Stress mit direktem und indirektem Einfluss auf die Gesundheit haben. Um dem gegenwirken zu können bedarf es zunächst eines funktionierenden ÖPNV. Dieser kann ebenfalls dafür sorgen, dass der sogenannte „urban divide“ eingedämmt wird, da der nicht motorisierte Verkehr als niedrigschwelliges Mobilitätsangebot eine inklusive Stadt fördert. Eine solche Stadt kann nur dann erreicht werden wenn auch sozial- und einkommensschwache Menschen von einem großen Angebot an unterschiedlichen Transportwegen profitieren, damit eine gute Erreichbarkeit bestimmter Orte, wie dem Wohnen, der Arbeit, die Versorgung oder Freizeiteinrichtungen, allen gegeben ist. Eine inklusive Stadt ist eine Stadt der kurzen Wege, eine Stadt mit klimaverträglichem Verkehr wie Fußgänger oder Radfahrer. Entscheidend sei nicht zuletzt eine Mobilitätsmischung und eine einfache Umsteigemöglichkeit zu anderen Transportsystemen. Aber auch die Verteilung von Fördermitteln für mehr nicht motorisierten Verkehr muss umgedacht werden. Ergänzend dazu ist auch ein Ausbau von Sharing-Angeboten ein Baustein für nachhaltige Mobilität.[37]
In vielerlei Hinsicht erfüllt der Deutzer Hafen die Anforderungen an die Mobilität der Zukunft. Ein Modal Split von annähernd je einem Viertel mit größter Gewichtung auf dem ÖPNV ermöglicht weiterhin ein breites Spektrum an Verkehrswegen, wiegt jedoch die unterschiedlichen Teilnehmer untereinander ab. Im Quartier selbst soll der MIV auf Anlieger und Anwohner minimiert werden, der ruhende Verkehr hauptsächlich in den flutbaren Tiefgaragen gesammelt werden. Als Ergänzung der ohnehin schon gut an das Stadtbahnnetz angebundenen Infrastruktur wird das Angebot nochmals durch eine direkte S-Bahn-Anbindung und mehrere durch das Quartier verlaufende Buslinien erweitert.[14] In sechs Mobilitätsstationen unterschiedlicher Größenordnung kann man zukünftig schnell und einfach erreichbar verschiedene Sharing-Angebote, wie Bike-, Car- und E-Mobiltätssharing wahrnehmen und auch Untersuchungen zu einer Entlastung des Straßennetztes rund um den Deutzer Hafen erfolgen, um die wachsenden Verkehrsströme zu bewältigen.[5] So wird ebenfalls das Radverkehrsnetz in dem Areal ausgebaut. Um den Verkehr über das Quartier hinaus gering zu halten, ist es möglich innerhalb dessen alles für den täglichen Bedarf, für Arbeitsangebote oder für Kulturinteressen zu erreichen. Mit dem Deutzer Hafen entsteht ein Quartier der kurzen Wege für Zufußgehende und Radler.[14] (100/100)
3.2.3 baulich-räumliche Gestalt von Städten / urban form: Die baulich-räumliche Gestalt einer Stadt hat einen direkten Einfluss auf den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel und Ressourcennutzung, sowie den Zugang zu adäquatem Wohnraum und öffentlichen Räumen. Außerdem stärkt sie die Ortsbindung und Identität mit einer Stadt oder seiner Heimat. Die Langlebigkeit von Gebäuden zeigt sich indes positiv für eine nachhaltige Energienutzung, Ressourceneffizienz und Ortsidentität. Die Gestalt ist abhängig von Maßstab: die Parzelle, bzw. das Einzelgebäude ist vor allem durch seine Form und Materialität geprägt, die Gesamtstadt durch die Dichte, Nutzung, Interkonektivität und Zugänglichkeit. Eine Wechselwirkung im Stadtgrundriss ergibt sich durch soziale Aspekte und den Gebrauch des städtischen Raums; je höher die bebaute Qualität einer Stadt, desto höher die Akzeptanz, Aneignung, Ortsbindung und Belebung. Deshalb braucht es eine robuste Struktur, die jedoch flexibel auf Belange der Zeit eingehen kann. Eine kompakte und durchmischte Stadt zeigt sich dabei als der vielversprechendste Lösungsansatz, bei einer lokalen Anpassung auf Topografie, Gesellschaft, Klima oder ähnliches. Eine solche kompakte und durchmischte Stadt kann zu einer Reduzierung des Energieverbrauchs und zugleich zu einer Erhöhung der Lebensqualität führen. Voraussetzung dafür ist, dass die Freiräume nicht darunter leiden und die Verdichtung nicht zu stark zunimmt, denn sonst muss man mit den Folgen urbaner Hitzeinseln und sozialer Probleme bei zu großer Anonymität rechnen. Eine Stadt muss resilient werden, damit auf geänderte Lebensstile oder Naturkatastrophen reagiert werden kann. Die Gestalt einer Stadt sollte durch möglichst viele Akteure bestimmt werden, um ein breites Spektrum an unterschiedlichen menschlichen Bedürfnissen zu erfüllen. Das UN-Habitat definiert nachhaltige Quartiere recht konkret mit festen Werten. U.a. durch eine hohe Dichte (mehr als 15.000 EW pro km²), eine hohe Mischnutzung bei der mehr als 40% der Erdgeschossflächen wirtschaftlich genutzt werden, eine gute soziale Mischung der Quartiere (20-50% der Wohnnutzung soll sozialer Wohnungsbau sein), eine Limitierung von Einfamilienhäusern auf maximal 10% des Quartiers, und die Schaffung von adäquatem Straßenraum, in dem rund 30% der Fläche für die Verkehrsnutzung vorgesehen ist. Zudem sollten die Quartiere ein öffentliches Leben der Stadtbevölkerung ermöglichen, fahrrad- und fußgängerfreundlich sowie für alle Einkommensgruppen erschwinglich sein.[37]
Mit dem Prinzip des Deutzer Blocks entsteht ein äußerst robustes Konzept für die zukünftige Identität und Struktur des Ortes. Die Angaben zu der baulichen Form sind doch recht spezialisiert und führen zu einer gesamten Einheit innerhalb des Quartiers und der Stadt mit Deutz, aber lässt auch genug Spielraum für eine freie Entfaltung der einzelnen Bebauungen. So bietet das ebenso flexible und robuste Raster ein resilientes System für zeitgemäße Bedürfnisse und Anpassungsmöglichkeiten bei einer weiterhin zusammenhängenden städtischen Gestaltung; die Freiräume neben der ebenfalls identitätsstiftenden Gestaltung als kommunikative Orte des Zusammentreffens, sowohl in den grünen Erholungsgebieten, so wie in den urbanen Plätzen und der Hafenanlage.[14] Die Planung sieht eine funktionierende Abfolge von öffentlichen Räumen, Dichte und Freiflächen vor, die von den Bewohnern, Nutzern und Besuchern nach eigenen Belangen bespielt werden können. Man begegnet klimatischen Problemstellungen, sozialen Problemstellungen und agiert für eine positive urbane Lebensqualität. Die Planung zieht bewusste Züge zu den Bestandbegebenheiten auf dem Areal selbst als auch zu den Nachbarschaften. Die Industriedenkmäler Ellmühle, Krananlagen, Hafenbecken fließen in das städtische Erscheinungsbild gleichermaßen ein, wie die Verzahnung der Poller Wiesen mit der bebauten Dichte Deutz‘.[14] Die Werte des Quartiers decken sich dabei weites gehend mit denen des UN-Habitat, sowohl in den verschiedenen Mischnutzungen von Wohn- und Programmierungsangeboten, der vermeintlichen Sozialstruktur oder der generellen Dichte (Deutzer Hafen: 18.302 EW/km²)[3] (100/100)
3.2.4 Anpassung an den Klimawandel in Städten: Der Klimawandel wird direkte und indirekte Auswirkungen auf Städte haben, die regional unterschiedlich ausfallen werden. Direkte Effekte sind dabei Temperaturextreme, Dürren oder Überschwemmungen. Indirekt kann der Klimawandel negative Auswirkungen auf die Wasser- und Elektrizitätssysteme oder die allgemeine Nahrungsmittelversorgung haben. Es gilt gerade in Städten den Hitzeinseleffekt und seine Folgen für das Mikroklima zu vermeiden und Versiegelung weitestgehend zu reduzieren. Städte müssen schon weit vorher die Katastrophenvorsorge oder Extremfälle in städtebaulichen Planungen berücksichtigen und miteinbeziehen. Diese Präventivmaßnahmen sind beispielsweise hochwassersichere Erschließungsstrukturen oder die Wohnansiedlung außerhalb von Gefahrengebieten.[37]
Die vielfältigen Freiräume in dem neuen Quartier dienen nicht nur der städtischen Qualität, sondern vor allem auch der Retention und mikroklimatischen Verbesserung. Der Hochwasserschutz hat besonders in dieser direkten Rheinnähe höchste Priorität. Als Versickerungsflächen angelegt schafft man es mit den Herausforderungen der Hochwassersicherung spielerisch umzugehen und die Elemente der Sicherung als gestalterische Bausteine in die Planung zu integrieren. Generell erfolgt sogar eine Entsiegelung des Areals im Vergleich zur Bestandssituation. Von vormals 169.000 m³ für HQ100, bzw. 309.000 m³ bei HQ200 erhöht sich das Retentionsvolumen um 16% auf 196.200 m³ bei HQ100, bzw. um 6% auf 327.000 m³ bei HQ200.14 Zudem wirkt man mit dem bereits erwähnten Mobilitätskonzept, der Energieversorgung oder einer Regenwassernutzung weiteren Hitzeinsel-Effekten entgegen. Die flexible Stadtstruktur ermöglicht zusätzlich eine Anpassung an die Bedürfnisse von Klimawandel bedingten Auswirkungen.[14] (100/100)
3.2.5 Armutsbekämpfung und sozioökonomische Disparitäten: Der „urban divide“ wird als zentrale Herausforderung angesehen. Auch wenn die Stadtplanung keinen direkten Einfluss auf solche Disparitäten hat, gibt es neben nationalen wirtschaftlichen und politischen Systemen auch einen Spielraum in der Stadtgestaltung, um sozialen Disparitäten entgegenzuwirken. So zum Beispiel muss auf Klimaänderungen frühzeitig reagiert werden und es braucht einen universellen Zugang zu den Grundversorgungen des Lebens (Wohnen, Wasser- und Sanitärversorgung, Gesundheitsversorgung, Abfallmanagement, klimaverträgliche Energiedienstleistungen, Transport und Kommunikationstechnologien). Dazu zählt auch eine inklusiv gestaltete kommunale Wirtschaftspolitik unter Berücksichtigung sozial schwacher Bevölkerungsgruppen und die Anerkennung der informellen Wirtschaft.[37]
Im Deutzer Hafen entsteht eine solche inklusive Stadt, eine Stadt der kurzen Wege für die Grundbedürfnisse des Lebens. Die hohe Nutzungsdurchmischung sieht vor, dass möglichst alle Belange innerhalb des Quartiers erledigt werden können.[14] Dazu verspricht das Kölner Modell des öffentlich geförderten Wohnraums (ÖGW) mit einem 30%igen Anteil, aber generell das Anstreben der unterschiedlichen Baumodelle, dass auch einkommensschwächere Personen dort Wohnraum finden und innerhalb eines Baufeldes mit besser verdienen zusammenleben können.[4] Die Planung geht dami einen bewussten Schritt entgegen einer zunehmenden Segregation innerhalb der Städte. Dabei kommt auch der Projektentwicklerin moderne stadt eine besondere Rolle zu. Als Vermittler zwischen Planung und Umsetzung haben sie die Pflicht das umzusetzen, was der Entwurf und auch sie selber versprechen.[9] Das ständige partizipative Verfahren von Stadt und Bevölkerung leistet einen großen Teil dazu bei, dass eben jene sozioökonomischen Aspekte stets berücksichtigt werden und ihren Einfluss in die tatsächliche Ausführung bekommen.[28] (100/100)
3.2.6 Urbane Flächennutzung: Die urbanen Flächen machen schätzungsweise nur 0,2 bis 2,8% der globalen Landfläche aus, aber beherbergen rund 54% der gesamten Bevölkerung. Dies führt unweigerlich zu einer Flächenknappheit in den Städten und einem Konkurrenzkampf und Bodenspekulation. Der Druck für neues Bauland auf den Grünflächen in den Städten und der Natur und den Landschaftsräumen in periurbanen Räumen wächst. Ziel sollte eine faire Verteilung der knappen Ressource Fläche in den Städten sein, damit die Flächennutzungen für das Allgemeinwohl bereitsteht und der Flächenverbrauch in den Städten geringgehalten wird. Der WBGU sieht die Kommunen dort in der Pflicht. Diese können mit der Steuerung von Entwicklungsprozessen und der Regulierung des Bodenmarktes für eine faire Verteilung sorgen und der Verkapitalisierung von Bodengut vorbeugen. Auch eine höhere Diversität von Eigentumsmodellen ist gefordert. Unterschiedliche Gemeinschaftsmodelle können ebenso zu einer gerechten Entwicklung um urbane Flächen beitragen, wie multifunktionale Nutzungen von Flächen.[37]
Auch hier zeigt sich wieder die Stärke des Rastersystems des Deutzer Hafens. Dieses gibt vor wo gebaut werden kann/soll und an welchen Stellen sich der Freiraum entfalten kann. So ist sichergestellt, dass innerstädtische Grünzüge erhalten bleiben, aber zugleich eine städtische Dichte ihrem Anspruch gerecht wird. Innerhalb der Baufelder ist eine hohe Mischnutzung geplant. Eine höhere Funktionsmischung innerhalb eines Blockes erlaubt eine generell höhere Flexibilität.[14] Denn die Flächenknappheit spielt natürlich auch in Köln eine große Rolle. Um den Bodenspekulationen entgegenzuwirken ist wieder das Prinzip der unterschiedlichen Baumodellen von besonderer Wichtigkeit. Die Stadt Köln kann über eine solche Vergabe der Baufelder den Prozess steuern und dennoch einen freien Markt ermöglichen, ohne die Bodenpreise ins absurde zu führen. Auch hier ist wieder ein Durchhaltevermögen seitens des Projektentwicklers gefordert.[9] (80/100)
3.2.7 Materialien und Stoffströme: Städte sind Knotenpunkte weltweiter Materialströme. Sowohl Bau- und Konstruktionsmaterialien als auch technische Infrastruktur müssen in enormen Mengen produziert und verbaut werden. Und auch in der Herstellung weisen Baumaterialien einen hohen Energiebedarf auf. Beton ist durch den Zementzusatz wohl größter Treiber von CO2-Emissionen. Dem entgegenzuwirken, braucht es mehrere Ansätze. Es muss Standard werden, dass die Kreislaufwirtschaft in der Baubranche Verwendung findet, dass der lineare Gebrauch von Ressourcen und Materialien auf ein absolutes Minimum reduziert wird. Ebenso im Umgang mit (Bau)Abfällen und ausgedienten Bauteilen. Recycling ist eine unumgehbare Aufgabe der Gegenwart und Zukunft. Für das Neubauen können lokale Baumaterialien durch kurze Transportwege nicht nur CO2-Emissionen einsparen, sondern auch eine regionale Baukultur wiederbeleben. Zudem kann mit einer Langlebigkeit von Rohstoffen und Materialien ein großer Schritt zu nachhaltiger Entwicklung gelingen.[37]
Konkrete Angaben über den Materialienverbrauch werden in der integrierten Planung nicht gemacht. Dennoch wird eine Palette an Typologien genannt, welche den Charakter des Ortes aufgreifen und bindend in die Bauleitplanung übernommen werden. Diese sind die auf dem Areal vorkommenden Materialien, die den robusten und ehrlichen Charakter aufnehmen. Glaskuben wären so nicht möglich.[9] Alte Substanz wird zudem größtmöglich erhalten und in die zukünftige Entwurfsplanung einbezogen.[14] Der Stand der Planung ermöglicht auf die Belange der Zeit einzugehen und dann in den Hochbauplanungen Konzepte von Kreislaufwirtschaft oder ähnlichen zu reagieren.[5] (60/100)
3.2.8 Urbane Gesundheit: Die urbane Gesundheit definiert sich einerseits über den Zugang von Gesundheitsversorgung und zu einer gesunden Umwelt, andererseits ist Gesundheit eine Ressource zur Bestimmung und Teilhabe am sozialen Leben und der Lebensqualität. Städte verfügen derweil über den sogenannten städtischen Gesundheitsvorteil (Zugang zu privaten und öffentlichen Gesundheitseinrichtungen, dichtere und soziale Netzwerke und bessere Verdienstmöglichkeiten als der ländliche Raum). Doch die Stadt hat auch sich auf die Gesundheit auswirkende Nachteile, wie Lärm, Luftverschmutzung, höhere Dichte und kriminalitäts- und Unfallrate. Städte sind zudem anfälliger für infektiöse und epidemische Krankheiten, ungesunde Konsumgewohnheiten und Ungleichheiten in urbanen Gesellschaften. Um die körperliche und geistliche Gesundheit zu stärken brauchen Städte Räume für Erholung, Bewegung und Begegnung und eine Förderung gesunder und unabhängiger Ernährungsweisen. Dazu müssen nicht die baulichen Parameter stimmen, sondern auch ein gezieltes Fördern von Gesundheitswissen und -handeln. Die Minderung der Luftverschmutzung steht indes in Synergie mit dem Kilmaschutz. Viel Grün ist nicht nur gut für Körper und Geist, sondern auch der beste Weg gegen den Klimawandel zu wirken. Damit dies auch gelingt sollten Politik, Wirtschaft, Vereine und die Bürger allgemein eine Verhaltensänderung in der Gesellschaft fördern mittels partizipativer und kommunikativer Methoden.[37]
Die Freiraumgestaltung zielt bewusst auf eine interaktive Nutzung der Räume ab. Die Bewegung steht neben der Identität und Kommunikation im Vordergrund, so dass viele unterschiedliche Angebote für sportliche Aktivitäten und Bewegungsmöglichkeiten entstehen. Das Thema „Gesunde Stadt“ steht in der konzeptionellen Entwicklung der öffentlichen Flächen immer mehr im Fokus.[5] Von überall aus dem Quartier ist es möglich innerhalb weniger Momente in einen Grünraum zu gelangen, oder an einen Ort, der zum Bewegen, aber genauso zum Kommunizieren anregt. Die Verbindung zu den Freiräumen ist grundsätzlich durchgehend zu fördern, denn Grünräume animieren zum Aufenthalt im Freien und filtern darüber hinaus die Schmutzpartikel aus der Luft. Die körperliche Gesundheit wird allein schon durch die Parallellage entlang der Poller Wiesen gestärkt und durch die drei einstechenden Parks in das Quartier hineintransportiert. Der Entwurf fördert das Bewegen auch im Alltag durch eine sehr fußgänger- und radfahrerfreundliche Gestaltung und schnelle Erreichbarkeit jeglicher Belange. Zugleich fördert eben diese schnelle Freiraumanbindung und Fußgänger- und Radfahrerfreundlichkeit die soziale Interaktion und den sozialen Zusammenhalt innerhalb der Bewohner- und Nutzerschaft, ermöglicht den niederschwelligen Austausch untereinander und stärkt das Gemeinschaftsgefühl in einer diversen Kultur- und Sozialgesellschaft. (100/100)
3.3_Vorzertifikat DGNB Platin
Der Deutzer Hafen rühmt sich seit Sommer 2020 mit der Auszeichnung eines Vorzertifikates in Platin von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), die höchstmögliche Vergabe für ein Stadtquartier.[5]
Die DGNB bewertet ein Projekt in fünf Kriteriengruppen, welche auf den drei Säulen der Nachhaltigkeit aufbauen. Also zu 20% die Ökologischen Qualitäten, zu 20% die Ökonomischen Qualitäten und zu 20% die Soziokulturellen & funktionalen Qualitäten. Zusätzlich zu diesen drei Grundpfeilern werden die Themen Technische Qualität und Prozessqualität zu jeweils 20% hinzugezogen, dabei werden diese beiden Kriterienpunkte als Querschnittsthemen angesehen, die sich über die anderen drei Themen spannen. Wichtig ist, dass der DGNB die fünf Themen gleichgewichtet in das Bewertungsverfahren überträgt. Dies verpflichtet ein Projekt dazu in jedem dieser fünf Themenschwerpunkte mindestens einen gewissen Erfüllungsgrad zu erreichen, damit auch die Auszeichnung in beispielsweise Platin erreicht werden kann. In den jeweiligen Themen gibt es wiederum verschiedene Unterthemen, welche nochmals in zahlreiche Einzelkriterien unterteilt werden, so dass am Ende knapp 200 Indikatoren mit in die Gesamtbewertung einfließen. Das gesamte Zertifizierungsverfahren für Quartiere ist dabei in drei Phasen aufgeteilt. In die Vorzertifizierung, in welcher die städtebauliche Planung bewertet wird, mit einer Gültigkeit von drei Jahren, in eine Zertifizierung der Planung und Erschließung mit einer Gültigkeit von fünf Jahren und in das Zertifikat für das Quartier im nahezu baufertigen Zustand, wenn mindestens 75% des Hochbaus errichtet und die öffentlichen Frei- und Verkehrsflächen vollendet wurden. Die Gültigkeit ist dann unbegrenzt. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Zertifizierung immer „tagesaktuell“ ist und die Quartiere dazu angetrieben werden sich den Belangen der Zeit anzupassen.[28]
Im Falle des Deutzer Hafens befindet sich der Bewertungsprozess in der ersten Phase mit einer Gültigkeit bis Mai 2023 und konnte dabei eine Gesamterfüllungsquote von 83,3% erreichen. Die höchste Bewertung erlangt das Themenfeld der Soziokulturellen Funktionalen Qualität mit 88,1%, dicht gefolgt von der Ökologischen Qualität (87,0%) und der Prozessqualität (85,3%). Aber auch die Themen Technische Qualität (78,3%) und Ökonomische Qualität (77,6%) übersteigen bei weitem die Mindestanforderungsgrenze von 65,0% für eine Platinauszeichnung.[24] Dieser dynamische Prozess der DGNB-Zertifizierung ermöglicht nicht nur die ständige Anpassung an aktuelle Bedingungen, sondern zeigt auch auf in welchen Bereichen noch Handlungsbedarf besteht und bietet einen Anreiz zur Verbesserung in diesen, aber auch in den Aspekten, der hohen Qualitäten. Der Anspruch von den Projektentwicklern ist somit, dass sich die Zertifizierung im Laufe des Prozesses bestmöglich steigert, um auch einen messbaren Erfolg für die Planung des Deutzer Hafens vorweisen zu können.[28] Vergleicht man die Bewertungskriterien des WBGU und der DGNB lässt sich feststellen, dass der DGNB ein weiteres Spektrum an Indikatoren und Bedingungen umfasst für eine nachhaltige Betrachtung eines Quartieres, vorranging erklärbar durch die Hinzunahme der Prozessqualität und seiner Sichtweise. Die Themen „3.2.1 Dekarbonisierung, Energie und Klimaschutz“ und „3.2.4 Anpassung an den Klimawandel“ des WBGU lassen sich mit den Ökologischen Qualitäten des DGNB übereinbringen, die Themen „3.2.2 Mobilität und Verkehr“ und „3.2.7 Materialien und Stoffströme“ mit den Aspekten der Technischen Qualität, die Themen „3.2.3 Baulich-räumliche Gestalt“, „3.2.5 Armutsbekämpfung und Sozioökonomische Disparitäten“ und „3.2.8 Urbane Gesundheit“ finden sich in den Soziokulturellen und funktionalen Qualitäten wieder und das Thema „3.2.6 Urbane Flächennutzung“ kann mit den Ökonomischen Qualitäten erfasst werden. Dennoch ist der Betrachtungsraum in den jeweiligen Oberthemen des DGNB kleinteiliger und vielfältiger als die des WBGU. Auch kann nicht jedes Kriterium des WBGU eins-zu-eins auf die Kriterien des DGNB übertragen werden. Ein direkter Abgleich ist so zwar möglich, aber nicht vollends aussagekräftig.[29] Man erkennt in einer Überlagerung der Netzgrafiken, dass die Bewertungsmerkmale doch recht ähnlich sind und sowohl meine eigenen Ansichten mit der WBGU-Bewertungsmatrix als auch die des DGNB weitestgehende Analogien aufweisen. Lediglich die nicht berücksichtigte Prozessqualität fällt in dieser Anschauung aus dem Raster. Partizipative Prozesse und Prozessentwicklungen werden von dem WBGU zwar vereinzelt erwähnt und gefordert, dennoch nicht als ein eigenes Handlungsfeld angesehen, bzw. gelten als ein Bestandteil der anderen Handlungsfelder.
Momentan wird von der modernen Stadt das „Handbuch Nachhaltigkeit“ erstellt, welches die Kriterien der DGNB-Zertifizierung erläutert und Leitfaden und Inspirationsquelle für die bauliche Entwicklung werden soll. Zwar gibt es schon mit dem Quartiersbuch des integrierten Plans eine Zuschaustellung der städtebaulichen Idee, dennoch wird das „Handbuch Nachhaltigkeit“ eher den Part der Gestaltungsfibel übernehmen.[28] Nach Anfrage beim Stadtplanungsamt war es mir leider nicht möglich weitere Informationen zu der Ausarbeitung zu bekommen, da das Handbuch noch keinen Stand einer Veröffentlichung hat. Das ist in der Hinsicht schade, da ich dadurch sicherlich tiefer auf die Kriterien hätte eingehen können, die der DGNB in seine Bewertung mit einbezieht, auch um den Vergleich zwischen WBGU und DGNB zu veranschaulichen, speziell in Anbetracht dessen, dass der DGNB zusätzlich zu den sozialen, ökologischen und baulichen Aspekten noch eine wirtschaftliche und partizipative, prozessorientierte Komponente mit einbezieht für ein breiteres Verständnis von Nachhaltigkeit.
4_TEIL C - DIE ANTWORT(?)
Der Deutzer Hafen bietet die Möglichkeit ein absolutes Vorzeigeprojekt für Köln zu werden. Als wichtiger Impulsgeber für die städtebauliche Entwicklung der rechten Rheinseite besitzt der Deutzer Hafen bereits jetzt, im Stand der Planung, eine entscheidende Rolle. Der angespannte Wohnungsmarkt in Köln fordert schnell neuen, innerstädtischen Wohnraum in einer Diversität an Wohnformen und zusätzlichen Nutzungsangeboten. Mit dem Areal des (bald) ehemaligen Industriehafens gibt es die Chance eine der letzten zentralgelegenen Konversionsflächen in das urbane Gefüge zu integrieren. Dabei gilt es auch die gestalterische und bauliche Qualität einer solch prominenten Lage in direkter Rhein- und Domblicklage zu berücksichtigen und entsprechend in einem Entwurf zu übersetzen.[33]
Der integrierte Plan nach dem Entwurf von COBE wird dieser Aufgabe gerecht. Man kreiert ein Quartier, welches geprägt ist durch Vielfalt in den verschiedensten Bereichen, in der hohen Nutzungsmischung, in den verschiedenen sozialen Wohnmodellen als auch in der Diversität der baulichen und freiräumlichen Gestaltung. Mit dem Deutzer Block schafft man ein sehr solides Grundkonzept, welches alle Indikatoren der Vielfalt in einem System vereint, die zudem die Historie des Ortes, die Identität der Stadt und die städtebauliche Struktur in einer Idee zusammenfasst. Dies ermöglicht es ebenso auf die Schwierigkeiten des Ortes, wie dem Hochwasserschutz oder der Lärmbelästigung, in einem einheitlichen Bild zu begegnen, ohne dabei die funktionale Relevanz der Bauteile zu vernachlässigen. Der gesamte Planungsprozess wird überdies als ein durchweg positives Ergebnis eines partizipativen Verfahrens erachtet, in welcher die Qualität der Planung und nicht die überhastete Umsetzung der Idee im Vordergrund standen.[7] Die Vorstudien zu den Schutzbelangen und Konzeptuntersuchungen boten ein fundiertes Grundgerüst für das daraus folgende kooperative Werkstattverfahren und der Wettbewerb selbst, als auch der Entwurf konnten durch eine aktive Beteiligung der Bürger durchweg profitieren, so dass die Vorzertifizierung in Platin des DGNB konsequenterweise als richtig erachtet werden muss.
Es gibt in der Tat wenig Konflikte oder gar Skepsis gegenüber dem Vorhaben, doch bestehen auch hier stellenweise Zweifel und Bedenken, nicht direkt in der Planung selbst, sondern eher in einer entwurfsgerechten Umsetzung dieser Planung. Es gilt zu vermeiden, dass die Fehler des Rheinauhafens auch im Deutzer Hafen geschehen und die angepriesene Vielfältigkeit einer Spekulationspolitik und Investorenarchitektur zum Opfer fällt. So ist der Rheinauhafen nicht für seine Bandbreite an Bewohnerschaft oder der Architekturensprache bekannt und auch das rege öffentliche Leben verdankt er eher seiner zentralen Rheinlage und nicht seiner großen Angebotsvielfalt an Freizeitmöglichkeiten. Der „normale“ Bürger verkam in der Planung des Rheinauhafens teilweise zu einem ertragbaren Übel und nicht zu einem willkommenen Teil der Belebung. Jedoch stellt sich hier ferner die Frage, ob eine so große Durchmischung, wie sie im Deutzer Hafen vorgesehen ist, überhaupt im vornherein geplant werden kann. Lässt sich Vielfalt und Lebendigkeit grundsätzlich so exakt am Reißbrett planen?[7]
Dies wird sich in Zukunft zeigen. Denn wenn man es schafft die Vision und die Versprechungen der Planung zu verwirklichen, dann kann der Deutzer Hafen eine gelungene Antwort auf die Herausforderungen zukünftiger städtebaulicher Entwicklungen sein und seiner Vorbildrolle in dieser Hinsicht sicherlich mehr als gerecht werden.
Sowohl der integrierte Plan als auch der Entwicklungsprozess sind sehr gut dokumentiert und geben einen hervorragenden Einblick in das gesamte Projekt. Für vertiefende Informationen zu dem kooperativen Werkstattverfahren, der Entwurfsplanung (dem Integrierten Plan) oder jeglicher Zwischenstände bieten die Internetseiten der modernen Stadt, bzw. der Stadt Köln umfangreiche Berichte zum Nachlesen. Eine Berücksichtigung all dieser Aspekte in dieser Ausarbeitung hätten den Rahmen bei weitem gesprengt. Dennoch empfehle ich, sollte ein Interesse bestehen, die Möglichkeiten der Dokumentation wahrzunehmen, um beispielsweise die Gebäudekubaturen, die Freiraumgestaltung oder auch die Begründung zur Wettbewerbsentscheidung der Jury besser nachvollziehen zu können. Allein diese detaillierte Zusammentragung der Informationen verdeutlicht zudem nochmals die Wichtigkeit des Deutzer Hafens als Eckpfeiler zur städtischen Zukunftsperspektive für die Schäl Sick aber auch für die gesamte Stadt Köln.
Köln, 2021
Internet:
01) URL: www.stadtmodell-koeln.de/einbau-des-deutzer-hafens-in-das-koelner-stadtmodell/, Abruf am 17.06.2021.
02) URL: https://cobe.dk/idea/deutzer-hafen, Abruf am 13.06.2021.
03) URL: https://www.modernestadt.de/projekte/deutzer-hafen/, Abruf am 13.06.2021.
04) URL: https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/stadtentwicklung/deutzer-hafen/deutzer-hafen-quartier-am-wasser, Abruf am 13.06.2021.
05) Stadt Köln, Dezernat Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Wirtschaft Stadtplanungsamt: „Deutzer Hafen, Werkstattbericht, Januar 2021 - Zum Stand der Dinge“, o. Datum, URL: https://www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf61/deutzer-hafen/deutzer_hafen_-_werkstattbericht_januar_2021.pdf, Abruf am 17.06.2021.
06) Lisakowski,Vera: „Flexibel in die Zukunft“, in: Internetseite koelnarchitektur, 26.09.2016, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/15620.htm, Abruf am 17.06.2021.
07) Klußmann, Ranghild: „Die Grenzen der Mischbarkeit ausloten“, in: Internetseite koelnarchitektur, 10.10.2017, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/18165.htm, Abruf am 17.06.2021.
08) o. Autor: „Warten auf die Meilensteine“, in: Internetseite koelnarchitektur, 08.10.2018, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/20761.htm, Abruf am 17.06.2021.
09) Schlei, Barbare: „Wider das kleinstädtische Denken - Ein Hafenspaziergang in Deutz mit Caroline Nagel, Project Director bei COBE in Kopenhagen“, in: Internetseite koelnarchitektur, 03.12.2018, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/21490.htm, Abruf am 17.06.2021.
10) o. Autor: „Im richtigen Rahmen“, in: Internetseite koelnarchitektur, 16.04.2021, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/32149.htm, Abruf am 17.06.2021.
11) URL: http://www.masterplan-koeln.de/projekte/deutzer-hafen/?L=0, Abruf am 13.06.2021.
12) URL: https://transsolar.com/de/projects/koeln-deutzer-hafen-quartier-am-wasser, Abruf am 17.06.2021.
13) URL: https://www.google.de/maps/, Abruf am 17.06.2021.
14) Stadt Köln, Dezernat Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Wirtschaft Stadtplanungsamt: „Integrierter Plan Deutzer Hafen – Quartiersbuch August 2018“, o. Datum, URL: https://www.modernestadt.de/wp-content/uploads/2018/10/181008_0072_Quartiersbuch_interaktiv.pdf, Abruf am 17.06.2021
15) Stadt Köln, Dezernat Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Wirtschaft Stadtplanungsamt: „Städtebauliche Entwicklung Deutzer Hafen Köln – Aufgabenstellung 2.0“, o. Datum, URL: https://www.modernestadt.de/wp-content/uploads/2018/06/deutzer_hafen_auslobung_160323_screen.pdf, Abruf am 17.06.2021
16) o.A: „Brückenbauen – Der erste von vielen kommenden Wettbewerben im Deutzer Hafen macht zwei neue Brücken zu Schlüsselbausteinen“, in: Internetseite koelnarchitektur, 18.03.2021, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/31702.htm, Abruf 17.06.2021
17) o.A: „Bemühe um die Mühlen“, in: Internetseite koelnarchitektur, 21.01.2021, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/31267.htm, Abruf 17.06.2021
18) o.A: „Bauen ist das beste Mittel gegen steigende Mieten“, in: Internetseite koelnarchitektur, 09.10.2019, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/25297.htm, Abruf 17.06.2021
19) o.A: „Kölner Marken – Stellungnahme zum Schutz der Denkmäler im Deutzer Hafen“, in: Internetseite koelnarchitektur, 08.09.2016, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/25297.htm, Abruf 17.06.2021
20) Klußmann, Ragnhild: „Die beste Lage kommt nach Deutz – Zwischenpräsentation der Entwürfe zum Deutzer Hafen“, in: Internetseite koelnarchitektur, 20.06.2016, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/25297.htm, Abruf 17.06.2021
21)o.A.: „Mitreden im Hafen – Auftaktveranstaltung des kooperativen Verfahrens zur städtebaulichen Entwicklung Deutzer Hafen“, in: Internetseite koelnarchitektur, 12.02.2016, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/25297.htm, Abruf 17.06.2021
22) Klußmann, Ragnhild: „Zur Zukunft des Deutzer Hafens“, in: Internetseite koelnarchitektur, 09.02.2015, URL: https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/news-archive/25297.htm, Abruf 17.06.2021
23) Henning, Martin: „Deutzer Hafen in Köln: Alles zum Mega-Projekt am Rhein“, in Internetseite 24rhein, 09.07.2021, URL: https://www.24rhein.de/koeln/innenstadt/koeln-deutzer-hafen-deutz-informationen-zahlen-fakten-projekt-90851919.html, Abruf 10.08.2021
24) URL: https://www.dgnb-system.de/de/projekte/deutzer-hafen, Abruf 11.06.2021
25) URL: https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6ln, Abruf 11.05.2021
26) URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutzer_Hafen, Abruf 10.08.2021
27) URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Blaue_Banane, Abruf 10.08.2021
28) Onlinevortrag des HDAK: „Platin für den Deutzer Hafen: Wie kann ein Stadtquartier nachhaltig geplant werden?“, 11.05.2021, URL: https://www.youtube.com/watch?v=bRfNH7c6GoA&ab_channel=HausderArchitekturK%C3%B6lne.V., Abruf 10.08.2021
29) URL: https://www.dgnb-system.de/de/quartiere/kriterien/, Abruf 10.08.2021
Literatur:
30) Dietmar, Carl; Jung, Werner: Kleine illustrierte Geschichte der Stadt Köln; 11. Auflage, J.P. Bachem Verlag; Köln, 2013
31) Mainzer, Udo: Kleine illustrierte Architekturgeschichte der Stadt Köln; 1. Auflage, J.P. Bachem Verlag; Köln, 2017
32) Hagspiel, Wolfram: Köln in Fotografien aus der Kaiserzeit; 1. Auflage, Regionalia Verlag, Rheinbach, 2016
33) Bauwens-Adenauer, Paul; Soenius, Ulrich S.: Der Masterplan für Köln - Albert Speers Vision für die Innenstadt von Köln; 2. unveränderte Auflage, Greven Verlag Köln, Köln, 2010
34) Dezernat Stadtentwicklung der Stadt Köln: Kölner Perspektiven - Städtebau, Architektur, Öffentlicher Raum; 1. Auflage, Jovis, Köln, 2016
35) Schmidt-Czaia, Bettina: Am Strom. Köln und seine Häfen von der Antike bis in die Gegenwart; 1. Auflage, Stadt Köln Historisches Archiv (Verlag), Köln, 2021
36) COBE Architects: Our Urban Living Room - Learning from Copenhagen; 2. Auflage, Arvinius + Orfeus Publishing, 2018
37) WBGU – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (2016): Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte; Berlin; WBGU
212 Reception of Antiquity in the Architecture of Vienna‘s Schottenkirche
Antikenrezeption Schottenkirche Wien
Kurzer Aufriss der Historie
Betrachtet man die Schottenkirche in Wien, auch bekannt als „Abtei Unsere Liebe Frau zu den Schotten“, so öffnet sich der davorliegende Platz der „Freyung“ nicht zur Hauptfassade der Kirche, sondern zu derer Seitenfassade. Demnach liegt nicht, wie sonst üblich, die repräsentative Schaufassade (Westfassade) zum Stadtraum, sondern die eher funktionalistischer gestaltete, weniger bedeutende Südfassade. Möchte man die Schottenkirche betreten muss nun also der Zugang über eine kleine Platzaufweitung an der Schottengasse zwischen Schottenstift und Westfassade erfolgen. Um die Westfassade in Gänze begreifen zu können bedarf es den Blick aus der Teinfaltstraße. (Abb. 1 & 2)
Dieses kleine Kuriosum deutet schon auf die abwechslungsreiche Historie der Schottenkirche hin. Im Jahr 1155 lud Herzog Heinrich II. Jasomirgott, der erste Herzog Österreichs aus dem Hause Babenberger, irische Benediktinermönche von Regensburg nach Wien ein die kirchliche Organisation zu fördern und das geistliche Leben in Wien zu stärken.[1] Diese Mönche wurden als „Schotten“ bezeichnet, aus welcher sich der Name der Kirche und des Stiftes ableitet.[2] Zu jener Zeit war die Stadtgrenze noch auf die Ausdehnung der römischen Siedlung beschränkt, so dass der Bauplatz des Klosters und der Kirche noch vor den Toren der Stadt stand und sich die Ausrichtung der Kirche dem mittelalterlichen Ideal der Ostung orientierte. (Abb. 3) Anhand der Ausrichtung der Langhausachse zum Sonnenaufgang der Grundsteinlegung ergibt sich das Jahr 1155 auch als Jahr des Baubeginns.[2] Der romanische Bau wurde beim Stadtbrand 1276 schwer beschädigt und im folgenden wieder aufgebaut und später unter anderem mit einem gotischem Chor (1446-49) ergänzt.[3]
Ihre heutige frühbarocke Gestalt (Abb. 1) bekam die Kirche zwischen 1638 und 1648 durch Andrea Allio (d.Ä. und d.J.) und Silvestre Carlone, nach Plänen Antonio Carlones und Marco Spazzios, die Fassade geht auf Filiberto Lucchese zurück.[1] Nachdem der mittelalterliche Bau nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprach und nach Einsturz einer der Türme die alte Substanz nun ebenfalls schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde, entschloss man sich mit einen Neubau zu planen.[3] Der Neubau wurde auf den Grundmauern der alten Kirche errichtet, jedoch in verkürzter Länge, dafür mit einem breiteren Mittelschiff ausgeführt. Anhand des anfangs als Campanile geplanten Glockenturms, welcher auf den Fundamenten des ehemaligen Vierungsturmes entstand, lässt sich die mittelalterliche Länge der Basilika erahnen.[2] (Abb. 4)
Anlässlich des (vermeintlichen) 800-jährigen Bestehens, wurde die Schottenkirche 1958 unter Papst Pius XII. zu einer Basilica minor erhoben.[4]
Eine bloße Beschreibung der Schottenkirche
Wie bereits erwähnt orientiert sich die Schottenkirche in einer ungefähren Ost-West-Ausrichtung (mittelalterliche Ostung nach Sonnenaufgang des Gründungsdatums)[2] und zeigt so heute seine Südfassade zum Platz der Freyung, während die Westfassade mit Eingangsportal in eine Seitengasse der Schottengasse weist (Teinfaltstraße). Das Volumen der Kirche ist eingebettet in die Gesamtanlage des Schottenstiftes, welches sich weitläufig nach Norden hin ausdehnt und einen nahezu vollständigen urbanen Block umfasst. (Abb. 2) Der Glockenturm, Anfangs als Campanile ausgebildet[2], ist über einen Gewölbegang mit der Kirche verbunden und „grenzt“ darüber an die östliche Chorwand an. (Abb. 4) Kirche und Stiftsanlage bilden eine städtebauliche Einheit, können jedoch als einzelne architektonische Bausteine gelesen werden.
Bei der Schottenkirche handelt es sich um eine Hallenkirche mit Seitenkapellen mit einem überbreiten tonnengewölbten Mittelschiff, welche den Anschein einer „Wandpfeilerbasilika“ erweckt. Die Seitenkapellen sind über Durchgänge miteinander verbunden und erzeugen dadurch den Anschein von Seitenschiffen, während der Chorraum in Achse des Langhauses als eingezogener Chor gelegen ist, also schmaler als das Mittelschiff. Das Langhaus besteht aus vier Jochen, wobei das letzte Joch als breiteres Querschiff ausgebildet ist, ohne dabei aus der äußeren Flucht hervorzutreten. Der rechteckige Chorraum ist in gestauchter Dreijochigkeit ausgeführt und besitzt auf jeder Seite einen noch aus romanischer Zeit stammendes Seitenschiff, die sog. „finstere Sakristei“ im Norden und die „Romanische Kapelle“ im Süden.[1] Sowohl Langhaus, Querschiff, Chorraum als auch die einzelnen Seitenaltäre sind tonnengewölbt. An der konisch verlaufenden Nordwand, so wie an der aus der Außenflucht abknickenden Südwand der Romanischen Kapelle lässt sich sowohl der Grundriss des romanischen Vorgängerbaus ableiten, als auch dessen Achsknick von wenigen Grad.[2] Dem Langhaus als Narthex vorgesetzt besteht das Westwerk aus den zwei Türmen, bzw. Turmstümpfen und dem mittelpositionierten Zugangsportal. Über dem Zugang des einjochigen Narthexes befindet sich die Orgelempore. Dieser Eingangsbereich ist außerhalb des Veranstaltungsbetriebes durch ein Gitter vom Langhaus abgetrennt. (Abb. 4)
Die zweigeschossige und dreigliedrige Westfassade, mit einem Dreieckgiebel gekrönten, leicht vorspringenden Mittelrisaliten, zeichnet nicht den Grundriss der Kirche im Äußeren nach. (Zur Beschreibung der Fassade siehe Abb. 1 und Abb. 10) Die Erscheinung der Schaufassade löst sich vom restlichen Bauwerk ab und stellt zunächst einen eigenen architektonischen Baustein dar, welcher sich jedoch aus der Breite der Joche der Seitenaltäre zu ergeben scheint. So nimmt die Westfassade nicht die Gliederung des Grundrisses auf, setzt deren Rhythmus trotz alledem in variierender Gestalt an der Hauptfassade fort.
Durch den quadratischen Grundriss der Türme ergibt sich in entsprechender Fortführung des „Jochs-Rhythmuses“ die Breite der Seitenrisalite, welche durch die Türme gebildet werden. Die Seitenrisalite - die Turmstümpfe - überhöhen die Traufe um ein weiteres, verringertes Geschoss und besitzen wiederum eine obere Turmtraufe, welche ungefähr die Höhe der Spitze des Dreieckgiebels des Mittelrisaliten besitzt. Jeder Turmstumpf wird an seinen Ecken von spitz zulaufenden Pyramidenfilialen betont, welche das flachgeneigte, kupfergedeckte Zeltdach mit Dachkreuz umschließen. Jedes Geschoss ist von dorischen Pilastern, sowie mit Halbpilastern zum Mittelrisaliten, gerahmt, und besitzt in dessen Symmetrieachse positioniert unterschiedlich proportionierte Wandöffnungen in gleicher Breite. Die Öffnungen liegen jeweils in einem Feld aus rauen Verputz, welche wiederum in glatt verputzten Feldern liegen. Die (Glockengeläut-)Öffnung im Geschoss der Turmstümpfe sind rundbogenartig ausgebildet und gerahmt von einer mit Voluten gefassten Ädikulaandeutung mit einen in die Turmtraufe stoßenden Dreiecksgiebel. Beide Geschosse der vertikalen Gliederung deuten eine Kolossalordnung an und vereinen zwei übereinanderliegende (Fenster-)Öffnungen unterschiedlicher Formgebung, im unteren Geschoss noch in gleichwertiger Hierarchie, im oberen Geschoss schon klar in Haupt- und Mezzaninproportion gestaltet.
Der leicht vorspringende Mittelrisalit zeichnet mit seinen vier dorischen[1] Pilastern auf jedem Geschoss eine Portikusarchitektur nach, in dessen verbreiteter Mitte, der Symmetrieachse des Mittelrisaliten als auch der gesamten Fassade, Ädikulä das Eingangsportal (unteres Geschoss) so wie ein portalähnliches Fenster (oberes Geschoss) kennzeichnen. Das eiserne, zweiflügelige, viergeteilte Eingangsportal ist von einer Ädikula in kompositer Ordnung mit emproragenden Engelskopf gerahmt bei einem gesprengten Segmentbogengiebel, in welches sich eine weitere Ädikula im Stile der oberen (Glockengeläut-)Öffnungen einstellt. (Abb. 6) In dieser Nische ist wiederum eine Marienstatue eingestellt. Die obere Ädikula indes rahmt mit reliefierten dorischen Pilastern und Dreiecksgiebel ein feingegliedertes Rundbogenfenster. Die schmaleren Interkolumnien der beiden Geschosse werden einerseits von der gleichen Fensteranordnung, wie die der Seitenrisalite gefüllt (unten), bzw. von rundbogenartigen Nischen mit oberen Architrav und eingesetzten Heiligenfiguren (oben). Der krönende Dreiecksgiebel des Mittelrisaliten wird wiederum von einer kreuztragenden Engelsfigur bekrönt. Die Pilaster der beiden Geschosse setzten sich im Giebel nach oben hin fort in dessen Mittelfeld ein Wappen zu sehen ist.
Die Fassade weist sowohl in den Einzelelementen als auch in der Gesamtkomposition eine klare Symmetrie auf. Diese wird nur durch den um eine Pilasterbreite in die Kirchenfassade einrückende Hauptfassade des nördlich angrenzenden Stiftes, in heutiger Gestalt durch Josef Kornhäusel 1826-32 errichtet[11], eingeschnitten. Die klare vertikale Gliederung der Geschosse der Gesamtfassade durch ein Geschossgesims und ein oberes Dachgesims erfolgt einheitlich über zwei ausladende toskanische Gesimse.
Die reichliche Ausgestaltung der künstlerischen Ausschmückung, wie beispielsweise der Epitaph Graf Starhembergs von Joseph Emanuel Fischer-von-Erlach[1] oder der Hochaltar im Stile der Frührenaissance von Heinrich von-Ferstel[1], sowie die verschiedenen barocken Deckenfresken soll hier Aufgrund der Themenspezifizierung auf die Antikenrezeption nicht weiter eingegangen werden. (vgl. Abb. 8 & 9)
Exkurs: Was definiert die klassische Architektur?
Die Rezeption der Antike an der Schottenkirche erfordert zunächst ein Verständnis der antiken, oder auch klassischen Architektur. Dafür gibt es gewisse Charakteristika einer gestalterischen Zusammenführung, nicht direkt in eindeutig definierbaren Stilelementen dargestellt, aber in Prinzipien der tektonischen Fügung, welche durch die Verwendung bestimmter Stilelemente eine gestalterische Ausdruckssprache findet.
Stark vereinfacht ausgedrückt ist die klassische Architektur, wie sie die antiken Römer und Griechen formuliert hatten, eine künstlerische Versinnbildlichung statisch notwendiger Einzelelemente, welche in eine harmonische tektonische Einheit gebracht werden. Die verschiedenen Gestaltungselemente bilden in teils überspitzter Art die (einst) konstruktiven Notwendigkeiten einzelner Bauteile wieder und wurden in repräsentativer oder der Natur nachempfundener Weise verziert, bzw. ornamentiert.[5] So verstand es sich, dass sich jedes Einzelteil dem übergeordneten Gesamtbild einzufügen weiß. Mit der Zeit entwickelte sich dieser Versuch einer harmonischen Gesamtkomposition einst funktionaler Elemente zunehmend zu einer rein auf die Fassade reduziertes Gestalten.[5] Dennoch lässt sich die klassische Architektur, auch in den spätesten Werken des Historismus - der vermeintlich letzten Phase der Klassik, ehe die Moderne den Bruch zu jener zu suchen scheint - am anschaulichsten mit dem Fügen von Einzelteilen zu einem harmonischen Ganzen beschreiben. Dieses frei skalierbare Zusammenspiel von Komponente und Totalität kann wohl als Hauptattribut der klassischen Architektur gesehen werden, welches aus der römisch-hellenistischen Antike erwuchs.
Dabei gibt es verschiedene Methoden, mit welchen dieses tektonische Fügen gelingen kann. Das Grundprinzip aller Gestaltungselemente ist die Dreieinigkeit, die logische Aufteilung in Anfang, Mitte und Ende.[6] Alles in der Natur Bestehende folgt dieser Logik des Unterteilen in drei Abschnitte. Auch der menschliche Körper folgt jener Logik (Kopf, Rumpf und Beine). Dieser herangezogene und idealisierte Menschliche Maßstab ist auch von welchem sich die Proportionen der antiken Baukunst her ableiten.[5] Gebäude der Klassik weisen diese „menschliche Gestaltung“ auch in ihrer vertikalen Gliederung auf, indem es stets einen festen Stand (Sockel) gibt, einen rhythmisierten Mittelteil und ein nach oben abschließendes Dach. Am eindrücklichsten wirken sich diese Proportionen auf die fünf, in der Renaissance hierarchisierten[5], Säulenordnungen aus: die Dorische, Ionische und Korinthische Säule als Abbilder des männlichen, weiblichen und jungfräulichen/mädchenhaften Körpers[7], die toskanische und komposite Ordnung als Vereinfachung bzw. Überhöhung der drei Standardordnungen.[5] Es sind diese Säulenordnungen, als Verhältnis von Säule zu Gebälk, welche das Aushängeschild der klassischen Architektur darstellen, sei es als freistehende Säule, als Halbsäule in die Wand eingelassen oder als abstrahierte Pilaster zur Gliederung von Wandflächen.[6] Neben der Übereinanderstellung der verschiedenen Ordnungen nach angeblichen Hierarchien zu einer möglichen Superposition (toskanisch-dorisch-ionisch-korinthisch-komposit)[5], ist es vor allem das taktische Nebeneinanderstellen, welches einem Gebäude sein Wesen verleiht.[6] Die Säulen erzeugen durch ihre Interkolumnien eine Geschwindigkeit mit deren Abständen, ausgehend von dessen Durchmesser der Säulen, unterschiedliche Ausdrücke entstehen.[5] Auch durch das Anordnen von Wandöffnungen kann dieser „rhythmische Tanz“ erzeugt werden.
Die zwei Hauptprinzipien der konstruktiven Fügung sind neben der Pfeiler-Balken-Konstruktion der Säulenordnungen, das Nutzen von Bögen und Gewölben.[5] Die klassische Architektur schafft eine Symbiose beider Varianten und rahmt die Bogenfelder mit Säulenordnungen zu flexibel kombinierbaren, proportional abhängigen Einzelelementen.[5] (Abb. 5) In einer gestalterischen wie statischen Kombination von klaren Geometrien (Kreis, Oval, Quadrat, Rechteck, Dreieck; Kugel, Kegel, Pyramide, Würfel, Quader) entstehen gerasterte Strukturen und klare als auch komplexe Ordnungssysteme, so wie gestalterische Verhältnismäßigkeiten und proportionale Zusammenhänge.[6]
Die Architektur der Klassik verfügt über gewisse Stilelemente, welche stellvertretend für deren Sprache stehen. Die Kolossalordnung, die Ädikula, das Palladio-Motiv (Abb. 5), oder die Ornamentik wären hier beispielhaft zu nennen. Doch sind diese alle nur die künstlerische Folge der oben genannten Grundprinzipien der klassischen Architektur. In der Vertikalen verhält sich die Klassik wie ein gravitatives tektonisches Schichten von Einzelelementen, in der horizontalen sucht es den rhythmischen Takt, um der harmonischen Gesamtkomposition getreu zu werden.
Antikenrezeption der Schottenkirche
Die bloße Beschreibung der Schottenkirche bot ein Verständnis des Arrangement des Baus und dessen Einzelelementen und bildet die Grundlage der weiteren Analyse. Die in aller Kürze dargelegte Aufarbeitung der Theorie der klassischen Antike erläutert Denk- und Anwendungsmuster für referenzielle Bauaufgaben der damaligen, barocken, Zeit. In Kombination Beider kann nun der eigentlichen Frage der Antikenrezeption der Schottenkirche nachgegangen werden. Dafür werfen wir zunächst einen Blick auf die damaligen Architekten. Diese sind allesamt aus Italien oder dem Tessin stammende Steinmetze oder Baumeister aus europaweit agierenden Architekten- und Steinmetzfamilien[3]. Die erste Bauausführung obliegte zunächst dem aus der Lombardei stammenden Marco Spazio[8] so wie Antonio Carlone, welcher später durch Andrea Allio d.Ä. und d.J in Zusammenarbeit mit Silvestre Carlone ersetzt wurden.[1] Der Entwurf der Westfassade wiederum geht wahrscheinlich auf den Tessiner Filiberto Lucchese zurück[1], welcher ebenfalls für die Gestaltung des Leopoldinischen Traktes der Hofburg, sowie für die Fassade der Kirche am Hof verantwortlich sein soll.9 Demzufolge ist es nicht verwunderlich woher der starke Einfluss der italienischen, ferner der klassisch-antiken, Architektur an der Gestaltung rühren. Zudem ist die klar definierte Dreiteilung in den Kirchenfassaden des Barocks ein immer wiederkehrendes Muster, welches sich bereits in der Renaissance zu etablieren begann (z.B. Vignolas Il Gesú in Rom). Die Erscheinung wird im weiteren dann davon geprägt, ob die Fassadenseite betürm, oder turmlos ist. Es entstehen folglich entweder die charakteristischen Dreierrhythmen hoch-tief-hoch oder tief-hoch-tief in Analogie zu den Motiven der Triumphbogenarchitekturen des Antiken Roms mit ihren Rhythmen aus eng-weit-eng.[5] (Abb. 12 und 14)
Auch wenn das Triumphbogenmotiv nicht unmittelbar an der Schottenkirche Anwendung fand, ist die Adaption des Schemas „eng-weit-eng“ klar erkennbar in Querschnitt und Westfassade. (Abb. 4 & 10) Stattdessen findet sich auf dem Mittelrisalit das nicht weniger gängige Portikus- bzw. Tempelfront-Motiv wieder, welches im weiteren Sinne die Schauseite eines antiken Tempels darstellt. (Abb. 14) Die angedeutete Tempelfront kann als eine Analogie eines Gotteshaus im generellen gelten. So zeigt sich die Fassade der Kirche als ein Haus Gottes, in dem es auf antike Vorbilder zurückgreifend eine symbolische Verbindung versucht zu schaffen. Wohingegen der antike Tempel als konkrete Gesamtkopie bis in das späte 18. Jahrhundert keine direkte Adaption fand und sich lediglich in angedeuteten Portikus-Motiven zeigte, Rundtempel beispielsweise aber sehr wohl Einzug in die Kirchenarchitektur fanden.[5] Grundsätzlich ist der Typus der Basilikakirche ein auf die römische Basilika zurückführende Adaption5 und als solches schon eine Übernahme antiker Ideen. Die Typologie der Basilika vereint auch ein durch die Römer geschaffenes Konstruktionsprinzip, welches erst den Bau von Räumen jener Ausmaße wie der von Kirchen ermöglichte. Das Gewölbe, als Extrusion des Rundbogens, wird in dem tonnengewölbten Mittel- und Querschiff, als auch in den quergestellten Seitenkapellelen verdeutlicht. (Abb. 8) All diesem inhärent ist das Grundprinzip der Dreieinigkeit. Sowohl Grundriss, Querschnitt als auch Fassade lassen das Prinzip eindeutig ablesen. (Abb. 12) Nicht nur das lassen sie auch einen klaren Takt in der Gestaltung erkennen. Wie bereits weiter oben erwähnt, gibt es einen Rhythmus, welcher über das Gebäude gelegt wurde und die verschiedenen Bauteile miteinander verbindet und in eine gemeinsame Ordnung bringt; die Symmetrie dient als Dirigent der Taktgebung und schafft die Kohärenz des Grundrisses anhand der Längsachse und der Westfassade mit seinen verschiedenen Stilelementen. Dynamik erlangt der Bau dort, wo die Symmetrie durch das heranrückende Stiftsgebäude berührt wird und wo die sich alten romanischen Überbleibsel nicht dem Duktus der barocken Vollkommenheit beugen wollen, welcher wiederum auf den Fundamenten des romanischen Vorbaus fußt.[2] (Abb. 13 & 7)
Dreieinigkeit, Rhythmus und Symmetrie geben die Grundlage für die auf die Klassik zurückgreifenden Stilelemente. Die Verwendung klarer geometrischer Formen, wie Quadrat, Rechteck (ungefähr im Verhältnis 2:1 und 3:2) Dreieck, (Halb)Kreis und Oval werden gezielt auf die Symmetrieachsen der verschiedenen Felder (Risalite, Interkolomnien) gesetzt. (Abb. 13) Die Südfassade wird durch von Lisenen gegliederte Thermenfenster bestimmt, im für den Barock typischen Kontrast repräsentativer Schaufassade und eher funktionalistischer Seitenfassade. (Abb. 7) Die Umrahmungen der Ädikulä erhalten teilweise ihre barocke Dynamisierung (Glockengeläutöffnungen in den Turmstümpfen, mit rundbögigen Sprenggiebel betontes Portal[5] (Abb. 16)) oder nehmen direkten Bezug auf die antik-römische Architektur.[10] Grundsätzlich zeigen sich die Ädikulä in vielfältiger Ausformulierung an der Westfassade der Schottenkirche oder lassen sich auch an der zur Freyung zugewandten Südseite erkennen, so wie am Jasomirgott-Denkmal an der südlichen Quersschifffassade, wenngleich die Ornamentierung der Südseite erst im 19. Jh. erfolgte. (Abb. 7) Die dorischen[1] Pilaster gliedern die Fassade streng und verleihen ihr eine klare Rhythmik mit Betonung der zentralen Achse. Die Seitenrisalite werden von je einem Pilaster und einem Halbpilaster zum Mittelrisalt gerahmt, der Mittelrisalit wird im Schema „eng-weit-eng“ aufgeteilt. Sowohl die Verwendung eines der Grundordnungen der Antike, als auch deren Anordnung verweisen eindeutig auf die klassische Architektur. Die Pilaster lassen durch die Fassung zweier übereinanderliegender Fenster eine Kolossalordnung erkennen. Die Übereinanderstellung der Pilaster hingegen führt nicht zu einer Superposition im klassischen Sinne6, sondern findet eine sinngemäße Abwandlung der oberen Pilaster, indem diese am oberen Ende weiter plastiziert werden und das Gebälk eine Ebene verliert. (Abb. 15) Im Inneren findet sich das Tabulariummotiv in der Kombination aus Pilaster (Säule) und Rundbogen bei der Rahmung der Seitenkapellen und der Gliederung des Innenrums. Die Pilaster verlaufen in ihrer Verlängerung als Gurte entlang des Tonnengewölbes und gliedern Entsprechendes. (Abb. 9)
Die Stilelemente im Inneren, wie im Äußeren fügen sich der Gesamtordnung und ergeben ein im klassischen Sinne harmonisches Gesamtbild und wirken wie tektonisch Gefügt in der Idee der Architektur der Antike. Trotz seiner typischen barocken Abwandlungen ist die Herkunft der Klassik an der Schottenkirche noch eindeutig abzulesen und trägt dem italienischen Bilde Wiens in unterstützender Weise auch heute noch bei.
Wien, 2024
1) BDA - Bundesdenkmalamt: Dehio Handbuch Wien - I. Bezirk - Innere Stadt, Verlag Berger, Horn/Wien, 2003, S. 144-157
2) Reidinger, Erwin; Csendes, Peter; Flachenecker, Helmut: Die Schottenkirche in Wien. Lage - Orientierung - Achsknick - Gründungsdatum; Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege, 2007, Wien
3) Wikipedia: Schottenkirche (Wien); Homepage: Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Schottenkirche_(Wien) [Stand 12.12.2024]
4) Wien Geschichte Wiki: Schottenkirche; Homepage: Wien Geschichte Wiki; URL: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Schottenkirche [Stand 12.12.2024]
5) Summerson, John; Powers, Alan: World of Art. The Classical Language of Architecture; 3. Auflage (1963), Thames & Hudson, London, 2023
6) Tzonis, Alexander; Lefaivre, Liane: Bauwelt Fundamente. Das klassische in der Architektur. Die Poetik der Ordnung; Friedrich Vieweg & Sohn, Braunschweig, 1987
7) Vituvius, Pollio: Zehn Bücher über die Architektur; Anaconda Verlag, München, 2019
8) Wikipedia: Marco Martino Spazio; Homepage: Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Marco_Martino_Spazzio [Stand 06.01.2025]
9) Wikipedia: Filiberto Lucchese; Homepage: Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Filiberto_Lucchese [Stand 06.01.2025]
10) Schottenpfarre: Schottenkirche; Homepage: Schotten.Wien; URL: https://schotten.wien/schottenpfarre/schottenkirche/ [Stand 12.12.2024]
11) BDA - Bundesdenkmalamt: Dehio Handbuch Wien - I. Bezirk - Innere Stadt, Verlag Berger, Horn/Wien, 2003, S. 157-163
12) Wien Museum Online Sammlung: Schottenkirche; Homepage: Wien Museum Online Sammlung; URL: https://sammlung.wienmuseum.at/suche/?iconclasses=1027470 [Stand 12.12.2024]
13) Schmidt-Colinet, Andreas; Plattner, Georg A.: Antike Architektur und Bauornamentik. Grundformen und Grundbegriffe; Facultas Verlags- und Buchhandlungs AG WUV, Wien 2004
Abbildungen:
Abb. 1) Titelblatt; eigene Darstellung
Abb. 2 ) Schwarzplan; eigene Darstellung
Abb. 3) Lageplan historisch; Wien Museum Online Sammlung, URL: https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/111002-kk-haupt-und-residenzstadt-wien-in-dem-jahre-1147-nebst-14-ansichten-der-vorzueglichsten-gebaeuden-neurer-zeit-von-carl-graf-vasquez/
Abb. 4) Grundriss mit Rhythmik und Symmetrie; eigene Darstellung, Plandarstellung: Stadt Wien - Wiener Archivinformationssystem, URL: https://www.wien.gv.at/actaproweb2/benutzung/archive.xhtml?id=Stueck++00000597m08alt#Stueck__00000597m08alt
Abb. 5) Tabulariummotiv; Wikipedia Tabulariummotiv, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Theatermotiv#/media/Datei:Fotothek_df_tg_0001618_Architektur_%5E_Bauwesen_%5E_Torbogen_%5E_toskanische_ Ordnung.jpg
Abb. 6) Fassadendetail; eigene Darstellung
Abb. 7) Südfassade mit Thermenfenstern; eigene Darstellung
Abb. 8) Innenraum Tonnengewölbe; eigene Darstellung
Abb. 9) Innenraum Seitenkapellen; eigene Darstellung
Abb. 10) Stich Salomon Kleiner 1724; Wien Museum Online Sammlung, URL: https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/180985-die-abttey-zun-schotten-und-pfarr-kirchen-der-p-p-benedictiner-schottenkirche-freyung-aus-wahrhafte-und- genaue-abbildung-1-teil-abb-4/
Abb. 11) Motiv Dreiteilung Fassade; eigene Darstellung
Abb. 12) Motiv Triumphbogen Grundriss; eigene Darstellung
Abb. 13) Motiv Rhythmik & Symmetire Fassade; eigene Darstellung
Abb. 14) Motiv Portikus als Tempelfront; eigene Darstellung
Abb. 15) Motiv Dorische Kolossalordnung & Superposition; eigene Darstellung
Abb. 16) Motiv Ädikulä & Öffnungen; eigene Darstellung
Abb. 17) Motiv Tektonische Schichtung; eigene Darstellung
























